"Wiener Zeitung": Pläne sind das eine, die Wirklichkeit ist das andere in der Corona-Zeit. Werden Sie Ihre Vorhaben für die nächsten Spielzeit umsetzen können?

Roland Geyer:Ich bin optimistisch. Die Maßnahmen gegen die Pandemie haben in Österreich Wirkung gezeigt, die Zahlen stimmen mich positiv. Vor allem: Es sind bis zu unserem Saisonbeginn noch vier Monate. Das ist deutlich mehr Zeit, als seit dem Aufkommen und dem allmählichen Abflauen der Corona-Krise vergangen ist. Wenn die Regierung die Maßnahmen weiter lockert, werden bis zu unseren Endproben im September hoffentlich die Maskenpflicht und die Abstandsregeln hinfällig sein, und wir können unsere erste Saisonpremiere im Sinne eines lebendigen Musiktheaters gestalten.

Wie hinderlich sind Abstandsregeln auf der Bühne und im Publikum?

Sehr. Ich spreche da gar nicht von Vorgaben wie 20 oder 10 Quadratmetern pro Person. Schon die Ein-Meter-Abstand-Regel zwischen zwei Menschen ist ein Problem. Mathematisch bedeutet das einen Kreis mit einem Radius von einem Meter, das ergibt eine Fläche von rund drei Quadratmetern. Meiner Ansicht nach ist schon das zu viel Raum pro Besucher. Es hätte zur Folge, dass ich maximal 400 Personen im Saal unterbringe statt rund 1000. Dann hätte eine Vorstellung weder finanziell noch vor allem atmosphärisch Sinn.

Ist der darniederliegende Flugverkehr ein Problem für Sie?

Nicht für mein Publikum. Ein Großteil, rund 90 Prozent, kommt aus Wien und Umgebung. Das Thema betrifft mich aber bei den Engagements. In der nächsten Saison gilt das besonders für "Porgy and Bess" mit Sängern aus London und New York. Es wirken aber eigentlich in jeder Produktion Sänger aus derzeit riskanten Herkunftsländern mit. Doch dafür gäbe es eine Lösung: Die Künstler könnten vor Probenbeginn eine Quarantäne-Zeit in Österreich verbringen.

Ist es für Ihre Bühne leichter als die Bundestheater, die Krise finanziell zu bewältigen? Ihr Haus verliert weniger Karteneinnahmen, weil es an weniger Abenden spielt.

Das stimmt, in absoluten Zahlen. Prozentuell betrachtet entgeht uns aber auch eine Menge.

Dieser Tage startet Ihr Kartenverkauf für die nächste Saison. Denken Sie, er läuft gut an?

Meine größte Sorge ist, dass die Menschen jetzt abwarten und Bedenken haben. Dieser Angstfaktor ist mir bewusst. Ich kann nur jedem versichern: Es wird niemand um sein Geld umfallen. Erstens stehen die Zeichen gut. Zweitens sind wir gegebenenfalls in der Lage, den Kaufpreis rückzuerstatten. In dieser Saison haben wir mehrere Projekte absagen müssen, und die Rückabwicklung ist gut organisiert. Die Abonnenten werden von unserem Kartenbüro persönlich kontaktiert. Einige haben sich ihr Geld rückerstatten lassen, manchen durften wir es für die nächste Saison gutschreiben, andere haben uns den Betrag gespendet.

Drei Premieren dieser Spielzeit mussten abgesagt werden. Was davon wird nachgeholt?

Der "Feurige Engel" in der Regie von Andrea Breth ist auf März ’21 verschoben worden; "Orphée" in der Kammeroper wird in der Saison ’21/22 nachgetragen. Nur die "Norma" mit Asmik Grigorian kann ich wohl leider nicht retten.

Die nächste Saison bringt einige unbekannte Werke. Sind sie nicht ohnedies schwer verkäuflich?

Nein. Wir sind mit der gleichen Opernmischung schon in den Vorjahren gut gefahren. Ein Drittel der Stücke ist berühmt, ein Drittel nicht, beim Rest hat man zumindest den Namen schon einmal gehört, wie bei Massenets "Thaïs", das Thomas Hampson sehr bekannt machte.

Überraschend ist auch eine Besetzung: Der Kabarettist Alfred Dorfer wird Mozarts "Figaro" inszenieren. Wie kam es dazu?

Ich versuche immer wieder, die Regie originell zu besetzen, wie heuer den "Fidelio" mit Christoph Waltz. Ich bin mit Alfred Dorfer schon länger im Gespräch und denke, der sarkastische, doppelbödige "Figaro" eignet sich gut für ihn. Dorfer nimmt sein Opernregie-Debüt sehr ernst, er hatte schon in den Vorbereitungsgesprächen den Klavierauszug mit. Ich glaube, es wird eine sehr komödiantische Arbeit werden, die die Wurzeln des Stücks freilegt.

Warum bringen Sie auch zwei ältere Inszenierungen Ihres Hauses auf die Bühne zurück?

Ich habe eine Umfrage unter den Abonnenten durchgeführt, welche Produktionen sie gerne noch einmal sehen würden vor dem Ende meiner Intendanz im Jahr 2022. Die drei Top-Ergebnisse waren Rameaus "Platée", Händels "Saul" und Brittens "Peter Grimes". Der Letztgenannte kommt in meiner Abschluss-Saison, die anderen kehren schon in der nächsten Spielzeit wieder. In beiden Fällen bieten wir nahezu die Premierenbesetzung - wobei "Platée" diesmal von William Christie dirigiert wird, der 2014 aus Gesundheitsgründen verhindert war.

2022 beginnt Ihr Nachfolger Stefan Herheim; wollen Sie noch ein neues Haus übernehmen?

Eher nicht. Ich werde dann 16 Jahre das Theater an der Wien geleitet und rund 170 Premieren verantwortet haben: eine gigantische Spielwiese. Sie hat mir so viel geboten, dass ich sehr wählerisch geworden bin. Ich bleibe dem Kulturbereich aber mehrfach verbunden, unter anderem als Uni-Rat der Wiener Musik-Universität. Außerdem habe ich weiterhin einen Lehrauftrag für Mathematik an einer Schule, was mir wahnsinnig viel Spaß macht.

Ab diesem Herbst will Bogdan Roščić der Staatsoper ein neues Gepräge verleihen. Unter dem Neo-Direktor dürfte der Regiestil deutlich moderner werden. Kommen Sie einander dann ins Gehege?

Ich glaube an eine künstlerisch befruchtende Situation. Es gibt kaum Überlappungen in unseren Programmen. Außerdem unterscheiden sich die beiden Theater in ihrer Architektur: Ein großes Haus kann die Intimität unserer Bühne nicht herstellen und die Barockmusik in adäquater Akustik bieten. Kannibalisieren sich die heimischen Musiktheater? Man hat mir diese Frage schon im Jahr 2006 gestellt, als das Theater an der Wien wieder zu einem Opernhaus wurde, und ich denke das gleiche wie damals: Es ist genug Platz da.