Damit hat wohl niemand gerechnet: Ab 29. Mai dürfen die Theater wieder aufsperren und vor maximal 100 Zuschauern spielen. Eine gute Nachricht? "Auf jeden Fall", jubelt Jakub Kavin, Theater-Arche-Intendant, "wir wollen ein Zeichen setzen und eröffnen gleich am ersten Tag." "Es ist das erste positive Signal seit langem", sagt Andreas Fuderer, Geschäftsführer des Wiener Stadtsaals und Obmann im Kabarett Niedermair. Ob Fuderer die Spielstätte zumindest für Kabarettisten und Solokünstler öffnen wird, lässt er indes noch offen: "Das hängt von den Bedingungen ab, die wir als Veranstalter erfüllen müssen." Aber selbst im Kabarett sei ein regulärer Spielbetrieb frühestens ab Juli möglich. "Ende Mai los zu starten, ist völlig illusorisch," so der Kulturmanager. "Theater funktioniert nicht wie ein Lichtschalter, den man einfach ab- und aufdreht", gibt auch Veronika Steinböck, künstlerische Leiterin des Kosmostheaters, zu bedenken.

Isolationsarbeit

Die Lockerungsmaßnahme trifft die Branche völlig unvorbereitet. Bisher mussten Intendanten davon ausgehen, dass die Zwangspause mindestens bis zum Ende der Saison dauern wird.

Viele Bühnen haben ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, einige haben die Zeit genutzt, um anstehende Reparatur- und Wartungsarbeiten durchzuführen. Wer jetzt etwa das Theater in der Gumpendorfer Straße (TAG) besucht, betritt eine Baustelle, die Lichtanlage wird gerade komplett umgebaut, auch im Theater Kosmos werden umfassende Reinigungsarbeiten durchgeführt. "Wir könnten gar nicht sofort wieder aufsperren, auch wenn wir nichts lieber täten", sagt Steinböck.

Die meisten Bühnen haben die entfallenen Premieren in den Herbst geschoben, außerdem ist in der freien Szene ein Ensuite-Betrieb üblich, abgespielte Produktionen können nicht ohne Weiteres wieder angesetzt werden. "Die Proben für unsere neuen Produktionen wurden jäh unterbrochen und dürfen bis Ende Mai auch nicht aufgenommen werden. Wir haben deshalb keinen funktionierenden Spielplan", so Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen.

"Eine realisierbare Planung kann erst beginnen, wenn die Auflagen auf dem Tisch liegen, wobei auch dann noch nicht geklärt ist, wie diese Auflagen zu finanzieren sind", heißt es in einer Aussendung von "Pakt", einem jüngst ins Leben gerufenen Verbund von 15 Wiener Klein- und Mittelbühnen. In den kommenden Wochen ist also nicht mit Theateröffnungen im großen Stil zu rechnen.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Im Kabinetttheater wird es am 29. Mai eine einmalige Vorstellung geben: "Letzte Lockerungen", eine Lesung von Wolfram Berger, für maximal 40 Zuschauer. Die gesamte Spielzeit von 29. Mai bis 4. Juli wird wohl nur das Theater Arche in der Münzwardeingasse (vormals: Theater Brett) ausschöpfen.

Am Spielplan steht "Hikikomori", der Monolog von Sophie Reyer und Thyl Hansch ist so etwas wie das Stück der Stunde: Es handelt von Selbstisolation und dem Wegdriften in ein virtuelles Leben, das nur mehr via Internet-Chat und Videospiele stattfindet. Ursprünglich war die Premiere für 19. März angesetzt, nur vier Tage nach dem Shutdown; Ende März fanden dann Previews vor handverlesenen Besuchern statt, nun läuft das Stück durchgehend bis 4. Juli, die Premiere ist bereits ausverkauft. "Wir bekommen viel positives Feedback", so Kavin.

Der Impresario öffnet sein Haus, obwohl er noch nicht weiß, welche Auflagen ihn erwarten. Die Regierung wird erst am Montag (25. Mai) die entsprechenden Verordnungen verlautbaren.

Den "Wiener Richtlinien für das Kulturleben", die kürzlich von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler präsentiert wurden, ist jedenfalls zu entnehmen, dass die oberste Maxime in der Begrenzung der Besucherzahlen liegt. Der umstrittene Ein-Meter-Abstand dürfte bald Realität für Theaterbetreiber und -besucher werden, auch von einer durchgängigen Maskenpflicht und freiwilliger Erfassung der Personaldaten ist darin die Rede. Das erschüttert Intendant Kavin keineswegs: "Ich freue mich einfach, dass es wieder möglich ist, Theater zu spielen."