Knalleffekt in Sachen Opernregie: Christoph Waltz’ "Fidelio"-Inszenierung, die im Theater an der Wien zwar live gespielt, coronabedingt dem Publikum aber nur gestreamt im Internet gezeigt wurde, soll ein Plagiat sein. Genauer: Das US-deutsche Architekturbüro Barkow Leibinger soll das Bühnenbild, eine Doppelhelix-Treppe, von Khoa Vu abgekupfert haben. Der Plagiatsexperte Stefan Weber bezeichnet die Vorwürfe als "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutreffend".

Doch es erhebt sich eine Frage: Wo genau beginnt das Plagiieren? Ist es möglich, dass zwei Personen zur gleichen Zeit die gleiche Idee haben? Etwa dann, wenn eine Vorstellung, eine bestimmte künstlerische Formung sozusagen in der Zeit liegt, sozusagen durch eine innere Notwendigkeit geradezu erzwungen wird?

Gleiches zur gleichen Zeit

Unter bestimmten Perspektiven eine andere mögliche Inspirationsquelle: eine Treppe in der Kathedrale von Wells. - © wikimedia/ Stevekeiretsu
Unter bestimmten Perspektiven eine andere mögliche Inspirationsquelle: eine Treppe in der Kathedrale von Wells. - © wikimedia/ Stevekeiretsu

Bei der Zwölftontechnik etwa war das der Fall: Die Österreicher Arnold Schönberg und Josef Matthias Hauer sowie der Deutsche Herbert Eimert kamen ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich um 1920, aus unterschiedlichen Richtungen zu einem ähnlichen Ergebnis, das Charles Ives in seinen "Tone Roads" um 1911 vorweggenommen hatte. Keiner wusste vom anderen. Vielleicht wurzelte die Idee aller vier im Anfang von Franz Liszts "Faust-Symphonie" (1857). Niemandem ist ein Plagiat vorzuwerfen - obwohl jeder der drei Europäer die "Erfindung" für sich beanspruchte, während Ives in seiner US-amerikanischen Splendid Isolation weitestgehend um sich selbst kreiste, wie es einem Pionier eben zukommt.

Ein Spiel mit Perspektiven trieb auch Giovanni Battista Piranesi in seiner Serie "Carceri". - © wikimedia
Ein Spiel mit Perspektiven trieb auch Giovanni Battista Piranesi in seiner Serie "Carceri". - © wikimedia

Nur, um ein paar solcher gleichzeitigen Entdeckungen zu erwähnen: Automobil (Gottlieb Daimler und Carl Benz), Telefon (Graham Bell, Elisha Gray, Poul la Cour, Thomas Alva Edison), Elektronenröhre (Robert von Lieben und Lee de Forest trugen einen jahrelangen Rechtsstreit aus), Dreiphasenwechselstrom (Nikola Tesla, Michael von Dolivo-Dobrowolski, Charles Brown, Jonas Wenström), Schiffsschraube (Josef Ressel, John Ericsson, Francis Pettit Smith). Sogar die Sache mit dem Motorflugzeug steht unter Plagiatsverdacht: Gustav Weißkopf dürfte früher geflogen sein als die Brüder Wright, deren Primat auf etlichen Tricks beruhen könnte.

Eine Treppe in Doppelhelix-Form: die doppelarmige Wendeltreppe der Stadtpfarrkirche Eferding. - © wikimedia/Gerhard Obermayr
Eine Treppe in Doppelhelix-Form: die doppelarmige Wendeltreppe der Stadtpfarrkirche Eferding. - © wikimedia/Gerhard Obermayr

Zufälle alles - oder doch Plagiate?

Dazu ist es notwendig, genau zu definieren, was ein Plagiat ist: Es liegt dann vor, wenn jemand fremde geistige Leistungen stiehlt. Diebstahl beinhaltet eine absichtliche Handlungsweise. Zufällig gleichzeitig gemachte Erfindungen sind also nicht automatisch Plagiate. Wohl aber ist es ein Plagiat, wenn jemand Kenntnis von einer Erfindung oder einer Erkenntnis hat und sie als seine eigene ausgibt.

Frei von Plagiatsvorwürfen ist alles, was von der Funktionalität bestimmt ist, Gegenstände des Alltags etwa: Panasonic-Flatscreen-Fernsehapparate plagiieren nicht die von Samsung, denn so sehen Flatscreen-Fernsehapparate nun einmal aus. Gleiches gilt für Tische, Sessel, Rasenmäher und so weiter. Hätte etwas davon freilich ein unverwechselbares Design oder eine spezifische Eigenart, die ein anderer Hersteller nachahmt, wäre man zumindest im Graubereich gelandet.

Klarere Fälle sind die Aberkennungen der Doktorgrade beispielsweise des deutschen Ex-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg oder der deutschen Ex-Forschungsministerin Annette Schavan: Sie hatten in ihren Dissertationen abgeschrieben, die Passagen, die fremdes geistiges Eigentum waren, aber nicht mittels Zitatnachweis als solches ausgewiesen.

Fließende Grenzen

Bei künstlerischem geistigen Eigentum fließen mitunter die Grenzen. Hinlänglich bekannt ist der unberechtigte Plagiatsstreit zwischen der Witwe des Schriftstellers Yvan Goll und Paul Celan. Stilistische Parallelen sind keine Plagiate. Nicht immer ist es so deutlich wie bei Bertolt Brecht, der bei Villon ebenso abschrieb wie bei Kipling. Guillaume Apollinaire wiederum gab seine Übersetzung von Brentanos "Lorelei"-Ballade als eigenes Werk aus.

Musikalische Plagiate im Pop-Bereich kommen, vielleicht bedingt durch die Kurzlebigkeit und das begrenzte melodische und harmonische Material, verhältnismäßig häufig vor. Aber auch die klassische Musik ist nicht frei davon: So haben Carl Orffs "Carmina burana" manch Filmmusik inspiriert (etwa Jerry Goldsmith’ "Omen"), während die "Neukompositionen" von Klaus-Peter Sattler (für eine Reklame für Fohrenburger Bier) und Roger Neill (für Michael Jackson) gerichtsanhängig wurden.

Damit zurück zu dem "Fidelio"-Bühnenbild. Es sieht frappant nach Plagiat aus. Denn dass Stararchitekten wie Frank Barkow und Regine Leibinger die Entwürfe eines anderen Stararchitekten, eben Khoa Vus, nicht kennen, scheint unwahrscheinlich, und das Bühnenbild sieht Vus Entwurf frappant ähnlich.

Dennoch bleibt Raum für Zweifel. Eine Stiegenkonstruktion in der Kathedrale von Wells ist in mancher Perspektive ebenso ähnlich. Piranesis "Carceri" könnten eine Inspirationsquelle gewesen sein, alte Wendeltreppen, die Möbius-Schleife, die unmöglichen Stiegen von M. C. Escher. In den seltensten Fällen nämlich steht ein Entwurf völlig für sich. Es ist eine Eigenschaft von Kunstwerken und künstlerischen Entwürfen, dass sie von irgendwoher kommen und irgendwohin führen.

Und dann gibt es noch den Fall des unbewussten Einflusses: dass ein Künstler die Arbeit eines anderen so in seine Erinnerung integriert, dass er sie für seine eigene Idee hält. Denn dass ein künstlerisch tätiger Mensch absichtlich klaut, widerspricht in der Regel dem Selbstverständnis, dem Stolz, ein Schöpfer zu sein. Im Zweifelsfall ist in künstlerischen Dingen die zufällige gleiche Idee wahrscheinlicher als der absichtliche Diebstahl von geistigem Eigentum.