Dieser Theaterbesuch beginnt mit einem Zoom-Link, das Programm für Videokonferenzen ist dieser Tage weit verbreitet. Nacheinander poppen die Besucher auf dem Bildschirm auf. "Schließe deine Augen und atme tief ein", sagt Host Mario Sinnhofer, der als eine Art Conférencier durch die Veranstaltung führt.

Augen schließen? Nicht gerade der übliche Beginn einer Performance. Wer beim Online-Projekt "Jump!Star Simmering" mitmacht, muss schleunigst eingelernte Bühnenkonventionen hinter sich lassen. "Jump!Star Simmering" ist alles andere als gewöhnliches Theater, es ist eher ein virtueller Begegnungsraum, in dem sich täglich um 17 Uhr MEZ Menschen aus aller Welt einfinden können, um 80 Minuten miteinander zu verbringen. Das Projekt läuft noch bis 3. Mai. Der Ablauf bleibt gleich, der Inhalt variiert: Täglich ist ein anderer Gast geladen, der eine Stunde lang eine Art Mitmachprogramm entwirft, abschließend wird gemeinsam vor dem Bildschirm gesprungen und gesungen. Nicht zu vergessen: Jeder flicht für sich an einem Stoffband, das am Ende zusammengeführt wird.

Am Montag gestaltete eine gewisse Mata Hari die Stunde. Hinter dem Künstlernamen verbarg sich ein Mitglied der Radical Faeries, das ist eine weltweite Männerbewegung, die Queerness und New Age-Spiritualität miteinander verquickt. Mata Hari führte mit uns 18 "Jump!Star"-Teilnehmern einen sogenannten "Herzenskreis" durch: Jeder, der möchte, erzählt etwas von sich. Das ganze Unternehmen lebt natürlich allein von der Offenheit der Teilnehmer. Am Montag waren hauptsächlich Frauen mit von der Partie, junge und ältere, aus Wien und New York, aus Ohio, Brasilien und Luxemburg, viele gewährten erstaunliche Einblicke in ihre momentane Lebenssituation und ihre Beweggründe, an dem Projekt teilzunehmen. Eine junge Frau aus den USA berichtete etwa davon, dass ihre Vorfahren vor den Nazis geflohen waren, sie verwendet nun Textilien ihrer Großeltern für die Flechtarbeit, es bedeute ihr viel, den Stoff auf diese Weise zurück nach Wien schicken zu können. Zufällige Rituale, wie das gemeinsame Flechten an einem Stoffzopf, standen am Beginn des Projekts. Astronomen haben beobachtet, dass sich der Nordstern, Fixstern am Firmament, verändert und im Laufe von Jahrhunderten vermutlich ganz verschwinden wird. Die New Yorker Künstlerin George Ferrandi hat 2017 in den USA das groß angelegte Kunstprojekt "Jumpstar" initiiert, bei dem Künstler, Wissenschaftler und Interessierte zusammenkommen, um gemeinsam Rituale zu erfinden für ein Nordstern-Farewell, üblicherweise im Rahmen eines Kunstfestivals.

Auch in Wien sollte ursprünglich ein Minifestival in Simmering stattfinden, erst durch das derzeit geltende Aufführungsverbot wurde aus "Jump!Star" ein virtueller Begegnungsraum, mit ganz eigenen Möglichkeiten. Im Herbst, so die Initiatoren, soll das Fest real nachgeholt werden.