"Wiener Zeitung": Was wird am 7. September 2020 passieren? Startet Ihre Direktion planmäßig mit "Madama Butterfly"?

Bogdan Roščić: Das weiß niemand. Wenn die Staatsoper spielen darf, dann wird sie das auch, und ich gehe derzeit von einem planmäßigen Beginn aus. Diese Spielzeit hat eine hohe Anzahl von Neuproduktionen, die Idee dahinter war eine Erneuerung des Kernrepertoires. Die Staatsoper kann das aus eigenen Ressourcen nicht so rasch schaffen. Das geht nur, indem man auch Übernahmen einsetzt. Dabei wird alles neu erarbeitet. Das sind keine Gastspiele, das sind dauerhaft ins Repertoire eingehende Produktionen, die ich für exemplarisch halte, manche sogar für legendär. Um in einer zehnmonatigen Saison zehn Premieren hinzukriegen, war es nötig, auch mit einer zu eröffnen. Dafür muss man vor dem Sommer oder im Sommer proben. Das ist der wunde, unberechenbare Punkt.

Wie realistisch ist ein Probenbeginn im Juni?

Das hängt nicht von den Probenbedingungen ab – die kennen wir ja noch gar nicht. Wir haben sicher den Vorteil, dass wir im Sommer noch keine Endproben mit Orchester oder Chor haben. Es geht um Studioproben, in denen man mit Einschränkungen noch umgehen kann. Doch die Künstler sind über ganz Europa verstreut. Wenn wir sie alle im Juni nicht nach Wien bringen, werden wir das im August tun. Wir arbeiten mit verschiedenen Szenarien und tasten uns voran. Eine andere Grundlage haben wir nicht.

Wie sehen diese alternativen Szenarien aus?

Die Staatsoper hat mehr als 130 Produktionen, die sie spielen könnte – manche mit mehr Aufwand, manche mit weniger. Wenn wir also den sehr arbeitsintensiven französischen "Don Carlos" in der Regie von Peter Konwitschny im Herbst aufgrund der Corona-Krise nicht auf die Bühne schaffen, gibt es Werke, die sich als Ersatz anbieten. Bis wir dann den eigenen Probenplan sozusagen eingeholt haben. Das ist wie ein Reißverschlusssystem.

Liest man Ihr erstes Programm, kommt Festivalstimmung auf. Acht von zehn Premieren kommen aus anderen Häusern oder sind Koproduktionen. Wird Wien eine Durchreisestation im internationalen Opernzirkus?

Die Produktionen reisen ja nicht durch. Sie kommen ins Repertoire. Dass einige dieser Übernahmen mit großen Namen verbunden sind, ist auch ein Qualitätsurteil. Es werden in Wien aber auch Regisseure arbeiten, von denen man hier noch nie etwas gehört hat.

Es gibt da auffallend viele Debüts. Welchen Stellenwert hat Regie in der Oper für Sie?

Den allerhöchsten. Es gibt kein Musiktheater ohne Regie, hat es noch nie gegeben. Die Frage nach der Relevanz von Regie ist gleichbedeutend mit der nach brillanten Musikern.

Die sehr schauspielerbezogenen Arbeiten eines Frank Castorf oder Simon Stone, wie sollen die in den Alltag des Repertoiresystems passen?

Der Anspruch ist bei jeder Produktion, dass sie im Repertoire spielbar ist. Und manches davon, wie die "Carmen" von Calixto Bieito, muss alljährlich gespielt werden. Aber schon jetzt hat die Staatsoper Produktionen, die sehr schnell auf die Bühne zu stellen sind, und solche, die ausführliche Bühnenproben brauchen. Die Kunst liegt darin, darauf in der Disposition Rücksicht zu nehmen.

Sie haben auch ältere Inszenierungen ausgegraben, den Ponnelle-"Figaro" und die "Elektra" von Harry Kupfer.

Diese "Elektra" ist wunderbar, der Ponnelle ein großer Wurf. Wenn ein Theater mehr als eine Version eines Werkes hat, dann kann man das ja einmal zeigen. Bei der "Elektra" kann ich mir vorstellen, sie weiter zu spielen. Der "Figaro" - ein Werk, das meiner Meinung nach jedes Jahr aufgeführt werden muss - kommt 2022 neu mit Barrie Kosky und Philippe Jordan.

Apropos Jordan. Wie viele Abende wird Ihr Musikdirektor am Haus dirigieren?

Pro Saison zwischen 30 und 40. Derzeit eher 40.

Musikdirektor Philippe Jordan soll pro Saison rund 30 Abende leiten. - © APAweb / apa / Georg Hochmuth
Musikdirektor Philippe Jordan soll pro Saison rund 30 Abende leiten. - © APAweb / apa / Georg Hochmuth

Namhafte Dirigenten kehren ans Haus zurück, Franz Welser-Möst etwa, Bertrand de Billy. Wie stark sollen sie die Staatsoper prägen?

Sehr stark. Ein Repertoirehaus mit dermaßen vielen Abenden kann eine große Anzahl von Gastdirigenten haben, also eher das Prinzip der Durchreisenden. Oder es kann versuchen, eine kleinere Riege nachhaltiger am Haus zu beschäftigen, denen auch ein bestimmtes Repertoire zugeordnet ist. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden.

Der Name Teodor Currentzis ist immer wieder gefallen. Wann wird er kommen?

Der Name ist deshalb gefallen, weil er so ein Reibebaum ist und man weiß, dass ich seit 2011 Platten mit ihm gemacht habe. Herr Currentzis lässt sich nicht einfach buchen. Die Zusammenarbeit mit dem Staatsopernorchester, sprich den Wiener Philharmonikern, ist in der Vergangenheit nicht ideal verlaufen, das sehen wohl beide Seiten so. Daher muss man da erst noch zueinander finden. Also ist Currentzis nur zu haben, wenn man ihn mit seinem eigenen Orchester einlädt. Das habe ich vor.

Hatte keinen friktionsfreien Start mit den Wiener Philharmonikern, soll aber an die Staatsoper kommen: Teodor Currentzis. - © APAweb / afp / Stephane de Sakutin
Hatte keinen friktionsfreien Start mit den Wiener Philharmonikern, soll aber an die Staatsoper kommen: Teodor Currentzis. - © APAweb / afp / Stephane de Sakutin

Kaufmann, Schrott, Garanča, Netrebko singen: Welche Rolle spielt Besetzungsluxus für Sie?

Luxus darf man das nicht nennen. Die Staatsoper muss den Anspruch haben, die jeweils Besten auf der Bühne zu versammeln. Jede Direktion definiert für sich, wer diese Besten sind. Aber die Liste dieser Namen ändert sich auch, und zwar ziemlich rasant. Die genannten Künstler gehören natürlich zur Weltspitze. Und werden selbstverständlich weiter in Wien zu hören sein. Das Tolle an der Oper ist ja: Menschen werden über Nacht zum Star.

Punkto Besetzungsluxus: Sie haben im "Rosenkavalier" tatsächlich Piotr Beczała als "einen Sänger"?

Das ist auch Staatsoper. Diese zwei Minuten sind ein solcher Genieblitz von Strauss - Piotr ist da und hat eine Riesenfreude, das zu machen.

Plácido Domingo ist 2020/21 als Boccanegra und Nabucco gebucht. Wird er auftreten, trotz der MeToo-Vorwürfe?

Domingo will sich von seinem Wiener Publikum verabschieden. Ich habe diese Verträge vor langem geschlossen und auch vor, sie zu erfüllen.

Die kleine Spielstätte in der Walfischgasse verschwindet, die Kinderoper wandert zurück ins große Haus. Was für eine Rolle spielt junges Publikum für Sie?

Eine große. Das zentrale Projekt der neuen Direktion ist die Öffnung des Hauses. Das betrifft aber nicht nur Kinder, sondern einige andere Publikumsgruppen, die derzeit nicht intensiv die Oper besuchen. Wir sind dafür auf der Suche nach einer zweiten Spielstätte. Ich denke, die Institution Staatsoper muss Präsenz zeigen, auch über den eigenen "Kasten" hinaus.

Ihre erste Spielzeit bietet auch Musik des 20. Jahrhunderts. Wie steht es mit Stücken der Gegenwart?

In der Saison 2023/24 wird es die erste Uraufführung meiner Direktion geben.

Ihr Ballettchef Martin Schläpfer wird viel selbst choreografieren. Wie wichtig ist Ihnen ein aktiver Tanzsparten-Leiter?

Sehr. Schläpfer ist ein bedeutender Choreograf der Gegenwart, aber auch ein erfahrener Ballettdirektor, der sich zur Tradition bekennt.

Wie stehen Sie zum Opernball?

Er hat große Bedeutung, das ist auch einem Nicht-Ballgeher wie mir klar. Die jüngste TV-Übertragung hat 2,4 Millionen Menschen erreicht, so etwas gibt es heute ja gar nicht mehr im Fernsehen. Das ist eine Gelegenheit, neue Publika anzusprechen, auch für Fundraising und Sponsoring. Dafür spielt natürlich auch die richtige Abbildung des Ganzen in der TV-Sendung eine entscheidende Rolle. Soll sie, ähnlich dem Song Contest, den Zuschauern Peinlichkeitsbingo ermöglichen, oder sind auch andere Szenarien vorstellbar?

Warum wird das Staatsopern-Café verschwinden?

Mich interessiert die Öffnung des Hauses, auch als Bauwerk. Die Staatsoper bietet derzeit untertags einen abweisenden Eindruck. Darum wird das Café einem offenen Besucherzentrum weichen – einem Anlaufpunkt, an dem man Karten und allgemeine Informationen erhält.

Wie stark wird die Corona-Krise das Haus noch finanziell treffen?

Die Staatsoper hat die bisherige Schließzeit ganz gut wirtschaftlich bewältigt, vor allem dank der Kurzarbeit. Unklar ist allerdings, was passiert, wenn das Haus wieder spielt und die gesamten Kosten, auch für seine Gastkünstler, tragen muss. Die Krise wird an keiner Opernbühne spurlos vorbei gehen.

Wird diese Krise unsere Gesellschaft verändern?

Ich glaube, diese Monate schärfen unseren Sinn dafür, wie kostbar die sonst so selbstverständlichen Opernabende sind, welchen Wert dieses Gemeinschaftserlebnis besitzt. Umso wichtiger ist es, die administrativen und finanziellen Probleme zu lösen. Ich glaube, die Staatsoper wird, wenn sie dann zurückkommt, stärker denn je sein.

Welches Profil soll die Staatsoper künftig auszeichnen?

Um einen Satz von Schopenhauer zu paraphrasieren: Jedes echte Kunstwerk ist eine vollkommen richtige Antwort auf die Frage "Was ist das Leben?". Ich denke, das Repertoiretheater ist eine Summe solcher Antworten. Und es muss so auf die Bühne gebracht werden, dass man dadurch eine existenzielle – nicht bildungsbürgerliche – Erfahrung machen kann. Das ist die Aufgabe jeder Direktion. Darüber hinaus geht es um einen Abbau von Zutrittsschranken. Zum Beispiel sind die Karten viel zu teuer.

Wollen Sie die Preise senken?

Das geht nicht einfach so auf eigenen Beschluss, die Karteneinnahmen sind ja ein wichtiger Teil der Finanzierung. Es gibt aber auch ästhetische Schranken: Dass man sich von der Aufmachung eines Plakats nicht angesprochen fühlt. Viele wissen auch einfach nicht, wie und wo man die stets knappen Tickets kauft.

Als Sie 2016 vom damaligen Minister Thomas Drozda bestellt wurden, regte sich auch Kritik. Hat Sie das verblüfft?

Ganz und gar nicht. Ich habe ja noch nie ein Theater geleitet, sondern im benachbarten Bereich der Tonträgerindustrie gearbeitet. Ich kann mir keine Vorschusslorbeeren erwarten. Die wirklichen muss man sich verdienen. Time will tell!

Sie werden womöglich der erste Operndirektor sein, der Erfahrung in der E- und U-Musikbranche besitzt. Haben Sie dadurch einen anderen Blick aufs Theater?

Ich würde eher sagen: auf die Welt. Ich habe letztlich alle Entscheidungen, die die Staatsoper berühren, zu verantworten, und ich vertrete dabei die Überzeugung, dass die klassische Musik die wahrhaftigste, ernsteste und am weitesten gehende ist. Es wäre aber philisterhaft, so zu tun, als wäre sie die einzige Musik, die Qualität haben kann. Ich war einmal mit Teodor Currentzis im Keller seiner Datscha. Er hat dort einen gut ausgerüsteten Proberaum voll mit E-Gitarren und Verstärkern. Ich fragte ihn: Warum bist du nicht Rockmusiker geworden? Da schaut er mich an und sagt: Die klassische Musik ist mir dazwischengekommen, sie ist einfach zu gut.