Otto Schenk ist eine Institution. Der Schauspieler hat das heimische Kulturleben wie kaum ein anderer geprägt - als Direktor der Josefstadt, als Opern- und Theaterregisseur, als Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler. Mit seinen gefeierten Leseabenden ("Sachen zum Lachen") sorgt er bis heute für volle Ränge.

Am 12. Juni wird Otto Schenk 90 Jahre alt. Kurz vor diesem Jubiläum lief sein jüngster Spielfilm "Vier Saiten" an, mit dem Fotografen und Journalisten Michael Horowitz gab er einen prächtigen Bildband heraus, in dem er seine außergewöhnliche Karriere Revue passieren lässt.

Das Interview mit der "Wiener Zeitung" findet bei gebührlichem Abstand in Schenks Bibliothek statt.

- © apa/Herbert Neubauer
© apa/Herbert Neubauer

"Wiener Zeitung":Ihr jüngster Spielfilm und eine Biografie sind soeben erschienen, ohne die Ausgangssperren hätte Sie in diesen Tagen laufend Lesungen absolviert. Woher nehmen Sie Ihre Arbeitsdisziplin in einem Alter, in dem andere nur mehr die Beine hochlagern?

Otto Schenk: Ich lagere die Beine auch gern hoch, aber man lässt mich nicht. Ich werde zur Arbeit verführt. Irgendwo in mir muss ein Reserve-Adrenalin verborgen sein, selbst wenn ich hundsmüd’ bin und nicht mehr hatschen kann, kaum werde ich auf eine Bühne losgelassen, platzt die Adrenalin-Bombe und es ist wie ein Rausch.

Nach mehr als 70 Jahren auf der Bühne empfinden Sie das immer noch so?

Weil ich es nie besonders gern gemacht habe, ich musste immer dazu verführt werden. Ich habe auch nie wirklich an mein Talent geglaubt, ich wollte immer mehr haben, eine schönere Stimme, ein brillanteres Auftreten, überhaupt wollte ich viel geschickter und eleganter sein.

Die Erinnerung, heißt es bei Jean Paul, sei das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. An welchen Erinnerungen halten Sie im Alter fest?

Es ist doch vielmehr die Hölle, aus der man nie vertrieben wird. Man erinnert sich doch an jede Blamage. Gott sei Dank denkt mein Publikum eher an meine Erfolge, während ich fortwährend in den Misserfolgen lebe. Auf den Erfolg war ich übrigens nie aus, vielleicht in jungen Jahren, aber im reiferen Alter wollte ich nur mehr, dass etwas stimmt, dass etwas so gesagt wird, als ob es wahr wäre, als ob man das Leben selbst spielen könnte. Wobei spielen ein blödes Wort ist. Jeder spricht anders über das Theater, manchmal meint man sogar dasselbe, obwohl man das Gegenteil sagt. Der eine redet von Gefühlen, der andere von Gedanken, für den einen ist das Leben das Maß aller Dinge, für den anderen muss alles theatralisch sein. Aber: Was heißt schon theatralisch? Wer kann das denn definieren? Das Theater kommt gut ohne Begriffe aus.

Fühlen Sie sich vom heutigen Theater noch angesprochen?

Es gibt nur gutes oder schlechtes Theater - und gutes Theater wird mich immer ansprechen.

Von Fritz Kortner bis Anna Netrebko, von Leonard Bernstein bis Peter Zadek haben Sie mit weltbekannten Künstlern zusammengearbeitet, was haben Ihnen diese Begegnungen bedeutet?

Es war mir stets ein Vergnügen. Ich habe Menschen, die mir als schwierig vorgestellt wurden, immer besonders gemocht. Ab einem gewissen Bekanntheitsgrad sagt einem ja keiner mehr ehrlich die Meinung, man wird adoriert und hofiert, aber ab einer gewissen Größe ist man sehr einsam.

Ihre Kindheit in Wien war während des Zweiten Weltkriegs von der Judenverfolgung des NS-Regimes überschattet. Ihr Vater, obwohl als Kind getauft, galt nach den Nürnberger Rassegesetzen als Jude und Sie folglich als Halbjude.

...obwohl ich gar nicht wusste, was das Judentum überhaupt bedeutet! Ich bin streng katholisch erzogen worden und war als Kind sehr fromm. Und plötzlich wurde ich zum Unmenschen erklärt. In dieser Zeit konnte es lebensgefährlich sein, die Wahrheit zu sagen, so hat man gelernt zu lavieren. Es war schwer, Freunde zu finden, denen man wirklich trauen konnte. Mein Onkel und meine Großmutter, die damals 92 Jahre alt war, wurden ins KZ Theresienstadt verschleppt, 14 Tage später waren sie beide tot.

Wie haben Sie die Nachkriegsjahre erlebt? Ein Wiederaufbau inmitten ehemaliger Nazis und Mitläufer?

Wir waren so glücklich, dass der Krieg vorbei ist, wir wollten auch nicht so sein wie die Nazis, wir wollten verzeihen - da sind viele durchgerutscht.

Wie gehen Sie mit den Zumutungen des Alters um?

Das Alter stellt einen vor Aufgaben, für die man nicht geübt ist. Man befindet sich in einem Urwald voller Schwierigkeiten. Eine große Zehe, die man bisher gar nicht beachtet hat, kann plötzlich zum Weltschmerz werden. Die Ärzte schauen einen immer mitleidiger an, zucken mit den Achseln, gerade, dass sie nicht sagen: "Was wollen’s denn?" Andererseits geht mit dem Alter ein ganz eigener Humor einher, die alltäglichen Miseren liefern viel Material, um sich zu amüsieren.

Gibt es etwas, dass Sie bereuen?

Oj, da müsste ich in meinen Listen nachschauen! Im Ernst, ich bereue wenig, vor allem bin ich dankbar, dass ich die richtige Frau gefunden habe.

Mit Ihrer Frau Renée sind Sie seit bald sieben Jahrzehnten verheiratet. Was ist das Geheimnis einer langen Ehe?

Ich habe mich jeden Tag aufs Neue in meine Frau verliebt. Sie hat meiner Bekanntheit gegenüber eine gewisse Objektivität bewahrt, war meine schärfste Kritikerin, hat mich angespornt, es gab zwischen uns keine falsche Verehrung, sie ist eine autarke Persönlichkeit, eine starke Frau.

Bereitet Ihnen der Gedanke an den Tod Angst?

Gar nicht, es ist in Ordnung, dass es einmal zu Ende geht, aber den Tod meiner Freunde empfinde ich als Bosheitsakt. Was für eine Humorlosigkeit des Lebens!

Man ist erst wirklich tot, wenn sich niemand mehr an einen erinnert, heißt es.

Aber die Erinnerungen stimmen doch nie! Ich bin nicht so, wie andere mich in Erinnerung behalten werden.

Was ist wichtig im Leben?

Das ist immer etwas anderes. Manchmal kann eine Lüge überlebenswichtig sein, dann wiederum kann Hass das einzig Wahre sein, dass man seine Gefühle verbirgt und sie im richtigen Moment offenbart. Eigentlich ist nur das Leben wichtig. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich, dass ich das alles erleben durfte, dass ich die Naziherrschaft überlebt habe und mein Minimaltalent genügt hat, der zu werden, der ich bin.