Monatelang nicht ins Theater gehen, kein Ballett sehen? Nun, damit muss man sich zurzeit abfinden. Endlos Material auf DVD hat man schließlich auch nicht. Ein Buch über Tanz zur Hand zu nehmen, ist zwar ganz nett, aber nur bedingt ein Ersatz: Denn Tanz lebt bekanntlich von der Inszenierung, der Schönheit der Bewegungen und ihrer Körper. Auch dafür – neben Oper und Konzert – ist das Internet ein heißbegehrter Ersatzstoff gegen Entzugserscheinung für alle Ballettomanen und jene, die vielleicht einmal einem neuen Kunstgenre ihre Zeit – und in diesem Fall meist sogar kostenlos – widmen wollen. So bieten sowohl die großen Häuser als auch freie Kompanien oder Plattformen Live-Streams und Online-Programme an – es folgt eine Auswahl aus dem umfassenden internationalen Angebot.

Also: Computer hochfahren und los geht es - gleich mit der Wiener Staatsoper. Angesichts der strikten Beschränkungen öffnet die Wiener Staatsoper seine Livestream-Archive und zeigt Aufzeichnungen früherer Ballettvorstellungen. "Dabei kann dieses Online-Programm mit wenigen Ausnahmen sogar dem ursprünglich geplanten Spielplan folgen", hieß es aus der Staatsoper. Nach der Registrierung auf www.staatsoperlive.com ist das Abonnement bis auf weiteres kostenlos buchbar. Auf dem Programm steht etwa am Dienstag, 21. April, die Aufzeichnung aus 2017 von "Le Pavillon d’Armide/Le Sacre" in der Choreografie des Hamburger Starchoreografen John Neumeier mit dem Wiener Staatsballett. Mittwoch, 29. April, ist eines der Highlights aus der Ära des Ballettchefs Manuel Legris zu sehen: "Le Corsaire". Legris kreierte für sein Ensemble eine heutigere Version des Klassikers, die die französische und russische Aufführungstraditionen des Werks vereint.

Die  Bayerische Staatsoper zeigt in ihrem Streaming-Angebot bis 24. April den zeitgenössischen Abend "Portrait Wayne McGregor" mit seinen Stücken "Kairos", "Sunyata" und "Borderlands". An der Wiener Staatsoper war der Choreograf 2017 mit "Eden/Eden" zu Gast. Laut einer Sprecherin der Bayerischen Staatsoper arbeite man an einer Erweiterung des Online-Programms.

Ballett ohne das Bolschoi Theater in Moskau zu erwähnen, wäre ein Frevel: Auf seinem Youtube-Kanal  stellt es mehrere seiner stets ausverkaufen Ballett- und Opernaufführungen erstmals überhaupt im Internet zur Verfügung. Auf dem Programm stehen Klassiker wie "Le Corsair" und zahlreiche Künstlerinterviews. Nach Erstausstrahlung sind die Werke 24 Stunden abrufbar.

Eine gute Adresse für digitale Tanzkunst findet man auch auf der Website bei der Pariser Oper www.operadeparis.fr/en/magazine/replayHier gibt es etwa Rudolf Nurejews "Cinderella" oder "Tribute to Jerome Robbins". Beides äußerst sehenswerte tanzhistorische Highlights.

Unter dem Motto "Das Stuttgarter Ballett tanzt weiter – on Demand auf den Bildschirmen der Ballettfans!" ist das Ensemble auch auf Youtube zu finden. Außerdem haben die Tänzerinnen und Tänzer unter dem Motto #westayhome kurze Videos aufgenommen, die Einblicke in ihren Ballettalltag in Quarantäne geben.

Das Hamburg Ballett John Neumeier  veröffentlicht wöchentlich Aufzeichnungen seiner bisherigen Produktionen. Als Video on Demand findet man: "Tod in Venedig" (23. April), "Die Kameliendame" (25. April),  "Beethoven-Projekt" (30. April) und "Illusionen – wie Schwanensee" (7. Mai) für 48 Stunden. Neun Tage später wird die jeweilige Produktion ein zweites Mal für 48 Stunden verfügbar gestellt. Außerdem ist das "Beethoven-Projekt" auch in der arte-TVthek zu finden. Das Hamburg Ballett bietet ein vielseitiges Online-Programm mit unveröffentlichtem Video-, Bild- und Audiomaterial zu den entfallenden Vorstellungen von Junge Choreografen. Darüber hinaus bietet die Seite auch ein virtuelles Training mit den Tänzern wie Lloyd Riggins und Madoka.

Übrigens: Wie bereits erwähnt bietet der deutschfranzösische Kultursender arte hat auf Stichwort Concert, eine breite Palette an zeitgenössischer Tanzkultur – von Sidi Larbi Cherkaouis "Shell Shock" bis Akram Khans "Xenos".

Hat man schließlich die Websites der Opernhäuser hinter sich gelassen – manche wünschen sich lobenswerterweise beim Öffnen der Videos eine freiwillige Spende zu Gunsten der freischaffenden Künstler – gibt es noch Filmplattformen und die üblichen Streamingdienst-Anbieter mit Tanzfilmangeboten: Gratis kann man sich die meisten avantgardistischen
Tanzkurzfilme auf www.nowness.com ansehen.

Die Fedora-Plattform bündelt viele Streaming-Angebote der großen europäischen Theater und bietet Ballettliebhabern eine große Auswahl an Ballettvorstellungen.

Fidelio, die Online-Streaming-Plattform des ORF und der Unitel, stellt ein
Schnupperabo mit etliche Ballettproduktionen 14 Tage gratis zur Verfügung,
danach jedoch ist es kostenpflichtig. Zu sehen gibt es etwa das beliebte "Max und Moritz"-Ballett aus der Wiener Volksoper oder "Don Quixote" mit dem Staatsballett.

Auch über kompanieeigene Youtube-Kanäle, wie sie zum Beispiel das Royal Ballet London  oder das Het Nationale Ballet  füllen, gelangen zumindest Eindrücke auszugsweise ins Wohnzimmer.  Und Youtube bietet selbstredend eine Unzahl an historischen Tanzstücken, die bis heute nicht von ihrer Faszination verloren haben – eines der erwähnenswerten Beispiele dafür ist  "Don Quixote" mit Mikhail Baryshnikow und Cinthia Harvey des American Ballet Theatre aus dem Jahr 1983. Einfach großartig und unvergesslich.