Ohne ein bestens gehütetes Familiengeheimnis wäre das Drama "Leopoldstadt" wohl niemals entstanden. Tom Stoppard erfuhr erst nach dem Ableben seiner Mutter, dass er jüdischer Herkunft ist und ein Großteil seiner Familie von den Nazis vertrieben, verfolgt, vernichtet wurde. "Es fühlte sich wie eine offene Rechnung an", sagte der britische Dramatiker anlässlich der Londoner Uraufführung im Jänner dieses Jahres. Das Stück spielt in Wien, zeichnet Aufstieg und Niedergang einer weitverzweigten jüdischen Familie nach. Besonderes Gewicht bekommt "Leopoldstadt" durch Stoppards Ansage, dass es sich dabei um sein letztes Stück handele.

Geschichtsstunde

Der 82-Jährige gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten britischen Gegenwartsdramatikern, geboren ist er aber als Tomás Straussler in Zlin, einer tschechischen Kleinstadt. Als die Nazis 1939 in der Tschechoslowakei einmarschierten, floh die Familie nach Singapur, Tomas war damals zwei Jahre alt. 1941 zog die Mutter mit den Kindern weiter nach Indien, in der Schule von Darjeeling wurde Tomas zu Tom, sein Bruder Petr zu Peter. Der Vater starb, da war Tom fünf Jahre alt. 1945 heiratete die Mutter einen Angehörigen des britischen Militärs, 1946 übersiedelte die Familie nach England. Mit 17 Jahren schmiss Tom Stoppard die Schule, schlug sich als Journalist durch, verfasste erste Kurzgeschichten - 1966 gelang ihm mit dem Bühnenstück "Rosenkranz und Güldenstern" der Durchbruch. Weltweite Bühnenhits wie "Arkadia" folgten, außerdem verfasste er Drehbücher ("Shakespeare in Love").

Tom Stoppard. - © afp
Tom Stoppard. - © afp

In "Leopoldstadt" fließen nun erstmals autobiografische Elemente ein, obwohl die fingierte Jakobovicz-Sippe, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus einem galizischen Shtetl nach Wien emigrierte, freilich nicht 1:1 Stoppards Familiengeschichte wiedergibt. Lediglich Ludwig alias Leo weist gewisse Ähnlichkeiten mit Tomas alias Tom auf. Der Protagonist überlebt den Holocaust dank einer geglückten Flucht nach England, bei der Uraufführung verkörperte übrigens Stoppards Sohn Ed die Rolle.

Das Stück ist weniger persönliche Aufarbeitung, vielmehr eine Auseinandersetzung mit jüdischer Identität vor dem Hintergrund der Shoa. In neun Szenen durchmisst das figurenreiche Gesellschaftspanorama mehrere Jahrzehnte und Generationen. "Mein Großvater trug noch einen Kaftan, mein Vater besuchte die Oper mit Anzug und Krawatte, ich selbst speise mit Sängern, Schauspielern, Schriftstellern", sagt eine Bühnenfigur am Stückanfang, bei dem die jüdische Familie ausgerechnet zum Weihnachtsfest des Jahres 1899 zusammentrifft.

Als Unternehmer, Ärzte und Universitätsprofessoren gehören die Familienmitglieder zur Elite des assimilierten Judentums, die als Mäzene das Kultur- und Geistesleben der Wiener Jahrhundertwende prägten und finanzierten - und trotzdem nie ganz von der blasierten K.u.K.-Gesellschaft akzeptiert wurden. Dieser glorreichen Epoche widmet Stoppard gleich sechs Szenen, die etwas vom flirrenden Flair eines Schnitzler-Stücks haben - prickelnde Diskussionen, heimliche Flirts und ein Beinahe-Duell. Stoppard hat Schnitzler mehrfach ins Englische übersetzt, das merkt man.

Danach der Fall ins Bodenlose: Szene sieben zeigt die verarmte Familie im Jahr 1924, Szene acht führt umstandslos in die Novemberpogrome des Jahres 1938, in der Kristallnacht wird die Familie aus ihrer großbürgerlichen Ringstraßen-Wohnung vertrieben. Die Wohnung ist übrigens Ort der Handlung, nicht die titelgebende Leopoldstadt, die seinerzeit ärmere jüdische Schichten beherbergte. Mit einem Zeitsprung ins Jahr 1955 und einem Wiedersehen der letzten Überlebenden endet das Stück mit einem Schnelldurchlauf durch die Schrecken der Shoah.

Gerüchteweise hat sich das Theater in der Josefstadt bereits die Rechte für die österreichische Erstaufführung von "Leopoldstadt" gesichert. Man darf gespannt sein, wie ein Wiener Publikum die Geschichtslektion made by Stoppard aufnehmen wird.