Am Montag ging ein Aufatmen durch die Branche: Die neue Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer und Gesundheitsminister Rudolf Anschober stellten eine Verordnung vor, die der Szene das Leben erleichtert - und Proben ermöglicht, damit die pausierenden großen Häuser im Herbst wieder den Betrieb aufnehmen können. Volksopernchef Robert Meyer zeigt sich hoffnungsfroh, dass seine Saison-Pläne halten.

"Wiener Zeitung": Wird Ihre nächste Saison so stattfinden wie geplant?

Robert Meyer: Als Optimist bin ich sehr zuversichtlich. Wie wir nun erfahren haben, können wir im Juni mit den Proben beginnen. Die Theaterferien im Sommer werden wir verkürzen und ab 20. August wieder proben. Hält der Plan, startet am 13. September unsere erste Premiere, das Musical "Sweet Charity".

Gestattet die neue Verordnung die Umsetzung Ihrer Spielplan-Vorhaben?

Auf alle Fälle ist jetzt mehr möglich, und das ist ein Lichtblick.

Die Verordnung erlaubt Proben ohne Ein-Meter-Abstand, falls dies unbedingt nötig ist. Prinzipielle Frage: Wie schwierig ist es, bei dieser Arbeit eine Sicherheitsdistanz zu wahren? Wäre es ein gangbarer Kompromiss, wenn erst die Schlussproben mit vollem Körperkontakt abgehalten werden?

Wir werden die Probenarbeit schon mit einer gewissen Vorsicht beginnen. Aber irgendwann muss die Ein-Meter-Distanz fallen. "Sweet Charity" ist mit Abstandsregeln nicht machbar, auch nicht die Wiederaufnahme von "Kiss Me, Kate", einem Musical, in dem ständig gestritten und gekämpft wird. Körperlichkeit ist am Theater sehr wichtig, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Wir hoffen darauf, ab 20. August ohne Abstand proben zu dürfen. Und darauf, dass keine zweite Welle kommt. Sonst fängt alles wieder von vorne an.

Was wäre gewesen, wenn Sie die Probenpläne nicht einhalten hätten können?

Wir haben mehrere Szenarien entworfen. Wenn wir den Premieren-Termin von "Sweet Charity" nicht schaffen, hätten wir als Ersatz einige Repertoirestücke, die wir mit minimalem Probenaufwand auf die Bühne stellen könnten.

Die neue Verordnung sieht, abgesehen von einigen Ausnahmen, einen Ein-Meter-Abstand zwischen den Besuchern vor. Was sagen Sie zu einem Spielbetrieb mit gelichteten Reihen, finanziell und atmosphärisch?

Wir haben kürzlich den Abstand zwischen unseren Sitzen gemessen. Wenn wir nur jeden zweiten Platz verkaufen, läge ein Abstand von einem Meter, von Kopf zu Kopf, zwischen den Besuchern. So könnten wir immerhin rund 600 Zuschauer unterbringen. Das klingt aufs Erste schön, entspricht aber nur einer Auslastung von 46 Prozent. Finanziell wäre das eine Katastrophe. Und auch atmosphärisch! Die Stimmung im Raum ist unter solchen Verhältnissen eine ganz andere, das spüren die Besucher genauso wie die Künstler. Dazu kommt noch eine andere Frage: Wird uns das Publikum ab 1. September wieder besuchen oder fürchtet es sich zu sehr? Denn verängstigt wurde es von unserer Regierung.

Falls Ihre Saison mit verringertem Sitzplatzangebot startet, bräuchten Sie vom Staat mehr Unterstützung, um die Einnahmenverluste auszugleichen. Die neue Kulturstaatssekretärin hat dieses Thema unlängst vage angeschnitten.

Man müsste mit Sicherheit über eine Kompensation reden. Allein bis zum Ende dieser Spielzeit hatten wir durch die Corona-bedingten Absagen 3,5 Millionen Euro Verlust, der aber durch die Kurzarbeit weitgehend aufgefangen wurde. Dabei ist diese Saison bis zur Krise ganz wunderbar gelaufen. Bis zur letzten Vorstellung am 10. März hatten wir eine Auslastung von 90 Prozent, das war sensationell!

Sie mussten zuletzt auch "Boris Godunow" absagen, inszeniert von Peter Konwitschny. Was passiert damit?

Es wird vermutlich in der Saison 2021/22 stattfinden, ebenso wie unsere Produktion "Schönberg in Hollywood" im Kasino am Schwarzenbergplatz. Die war so gut wie fertig geprobt, als die Pandemie kam.

Im Herbst wollen Sie eine neue "Zauberflöte" präsentieren, Henry Mason führt Regie. Er hat bei Ihnen schon einen unterhaltsamen "Zauberer von Oz" inszeniert. Soll es mit Mozart in eine ähnliche Richtung gehen?

Ich habe Mason gewählt, weil er sehr fantasiebegabt ist, und erhoffe mir eine märchenhafte Inszenierung. Unsere jetzige "Zauberflöte" stammt von meinem verehrten Kollegen Helmuth Lohner aus dem Jahr 2004. Ich denke, nach 17 Jahren ist die Zeit gekommen für eine andere Sichtweise.

Sie setzen gerne auf Komödien, spielen nächste Saison aber auch "Tod in Venedig". Wieso?

Ich halte Benjamin Britten für einen großartigen Komponisten, wir hatten hier auch schon seinen "Sommernachtstraum" und "Albert Herring". Es ergab sich die Gelegenheit, beim "Tod in Venedig" mit Covent Garden zu kooperieren. Dort ist die Produktion schon gelaufen, die Kostüme und Dekorationen lagern bei uns. Alles da und Brexit-sicher (lacht).

Im Musicalfach setzen Sie auf zwei eher unbekanntere Titel . . .

Das kann man nicht so sagen. "Sweet Charity" war in den 70ern ein berühmtes Stück - und das erste Musical, das ich gesehen habe. Es ist die entzückende Geschichte einer jungen Frau, die immer Pech hat und doch voller Hoffnung ist. Die Hoffnung stirbt für sie zuletzt, das könnte übrigens auch das Motto für unsere Saison sein. Das andere Musical der nächsten Spielzeit wird eigentlich sehr stark aufgeführt, nämlich "Into the Woods" mit Musik von Stephen Sondheim. Der Disney-Konzern hat den Stoff mit Meryl Streep aufwendig verfilmt.

Letztes Thema: Sie stehen für eine Vertragsverlängerung bereit. 2017 sagten Sie noch, ein weiterer Chefposten wäre für Sie ab 2022, nach 15 Jahren als Volksopern-Leiter, nicht mehr denkbar. Nur noch schauspielern würden Sie gerne, und zwar solange Sie dafür keinen "Knopf" im Ohr brauchen.

Zu dem Schauspieler-Satz steh’ ich! Ich mache aber auch meine Arbeit als Direktor wahnsinnig gern und fühle mich weiterhin fit genug. Darum habe ich bekanntgegeben, mich noch einmal bewerben zu wollen. Bis heute gibt es allerdings keine Ausschreibung, obwohl die Zeit langsam drängt.