Die diesjährigen Festwochen wären ein Feuerwerk an Ur- und Erstaufführungen geworden. Allein 15 Weltpremieren waren angekündigt. Doch zum ersten Mal seit der Gründung der Festwochen 1951 finden gar keine Spiele statt. "Und wir alle wissen warum", schrieb Intendant Christophe Slagmuylder am 6. April in einer Aussendung, in der er das Festival absagen musste: "Nichts kann diesen Ausfall kompensieren", so der Intendant über seine nicht stattfindende Spielzeit.

Von 15. Mai bis 20. Juni werden die Festwochen nun teilweise ins Internet auswandern. Jeden Tag wird ein Stück aus dem Programm, das nicht gezeigt werden kann, online in Form von Gesten angedeutet. Das Format ist bewusst offen gehalten, es handelt sich eher um eine Spurensuche, nicht um ein Streaming, präsentiert werden etwa szenische Fragmente, Bilder, Texte, Musikstücke, Gespräche und Probenausschnitte.


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Die Festwochen in virtuellen Gesten: www.festwochen.at
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Milo Rau: "Utopien erscheinen gerade realistisch." - © NT Gent
Milo Rau: "Utopien erscheinen gerade realistisch." - © NT Gent

Eröffnet wird das virtuelle Festwochen-Format am Samstag, 16. Mai, mit einer Brandrede von Milo Rau und der indigenen Aktivistin Kay Sara. Der Schweizer Theatermacher zählt zu den einflussreichsten Bühnengrößen der Gegenwart. Mit seinem globalen Polit-Theater fordert er als Intendant des Genter Nationaltheaters das Prinzip Stadttheater heraus, wie kaum ein anderer. Alexander Kluge bezeichnete seine Herangehensweise als "Real-Theater"; Rau selbst entwarf in Anlehnung an Joseph Beuys den Begriff der "Sozialen Fantasie", seine Methode beschrieb er einmal als "investigative Anthropologie". Mit der "Wiener Zeitung" sprach der 43-Jährige am Telefon darüber, wie ein Virus die Welt verändern könnte.

"Wiener Zeitung":Die Eröffnungsrede der Wiener Festwochen, die Sie gemeinsam mit der indigenen Aktivistin Kay Sara halten werden, trägt den Titel "This madness has to stop". Welcher Wahnsinn muss aufhören?

Milo Rau: Die brutale Integration ins kapitalistische System, das uns alle im Griff hat. Die Rede handelt von der schwierigen Situation der Indigenen in Nordbrasilien, die von Attacken des Agrar-Business und dem Raubbau unter Präsident Bolsonaro förmlich zerrieben werden. In der Rede und der darauf folgenden Debatte gehen wir der Frage nach, welche Alternativen es geben könnte - und was die Kunst tun kann.

Was fiele Ihnen denn dazu ein?

Eine Menge! Wir haben gerade eine "School of Resistance" gegründet, in der es darum geht, wie wir die Zukunft gestalten können - ohne in zerstörerische Narrative der Vergangenheit zurückzufallen. Im Anschluss an die Eröffnungsrede, die uns Kay Sara aus dem Amazonas schickt, findet eine Diskussion statt, bei der sich Tanja Bruguera aus Kuba dazuschalten wird; ich klinke mich aus Köln ein, moderiert wird das alles von den Niederlanden aus, technisch gehostet in New York und Gent. Ich hoffe, das Internet hält.

Sie arbeiten an einem grenzüberschreitenden Theater. Was bedeutet da das gegenwärtige Reiseverbot?

Die Grenzen der internationalen Solidarität zeigen sich jetzt deutlich, da jedes Land sich vorwiegend um sich selbst kümmert. Aber das Unrecht auf der Welt hört dadurch nicht auf. Es ist ja nur der Personenverkehr gestoppt, der kapitalistische Warenstrom geht gnadenlos weiter. Darum geht es auch in der Rede von Kay Sara: Der Urwald brennt jetzt noch viel mehr als sonst. Im Grunde ist ihre Rede ein einziger Hilferuf.

Welche Auswirkungen hat der Shutdown auf unsere Gesellschaft?

Auf der einen Seite haben wir die unglaubliche Handlungsfähigkeit unserer Gesellschaft erlebt, die Disziplin und Solidarität sind extrem beeindruckend. Man hat uns immer gesagt, dass man die Maschine nicht stoppen könne, dass das zu kompliziert sei und wir alle nur Sklaven des Marktes seien. Das hat sich als große Lüge entpuppt. Der ganze Wahnsinn lässt sich eben doch anhalten, wenn es darauf ankommt. Das ist eine epochale Erfahrung. Ideen, die noch vor wenigen Wochen vollkommen utopisch erschienen, kommen einem gerade ziemlich realistisch vor. Das Problem ist ja, dass wir das, wo wir zufällig aufgewachsen sind, als Normalität annehmen, so absurd es auch sein mag. Ein Bewusstseinssprung, wie wir ihn jetzt durch die Corona-Krise erleben, ist einzigartig. Natürlich besteht die Gefahr, dass all das, nach ein paar Wochen Normalisierung wieder zugedeckt ist. Dagegen muss man Widerstand leisten.

Die Eröffnungsrede verweist auch auf Ihr jüngstes Bühnenstück "Antigone im Amazonas". Wo knüpfen Sie bei den Geschehnissen im Amazonas an?

In unserer Version geht es um einen modernen Staat, der auf eine traditionelle Gesellschaft trifft, verkörpert in Antigone. Ein verdichtetes Aufeinanderprallen unterschiedlich organisierter Systeme: Auf der einen Seite das kapitalistische Prinzip, das im Urwald nur eine Ressource sieht, um Soja anzupflanzen, Holz zu gewinnen und Eisenerz abzubauen; dem gegenüber steht die indigene Denkweise mit naturverbunden Mythen und Gottesvorstellungen. Im tiefsten Amazonas gelangt der Kapitalismus derzeit noch an seine Grenzen, hier gibt es tatsächlich noch Menschen, die unberührt vom Kapitalismus leben.

Im Vorjahr gastierte "Orest in Mossul" bei den Festwochen, dabei ging es um den radikalen Islam. Nun arbeiten Sie sich in "Antigone im Amazonas" an der Verdrängung der Landlosen ab. Was interessiert Sie an der Verankerung gegenwärtiger Konfliktzonen in antiken Stoffen?

Mich interessiert an antiken Texten, dass darin elementare Fragen verhandelt werden. Die Grundstruktur der antiken Tragödie, dass es unauflösliche Widersprüche gibt, an denen die Figuren trotz bester Absichten förmlich zerbrechen, passt nicht mehr in unsere moderne Welt. Kreon zerbricht an Antigone, und mit ihm der moderne Staat - und das Stück wurde in dem Moment geschrieben, als dieser Staat in Griechenland gerade entstand! Das ist Wahnsinn, dass sich eine Zivilisation in der Kunst derart ihren Grenzen aussetzt! Wir aber haben das tragische Denken verlernt. Wir haben uns daran gewöhnt, einen Kompromiss für alles zu finden, auch den Weltuntergang zu normalisieren. Aber unsere Lage ist tragisch, nicht bloß dramatisch. Es muss sich etwas Grundsätzliches in der Welt ändern.

Was ist Ihnen bei der Arbeit im Amazonas begegnet?

Da war ich zum Beispiel in einer Schule in einem Indigenen-Dorf, in der die Schüler am Vormittag Mathematik und Naturwissenschaften lernen, um in der Welt außerhalb zurechtzukommen. Und am Nachmittag beschäftigen sie sich mit indigener Kosmologie, Mythen und Heilkunst. Der Unterricht ist gleichwertig, obwohl er sich in fast allem widerspricht. Das ist eine effektive Art, die Welt zu verstehen, da können wir uns einiges abschauen.

Wie haben Sie im Urwald überhaupt Theater gemacht?

Meine Arbeitsweise hat sich über die Jahrzehnte hinweg entwickelt. Es ist oft so, dass ich Ideen habe, die sich erst Jahre später auf ganze andere Weise realisieren. Von meiner Arbeitshaltung her bin ich aber Situationist. Im Fall von "Antigone im Amazonas" heißt das: sich auch nach mehrjähriger Vorbereitung in Europa und parallel mit der Landlosenbewegung die Freiheit zu bewahren und zu sagen: Wir fahren da hin, wir sind völlig offen und schauen, was passiert.

Das Theater der Zukunft, wie könnte es aussehen?

Darüber denke ich intensiv nach. Gerade unter dem Gesichtspunkt von Corona erweisen sich Theatersäle als Ansteckungsherde, in die man in absehbarer Zeit nicht zurückkehren kann. Für mich ist das eine Metapher: Wir müssen neue Formate etablieren, wo man nicht von diesen überholten Architekturen und Verwertungslogiken des vergangenen Jahrhunderts abhängt. Ich glaube, unsere Gesellschaft ist an einem Punkt angelangt, an dem man Kultur von der Kommerzlogik abkoppeln muss. Die Kunst sollte wieder eine zentrale Rolle im gesamten Leben einnehmen, vergleichbar mit älteren Kulturen.