Dass die Corona-Krise auch die Kultur und ihre Künstler hart getroffen hat, ist bekannt. Weniger bekannt ist, wie die Kulturinstitutionen ihre Künstler finanziell unterstützen. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" berichtet die Leiterin des Tanzquartiers Wien, Bettina Kogler, wie sie die Verantwortung ihrer Institution gegenüber den Künstlern versteht, dass Performances nicht eins zu eins ins Netz gestellt werden sollten, und sie das Herbst-Programm mit Alternativen im Kopf hat.

"Wiener Zeitung": Wie geht das Tanzquartier (TQW) mit der derzeitigen Situation um?

Bettina Kogler:Wir folgen natürlich den gesetzlichen Regeln, das heißt, wir haben unser Veranstaltungsprogramm seit 13. März völlig auf Eis gelegt. Es findet nichts statt. Wir folgen aber auch den ersten Lockerungen ab 18. Mai: Da beginnen zum Beispiel Einzelproben in den Studios. Das wird das erste Leben sein, das ins Tanzquartier wieder einzieht - von der künstlerischen Seite aus. Das heißt nicht, dass wir untätig waren. Wir haben diese Zeit für Sanierungsarbeiten und Umbauten genützt: In den 19 Jahren ihrer Existenz gab es in den Tanzquartier Studios keine Künstlergarderobe. Wo früher Büros waren, ist nun eine dringend notwendige Garderobe entstanden. Bisher wurde das Umziehen in den Zwischengängen kreativ versteckt.

Das TQW ist ja auch online nicht untätig gewesen. Aber Performances wie zurzeit auf vielen Plattformen üblich, sieht man keine - obwohl das TQW eine große Archivsammlung hat.

Zu allererst muss ich einmal sagen, dass Performances nicht ins Netz eins zu eins übertragen werden können, weil sie auf einem Gemeinschaftserlebnis beruhen, das wirklich live sein muss. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart es sein kann, Performances auf Video anzusehen - das muss ich tagtäglich machen. Deshalb benutzen wir nur Formate, die im Netz funktionieren. Wir haben ein großes Archiv, aber das stellen wir jetzt nicht einfach so ins Internet - das macht keinen Sinn. Sondern wir haben eine Essay-Serie gestartet, in der unsere Theorie-Kuratoren und auch externe Theoretiker aus unserem Feld zur momentanen Krise schreiben. Wir zeigen auch Künstlervideos, die eigens für die momentane Situation entstanden sind. So versuchen wir, präsent zu sein, aber wir sind auch realistisch: Es geht nicht, dass wir unseren Veranstaltungsbetrieb gratis ins Netz verlagern.

Bei Verlagerung ins Netz, kostenlos für alle Interessierten, sind es dann wieder die Künstler, die leer ausgehen.

Die Verantwortung liegt bei den Veranstaltern, den Künstlern dennoch irgendwie ein Honorar zur Verfügung zu stellen. Aber dafür muss das Medium funktionieren. Und Neues zu schaffen, ist bei den strengen Maßnahmen nicht möglich.

Workshops sind noch nicht erlaubt. Wie können denn Tanzworkshops in Zukunft aussehen?

Da sind wir gerade dabei, uns etwas zu überlegen. Mit Mundschutz und Sicherheitsabstand geht das bei uns nicht. Es macht auch keinen Sinn, denn gerade in unserer Sparte beruht fast alles auf Körperkontakt. Wir sind am Überlegen, ob wir eventuell Unterricht für zuhause streamen. Ein normales Training kann so noch nicht stattfinden. Den Performance-Bereich hat die Krise kalt erwischt.

Mit der neuen Regelung reduzierten sich Tanz und Performance auf Soli - nämlich ein Tänzer und ein Choreograf.

Das alleine ist nicht Performance, das funktioniert nicht. Die meisten unserer Performances beruhen auf Nähe, Körperkontakt und Gemeinschaftserlebnis - drei Begriffe, die im Moment bei allen die Alarmglocken läuten lassen. Deshalb wird dieser Bereich am längsten warten müssen, um einen Normalbetrieb wieder starten zu können.

Und das hat enorme Konsequenzen für alle Beteiligten. Wie geht es dem TQW und seinen Künstlern?

Wir schätzen uns glücklich, dass die Stadt Wien die Förderzusage uneingeschränkt auszahlt. Wir, als Institution, haben auch eine hohe Verantwortung. Zwei Punkte sind da ganz wichtig: Wir haben in unseren Verträgen mit den Künstlern stehen, dass bei höherer Gewalt nicht bezahlt wird. Und unsere Auflage ist natürlich die Sparsamkeit. Wir haben erst klären müssen, wie wir in Bezug auf Abschlagshonorare oder Ähnliches umgehen sollen und dürfen. Es ist nicht in unserem Sinn, dass die Künstler mit keinerlei Bezahlung aussteigen. Wir haben eine Regelung finden können. Wir versuchen, so viel wie möglich zu verschieben. Dann zahlen wir sowieso 100 Prozent. Bei Koproduktionsbeiträgen, die bereits ausgemacht waren, finanzieren wir 50 Prozent jetzt gleich, bei den Gastspielen ebenfalls 50 Prozent. Wenn die Produktion zu einem späteren Termin im TQW gezeigt wird, wird der Rest ausbezahlt. Ist dies nicht möglich, weil es bereits einen Stau im Programm gibt, dann können die Künstler die bereits ausbezahlte Summe behalten. Das anzubieten, ist die Pflicht der Institutionen.

Wie empfinden das die Künstler?

Es trifft wirklich alle hart. Wir sind in Einzelverhandlungen mit jedem Künstler. Gerade zu Beginn hat man sich Antworten gewünscht, die niemand bei der Hand gehabt hat. Diese Unsicherheit ist das Schlimmste, nämlich nicht zu wissen, wie lange es noch dauern wird, wie es weitergehen wird. Es ist auch ein Unterschied, ob die Künstler von Projekt zu Projekt arbeiten oder Jahressubventionen bekommen.

Bleibt die Planung für das Herbst-Programm unverändert?

Das war schon vor der Corona-Krise fertig. Wir haben es aber nachgeschärft und verdichtet, um die derzeitigen Absagen hineinzubekommen. Aber wir haben natürlich auch verschiedene Szenarien im Kopf, was es bedeuten könnte, wenn die Abstandsregeln bleiben müssen im Publikum, oder auch wenn das internationale Reisen nicht erlaubt sein sollte. Wir gehen positiv in den Herbst, überlegen uns aber Alternativen, wenn es doch anders kommen sollte. Es ist nicht einfach. Es ist irgendwie schon eigenartig geworden, sich die vollbesetzte Halle G vorzustellen. Da merkt man, was das mit unseren Köpfen gemacht hat.