Man könnte es ja doch probieren. Weil man ja beim kostenlosen Streaming, auf das sich zahlreiche Opernhäuser wegen der Corona-Krise zurückgezogen haben, um sich wenigstens virtuell gegen die Schließung zu stemmen, eigentlich nicht darauf angewiesen ist, das Haus möglichst voll zu bekommen. Man könnte vom normalen internationalen Mozart-Wagner-Verdi-Puccini-Repertoire abweichen und gerade die Produktionen favorisieren, die man auch gespielt hat, weil halt ab und zu auch eine nicht von Richard Strauss komponierte Oper des 20. Oder gar eine des 21. Jahrhunderts zum lebendigen Musiktheater dazugehört.

Wie gesagt: Man könnte.

Aber man macht es nicht.

Das opernhungrige Publikum soll sich mit "seinem" Opernhaus weiter verbunden fühlen, auch wenn das Erlebnis nur online stattfindet. Eine Wiener Staatsoper, die sich im Streaming etwa auf Werke von Benjamin Britten, Leonard Bernstein, Gottfried von Einem, Alfred Schnittke, Hans Werner Henze, Friedrich Cerha, Aribert Reimann, Johanna Doderer und Thomas Adès konzentriert und Mozart, Wagner und Strauss nur nebenbei mitlaufen lässt, wäre halt nicht die Wiener Staatsoper.

Und ist Corona nicht schlimm genug – muss es da auch noch Hindemith grassieren? So zeigt die Staatsoper im Mai: "La Bohème" (die Bakterien-Oper hat Hochkonjunktur auch in Viren-Zeiten), "Fidelio", "I Puritani", "Werther", "Eugen Onegin", "Idomeneo", dazu "Pelléas et Mélisande" und "Arabella" quasi für all jene, denen die "Rosenkavalier"-Avantgarde abgeht: Das macht einen Streaming-Spielplan, der sehr charakteristisch für das Haus ist. Das Licht der Stars degradiert die seit 1945 komponierten Opern zum Schattendasein.

Ähnliches Bild bei allen Häusern

Aber man soll die Wiener Staatsoper darob nicht schelten. Eine Überprüfung der Streaming-Programme anderer Opernhäuser zeigt ein verblüffend ähnliches Bild. Die Hamburgische Staatsoper hat wacker  im Fundus aus Rolf-Liebermann-Zeiten gekramt und mit Krzysztof Pendereckis grandiosem Exorzismus-Thriller "Die Teufel von Loudun" einen Schock-Start hingelegt. Aber mittlerweile hat sich der frische Elb-Wind gelegt und man ist in der Realität der "Zauberflöte" angekommen. Immerhin singt Nicolai Gedda den Tamino in der Inszenierung von Peter Ustinov. Lang ist’s her. Die brillante Produktion von Dmitri Schostakowitschs "Nase" aus dem Vorjahr wäre freilich auch das Streaming wert. Halten rechtliche Gründe davon ab?

Es ist nämlich offensichtlich so, dass nur große Häuser ihre Produktionen online herzeigen. Die Oper von Erfurt etwa, eines der vom Programm her derzeit spannendsten Häuser im deutschsprachigen Raum, ist eine Streaming-Fehlanzeige: Da gibt’s nur Clips statt Paul Dessaus Meisterwerk "Lanzelot". Das gleiche Bild an den so wackeren Spielstätten  in Kassel und Bielefeld.

Die Wiener Staatsoper nimmt freilich auf andere Weise eine Vorreiterrolle ein: Sie hat gleichsam einen regulären Spielplan ins Streaming verlagert. Just so sieht ein Staatsopern-Monat aus. Von den anderen Opernhäusern geht nur die Berliner Staatsoper auf vergleichbare Weise vor. Der Spielplan bietet (respektive bot) "King Arthur" (Purcell), "Wozzeck", "Falstaff", "Tristan und Isolde", "Der Rosenkavalier", "Carmen", bediente aber mit Prokofiews "Spieler" und seiner "Verlobung im Kloster", Rimski-Korsakows "Zarenbraut" und Beat Furrers "Violetter Schnee" auch die Nischen.

Internationales Norm-Repertoire

Die Komische Oper Berlin kündigt immerhin Mussorgskis "Jahrmarkt von Sorotschinzi" und Jaromír Weinbergers Operette "Frühlingsstürme" an, dazu "Pelléas et Mélisande", "La Bohème" und "Eugen Onegin".

Andere Häuser nützen die Möglichkeit, im Streaming kurzfristig planen zu können. Die Semperoper Dresden hat "Arabella" und "Lohengrin" auf dem Web-Spielplan – zwei Werke nur, aber mit ihnen weist sie sich als traditionelle Richard-Wagner-Richard-Strauss-Spielstätte aus, die sie seit mehr als einem Jahrhundert ja auch tatsächlich ist.

Die Bayerische Staatsoper München hingegen betreibt geradezu Selbstverleugnung mit ihrer Wagner-Strauss-Abstinenz und zeigt "Die Verkaufte Braut", "Der feurige Engel" (Prokofiew) und "Wozzeck". Seltsam: 2020 ist das Jahr des 125. Geburtstags von Carl Orff, dem bayerischsten aller bayerischen Komponisten, der obendrein mit seinen Antiken-Opern ein wahrer Humanist und Europäer dazu war. Es wäre zu erwarten gewesen, dass das Haus im Aufzeichnungs-Fundus etwas findet, was sich zu diesem Anlass online stellen lässt. Aber Orff und München, das ist ohnedies die Geschichte eines Unverständnisses. Daran ändert auch das Coronavirus nichts. Das Münchner Gärtnerplatztheater und das Staatstheater Nürnberg stellen nur Clips online, die Deutsche Oper am Rhein zeigt immerhin komplett Händels "Xerxes" in der Inszenierung des norwegischen Regie-Berserkers Stefan Herheim.

Das Opernhaus Zürich bietet mit "Wozzeck", "Werther", "Rigoletto" und "Romeo und Julia" (Prokofiew, Ballett) einen Ausschnitt aus seinem mit guten Besetzungen auftrumpfenden, aber wenig profilierten Spielplan. Ein ähnliches Bild zeigt das Gran teatre del Liceu, die Oper von Barcelona: Ein Spielplan mit "La bohème", "Don Giovanni" und "Der Dämon" (Anton Rubinstein) könnte weltweit von Spitzbergen bis Kapstadt und von Peking bis Adelaide stattfinden.

Kann Rom noch erfrischen?

Kurzfristige Entscheidungen, was gezeigt wird, herrschen in der Hauptstadt Italiens vor. Angesichts dessen, was die Opera di Roma  bisher gezeigt hat, lohnt es sich, regelmäßig die Programme abzufragen, auch wenn die römische Oper derzeit genau so verfährt, wie man es von einem italienischen Haus erwartet: Zweimal Verdi ("Ernani" und "Nabucco") ist keine Offenbarung an Vielfalt. Aber da gab es im "Teatro digitale"  schon "Tristan und Isolde", Henzes "Bassariden", Rossinis "Viaggio a reims"  und Prokofjews "Feurigen Engel". Ein Haus, das so klug Tradition, klassische Moderne und gut mitvollziehbare Neue Musik kombiniert, muss der Opernfreund auch online unter Beobachtung halten. Selbst auf die Gefahr der Erkenntnis hin, dass sich der frische Wind am Tiber so gelegt hat wie an der Elbe. Ganz wie erwartet geht es indessen in Parma zu: Das dortige Teatro Reggio lädt zu einem Verdi-Fest ein. Obendrein haben sich die Opernhäuser der Emiglia Romagna auf einer Streaming-Plattform zusammengeschlossen. Das Profil ist sehr italienisch: Verdi und Puccini geben den Ton an.

Das Teatro la Fenice bietet einiges auf YouTube an: Das Programm ist nahezu rein italienisch, enthält aber auch weniger Gespieltes wie Monteverdis "Il Ritorno d'Ulisse in Patria" oder Vivaldis "Orlando": Dieses Haus ist eines der wenigen, das im Streaming ein Profil entwickelt: Schwerpunkt das nationale Schaffen - aber das weniger Bekannte wird favorisiert. Wenn es Rossini ist, dann eben nicht der "Barbier", sondern die "Semiramide".

Mit der Scala di Milano ist es schwieriger: Die Internetsuche bleibt beim Aufspüren eines aktuellen kostenlosen Streamingprogramms erfolglos. Es scheint, als wäre alles auf die Bezahl-Plattform My Fidelio ausgelagert.

Und Frankreich? Die Opéra de Paris stellt ihr Krisenprogramm auf Youtube. Der Kanal ist extrem unübersichtlich, Clips und Oper in voller Länge sind kaum zu unterscheiden. Derzeit dürfte nur Mozarts "Bastien et Bastienne" komplett zu sehen sein. Andere französische Opernhäuser nützen die Streaming-Angebote des französischen Fernsehens - die hierzulande aus rechtlichen Gründen nicht zu empfangen sind.

Opern im anglo-amerikanische Raum

Etwas enttäuschend, was sich in London tut. Covent Garden bietet zwar, nebst "Così fan tutte" und "La traviata" sowie Balletten ("Winter’s Tale", "Metamorphosis"), auch Benjamin Brittens überwältigende Krönungsoper "Gloriana" und damit ein nationales Aushängeschild, mit dem sich das Haus obendrein als eines der wenigen in die Ära der nach 1945 komponierten Opern wagt, aber für eines der weltweit führenden Opernhäuser wirkt das Angebot etwas mager. Es ist freilich immer noch erheblich mehr als das Programm der English National Opera, die gar nur Clips im Online-Angebot hat. Gäbe es eine kommerzielle Vermarktung der Produktionen, wäre das einzusehen. So indessen kann man sich nur wundern.

Wenig aussagekräftig für ein individuelles Profil eines Opernhauses nimmt sich der Streaming-Dienst der New Yorker Metropolitan Opera aus. Jeden Abend zeigt man zwar eine andere Oper, etwa "Le nozze di Figaro" oder "Hamlet" (Ambroise Thomas), "Capriccio", "La bohème" oder "L‘amour de loin" (Kaija Saariaho). Man schlägt jedoch auch über dem Atlantik drüben einen Bogen um spannende Produktionen des weniger gängigen Repertoires wie Samuel Barbers "Vanessa" oder Marvin David Levys "Mourning becomes Electra" – die bleiben kostenpflichtig als "on demand".

Die Oasen der Streaming-Plattformen

Was die Streaming-Dienste offenbaren, ist, was man ohnedies schon zu Normalzeiten geahnt und beklagt hat: Das internationale Repertoire ist, wenn schon nicht auf ein paar Werke, aber doch auf ein paar Komponisten geschrumpft, und sogar dann, wenn keine Produktionskosten im Spiel sind, bleiben die Häuser dem Mainstream-Repertoire treu. Man findet wenige Opern des 20. Jahrhunderts, kaum welche des 21. Und die Internationalisierung ist so weit gediehen, dass die Spielpläne austauschbar sind. Gerade Covent Garden spielt mit Britten einen Briten.

Aber sonst? Dass sich Österreich, Italien und Deutschland auf ihre  Sockel-Klassiker berufen können, sollte als Entschuldigung längst nicht mehr durchgehen. Der ausgehungerte Opernfreund, der wenigstens bei Streaming-Diensten einmal auch nach etwas Anderem als dem gewohnten Norm-Programm gesucht hat, bleibt da etwas enttäuscht zurück.

Aber er hat die Möglichkeit, auch noch die Angebote von Opera Vision und Arte zu durchforsten, wo längst nicht nur kleinere Opernhäuser ihre Produktionen für einen gewissen begrenzten Zeitraum zeigen. Dass sich da etwas Lohnendes findet, daran besteht kein Zweifel. Aber um wieviel schöner wäre es, die Häuser würden auch ihre weniger zugänglichen Stücke stolz vorstellen. Es brauchen in Coronaviren-Zeiten wahrlich nicht immer nur die Bakterien der Mimi zu sein.