Es ist schier unmöglich, sich dieser pulsierenden Energie zu entziehen. Sie entsteht durch die Kunst der raffiniert konstruierten Wiederholung von exakten Bewegungen, oft sind es nur kleine Alltagsbewegungen unisono, abwechselnd oder im Kanon – dezidiert weiblich. Vier Tänzerinnen und ein paar Stühle. Mehr braucht sie nicht. 1983 bedeutet diese Performance eine Revolution für den Tanz: Anne Teresa de Keersmaekers minimalistischer Klassiker "Rosas danst Rosas" ist der internationale Durchbruch der belgischen Choreografin und die offizielle Geburtsstunde ihrer Kompagnie Rosas.

Sich fallen lassen, durch die Haare fahren, Schulter entblößen und wieder bedecken, erwachen, nicken, seufzen, lächeln, schwitzen: Diese Bewegungen und ihre Anordnungen werden zur Basis von de Keersmaekers spezifischer Tanzsprache, die bis heute nachwirkt – auch in Bezug auf ihre Wahl der Performer: tänzerische Hochleistungssportler mit starken Persönlichkeiten.

Heute ist de Keersmaeker die Grande Dame des zeitgenössischen Tanzes, ihr Stück "Rosas danst Rosas" ist zu einer Marke geworden: So adaptierte etwa die US-Sängerin Beyoncé Frequenzen der Choreografie in ihrem Video zu "Countdown" – Plagiatsvorwürfe wurden laut. Dabei kann man die Erfolgs-Choreografie kostenlos auf De Keersmaeker Website finden. Mit ihrem Projekt "Re: Rosas" lädt sie jeden Interessierten ein, ihre Bewegungen einzustudieren, um am Ende das eigene "Rosas" zu kreieren. In Zeiten der Corona-Krise müssen es ja nicht vier Darsteller sein – alles ist möglich und erlaubt. Man findet 15 Minuten der Originalmusik von Thierry De Mey und Peter Vermeersch, dazu erklärende Videos, in denen de Keersmaeker in vier Schritten die Bewegungen und das Konzept erklärt.

545 Videos wurden bereits hochgeladen von Mädchen und Frauen, aber auch Männer, Profitänzer wie Laien – oftmals erstaunlich innovativ, aber manchmal auch nur plumpe Imitationen von Sexappeal oder Coolness. Es ist auf jeden Fall gelungen, zeitgenössischen Tanz ansonsten wenig Interessierten näher zu bringen. Und tanzwissenschaftlich betrachtet, ist dieses Projekt außergewöhnlich, denn die Choreografin lässt einen tiefen Blick hinter ihre Kulissen zu, erklärt ihre Gedanken zu den Bewegungen sowie der Struktur und eröffnet so eine erweiterte Sichtweise ihrer Arbeit.