Der Zuschauerraum des Rabenhof Theater ist komplett leer, auf der Bühne hat Sänger Voodoo Jürgens Platz genommen und legt los, später liest Kurt Palm: "I can get no desinfection." Wie passend! Beide treten in der Sendung "Abgesagt. Angesagt" auf, die seit der Aufführungssperre als Koproduktion zwischen dem Theater in Erdberg und dem Fernsehsender W 24 läuft.

- © Rabenhof/Pertramer
© Rabenhof/Pertramer

"Die Form ist zwanglos, die Situation schrecklich", fasst Caroline Peters Wohnzimmerauftritte zusammen, die in Zeiten von Corona allerorts entstanden sind und sich über die sozialen Medien verbreiten wie nur. In der Online-Reihe "My Home is my Burgtheater" erlebt man derzeit Burgschauspieler als Vorleser in ihrer privaten Umgebung, gewissermaßen unplugged - Sabine Haupt vor ihrer Bücherwand, Markus Meyer im Morgenmantel. Das hat schon was.

Puppenspieler Nikolaus Habjan hat für die Wochenzeitung "Falter" den Video-Blog "Berti Blockwardt passt auf. Geschichten aus der Wiener Kwarantäne" entwickelt, seine Parodien auf den Ausnahmezustand gehen mit Fug und Recht in den sozialen Medien viral.

Das sind nur einige Beispiele von neuen Kulturformaten, die in den vergangenen Wochen entstanden sind. Die Zwangspause macht erfinderisch. Noch nie zuvor haben so viele Bühnen und Kunstschaffende ihre Arbeiten im Internet zur Verfügung gestellt. Fast täglich gehen Premieren-Absagen mit neuen Online-Optionen einher. Wie sehr werden die neuen Angebote genützt? Lassen sich daraus möglicherweise sogar neue szenische Spielformen etablieren?

Hierzulande gehörte das Aktionstheater zu den Ersten, die ihre Archiv-Aufführungen gestreamt haben. Nach wenigen Wochen wurde das Angebot aufgrund der hohen Nachfrage verlängert und erweitert. 200.000 Zuschauer wurden vermeldet. Solche Besucherzahlen vermag die Truppe im realen Leben kaum zu erzielen.

Auch Michael Niavarani war mit der Streamingplattform "Globe Player" früh dran und sagte in einem Interview: "Die Leute sind begeistert." Der Impresario überlegt derzeit, die Streamingplattform auch in der Zeit nach Corona weiter zu führen. Ähnlich positive Signale erhält auch Rabenhof-Intendant Thomas Gratzer. "Lehrer haben unsere Aufführungen sogar in ihr Lehrprogramm eingebaut. Ein Wahnsinn, was man mit Online-Theater auslösen kann", freut sich der Intendant im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Open-Data-Kultur

Gratzers nächster Coup, die Marathon-Lesung "Die Pest", bei der das Who is Who der heimischen Kulturwelt mitwirkte, erreichte allein in der ersten Woche sagenhafte 100.000 Zuschauer. Auch jede Folge von "Abgesagt. Angesagt" erreicht bis zu 80.000 Personen. "Das Format ließe sich als neues monatliches Kulturmagazin etablieren", meint Gratzer.

Für den Intendanten sind die Online-Angebote ein probates Mittel, um Stammpublikum und neue Zuschauer anzusprechen. Ob sich daraus neue Projekte entwickeln werden, die nach der Bühnenpause noch Geltung haben? Das lässt sich derzeit kaum abschätzen. Fraglich ist, ob sich die Bühnen diese Angebote nach Corona noch leisten können und wollen. Eines hat der Ausnahmezustand aber bereits gezeigt: Open-Data-Kultur und reales Theaterleben können nebeneinander bestehen - und es gibt ein Publikum für beides.