Willkommen zu einem "Theaterabend, der gar nicht stattfindet", einem "Stück, das gar nicht existiert", in einem "Theater, das gar nicht geöffnet haben darf". Mit diesen Worten lädt das  Burgtheater zur #vorstellungsänderung (siehe Twitter-Account @burgtheater), einem szenischen Experiment, das ausschließlich via Twitter funktioniert. Die Idee dahinter: Die virtuellen Besucher erschaffen kraft ihrer Kommentare eine gemeinsame Vorstellung. Was entsteht aus dem Geist der Schwarmintelligenz? Was bringt die Twitter-Kreativität hervor? 

Stunden vor dem Einlass um 17.30 Uhr wurde am Premierentag (12. Mai) schon getwittert, wie sehr man sich auf die virtuelle Begegnung freue, man prostete einander mit einem virtuellen Glas Sekt zu, "zum ersten Mal im Burgtheater, eigentlich ganz ok hier", freute sich TeritoTetris um 17.40 Uhr, bald darauf fragte sich indes "glitterfragment": "Worum geht’s heute Abend?" Die Frage wurde in den kommenden drei Stunden noch einige Mal gestellt, aber bis zum Schluss nicht beantwortet. Um 18.08 Uhr war zu lesen: "Hoffentlich wird das nicht wieder so ein langweiliger Hochkulturquatsch, wo man nachher im Programmheft nachlesen muss, was gemeint war." Die Sorge erwies sich als unbegründet, es blieb bei einem launigen Hin und Her einer frei flottierenden Twitter-Gemeinschaft. Schmähführen ohne Hintersinn. Die größte Überraschung war wohl, dass das Online-Geplapper über Stunden hinweg ohne Unterlass und zeitweise im Rekordtempo geführt wurde.

Die Bühnen sind seit Mitte März aus bekannten Gründen geschlossen. Wie reagiert eine Kunstform, die auf das Live-Erlebnis auf Nähe und Kontakt abonniert ist wie kaum eine andere, auf die Ausnahmesituation des Social Distancing?

Eine Sofortmaßnahme war das Streamen von Aufführungen. Seit Jahren wurde das Thema kontrovers diskutiert, gewichtiges Gegenargument war stets die komplexe Rechtelage und Vergütung zwischen Verlagen, Bühnen und beteiligten Künstlern. In der Corona-Krise zeigen sich die Rechteinhaber plötzlich kulant und die Bühnen öffnen ihre Archive. Ein ungeahnter Fundus für Theater-Nerds. Doch das war erst der Anfang. Eine ganze Serie an Wohnzimmerauftritten folgte. Das "Corona-Theater" glänzt bislang vor allem durch Webcam-Lesungen, Zoom-Choreografien, Podcasts und Versuchen wie das Drive-in-Theater. Dabei wird in einer Tiefgarage gespielt, das Publikum sitzt im Auto.

Ein Pionierprojekt der besonderen Art startet nun das Münchner Residenztheater: In einer Paraphrase auf den Horrorklassiker "M - eine Stadt sucht einen Mörder" wird die gegenwärtige Corona-Krise szenisch und musikalisch in bühnenfernen Medien verarbeitet. Teil eins des Triptychons feiert am 21. Mai im Hörspielprogramm auf Bayern 2, im BR-Fernsehen und auf den Webseiten von Residenztheater und Münchner Biennale Premiere. Angekündigt wird ein völlig neuartiges Theatererlebnis.

Digitalität gibt es im Theater freilich nicht erst seit Corona. Aber in der gegenwärtigen Zwangslage denken Theatermacher in einem weitaus größeren Maße als je zuvor über digitale Denk- und Spielweisen nach. Vielleicht etabliert sich das Genre nun im Mainstream. Jedenfalls gibt es ein Publikum für derlei Experimente, das bewies auch das stundenlange Dranbleiben bei #vorstellungsänderung. Am Ende hieß es dennoch: "Jetzt ganz im Ernst: Ich vermisse das Burgtheater sooo sehr." Darauf antwortet @burgtheater "Wir sie auch. Sie alle!"