Selten genug kommt es vor, dass ein Opernintendant, der selbst keine künstlerischen Ambitionen verfolgt, einen Platz in der Operngeschichte erhält. Bei dem am 22. April verstorbenen Engländer Sir Peter Jonas wird das geschehen: Jonas wird in die Opernannalen eingehen als einer der großen Ermöglicher.

Jonas, am 14. Oktober 1946 in London geboren und 1999 für seine Verdienste von Königin Elizabeth II. geadelt, hatte an der University of Sussex Englische Literatur studiert, ehe er auf Oper und Musikgeschichte umschwenkte und diesen beiden Fächern am Royal Northern College of Music in Manchester, dem Royal College of Music in London und an der Eastman School of Music in Rochester (New York) akademische Grade absolvierte.

Erste Erfahrungen im Musikmanagement sammelte Jonas, als er 1974 als Assistent von Sir Georg Solti, zu diesem Zeitpunkt Chefdirigent und Generalmusikdirektor des Chicago Symphony Orchesters, nach Chicago wechselte.  Nur zwei Jahre später wurde Jonas zum künstlerischen  Betriebsdirektor des Chicago Symphony Orchestra ernannt. Elf Jahre dauerte seine Amtszeit, in der er eine beispielhafte Zusammenarbeit von Komponisten, Solisten, Dirigenten und Orchestermusikern initiierte.

"Powerhouse" in London

1985 trat Jonas sein neues Amt als Generaldirektor der English National Opera (ENO) in London an. Innerhalb kürzester Zeit gelang es Jonas, dem konzeptlos dahindümpelnden Haus das internationale Ansehen zurückzugewinnen. Sein Ansatz war, die ENO nicht als zweitklassige Covent Garden Opera zu verstehen, sondern als ein ganz eigenes Haus mit einem ganz eigenen Profil. Sein Vorgänger, Lord Harewood, hatte bereits den Dirigenten Mark Elder und den Regisseur David Pountney an das Haus verpflichtet. Zusammen mit Jonas bildeten die drei nun ein Führungstriumvirat, das in der Presse als "Powerhouse" gefeiert wurde. Es gab aufsehenerregende Produktionen von Debussys "Pelléas et Mélisande", Wagners "Parsifal", Verdis "Macbeth", Schostakowitschs "Lady Macbeth aus Mzensk", Brittens "Billy Budd", "Gloriana" und "The Turn of the Screw", Prokofiews "Krieg und Frieden" und Händels "Xerxes" in der Regie von Nicholas Hytner. Das "Powerhouse" endete 1992, als Jonas, Pountney und Elder gemeinsam der ENO den Rücken kehrten.

Am 1. September 1993 wurde Sir Peter Jonas zum Staatsintendanten der Bayerischen Staatsoper. Dieses Amt hatte er bis August 2006 inne. Jonas erweiterte das Repertoire des Hauses um zahlreiche Barockopern und rief das Projekt "Oper für alle" ins Leben.

Ein zentrales Anliegen waren ihm auch in München die Werke zeitgenössischer Komponisten. So fielen in seine Amtszeit die Urauffürungen von Krzysztof Pendereckis "Ubu rex", Hans-Jürgen von Boses "Schlachthof 5", Hans Werner Henzes "Venus und Adonis", Manfred Trojahns "Was ihr wollt", Aribert Reimanns "Bernarda Albas Haus", Jörg Widmanns "Das Gesicht im Spiegel" und Wolfgang Rihms "Das Gehege". Kein Wunder, dass sich das Publikum nicht immer nur begeistert zeigte.

Neue Wege für München

Zumal Jonas auch im klassischen Repertoire neue Wege beschritt: Nicht nur holte er moderne Regisseure ans Haus, er favorisierte auch speziell bei den Barockopern einen frischen, von Spiellaune und ironischer Leichtigkeit geprägten Aufführungsstil. Damit verursachte Jonas im konservativ geprägten München zuerst Naserümpfen, bald aber war klar, dass er mit diesem Zugang die Oper für ein breiteres Publikum denn je attraktiv machte. Einen großen Beitrag dazu leisteten auch seine musikalischen Leiter Peter Schneider (1993-1998) und Zubin Mehta (1998-2006). Jonas und Mehta verzichteten gemeinsam auf eine Vertragsverlängerung über das Jahr 2006 hinaus.

Als Nachfolger von Götz Friedrich übernahm Jonas von 2001 bis April 2005 das Amt des Ersten Vorsitzenden der Deutschen Opernkonferenz, der Vertretung der Opernhäuser im Deutschen Bühnenverein. Ab 2005 war er Stiftungsratsmitglied der "Oper in Berlin" und Beiratsmitglied der Technischen Universität München.

"Britische Coolness"

Klaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, würdigte seinen Vorgänger mit den Worten, Jonas sei "für München ein Glück" gewesen, denn: "Mit englischem, oftmals das Absurde streifenden Humor und großer Disziplin und britischer Coolness schuf der Kinofan und allem Visuellen aufgeschlossene Sir Peter hier einen neuen Blick auf die Opernkunst", so Bachler. "Seit der Ära Jonas hört das Publikum in München (auch) mit den Augen. Wir werden ihn vermissen und uns seiner dankbar erinnern - auf der ganzen Welt und gerade in München."

Sir Peter Jonas ist den Folgen einer Krebserkrankung erlegen, gegen die er Jahrzehnte angekämpft hatte.