Das Politische ist gerade hoch im Kurs: Die halbe Welt solidarisiert sich mit der "Black Lives Matter"-Bewegung und die unabsehbaren Folgen der Corona-Krise lassen die Weltordnung besonders porös erscheinen. Wie verhält sich nun das Theater zum Politischen?

Nicht ohne Schlingensiefs Containeraktion. - © apa/H. K. Techt
Nicht ohne Schlingensiefs Containeraktion. - © apa/H. K. Techt

Seit Brecht und der Hochblüte des politischen Theaters im Zeichen der 1968er-Bewegung, wurden Stücke überwiegend mit herkömmlichen Bühnenmitteln erarbeitet: Es gab eine nachvollziehbare Handlung mit stringenter Figurenentwicklung, der dramatische Konflikt entfaltete sich rund um ein gesellschaftspolitisches Thema - und insgeheim hofften alle auf einen Skandal.

Dieses Modell hat sich längst überholt. Im Gegenwartstheater schlägt das politische Narrativ gänzlich neue Töne an, andere Formen der Darstellungen werden hier erprobt. Florian Malzacher stellt in seinem jüngsten überaus gelungenen Buch "Gesellschaftsspiele" einige dieser Künstler und deren Projekte vor. Als "Streifzug durch das politische Theater" beschreibt der Autor treffend seine Absicht, den Fokus richtet er auf das postdramatische Theater, dabei erlaubt er sich Abschweifungen und Erkundungen in performative Grenzbereiche. Einige der Inszenierungen hat der 50-Jährige als Kurator und Dramaturg selbst initiiert und begleitet, er war beim steirischen Herbst und zuletzt beim Theaterfestivals Impulse in leitender Funktion tätig.

Polit-Spektakel

An den Anfang stellt der Autor Christoph Schlingensiefs Containerinszenierung "Bitte liebt Österreich", die vor genau 20 Jahren im Rahmen der Wiener Festwochen stattfand: Vor der Staatsoper inszenierte der Künstler eine Art Reality-Show mit Asylsuchenden, die man nach dem Big-Brother-Prinzip rauswählen konnte. Der Skandal war enorm und Schlingensief setzte damit neue Standards: Fortan wird es um ein Theater gehen, das sich einmischt, provozierend und unterhaltsam an die Schmerzgrenzen der Gesellschaft geht; ein Theater, das Widersprüche formuliert und sich im Nachdenken daran beteiligt, in welcher Welt wir leben wollen.

Theaterformationen wie das Zentrum für Politische Schönheit, Künstler wie Milo Rau, Anta Helena Recke, Lotte van den Berg und Jonas Staal, deren Arbeiten Malzacher in "Gesellschaftsspiele" streift, wären ohne Schlingensief wohl nicht denkbar.

Rebel-Clowns

Das Spannungsfeld, das der Autor auf 164 Seiten entwirft, reicht von Gintersdorf/Klaaßen, die in ihren Aufführungen mit schwarzafrikanischen Darstellern das postkoloniale Denken auf die Bühne bringen, über Autoren-Regisseure wie John Jesuren und Rene Pollesch, Kollektive wie Gob Squad und She She Pop, die das Private zum Politischen erklären und das Medium Theater völlig neu thematisieren, bis hin zu Gruppen, die mit dokumentarischem Material arbeiten wie Rimini Protokoll.

Ausführlich beschreibt er etwa das Polit-Spektakel der hierzulande weniger bekannten US-Aktivisten "Yes-Men", die durch inszenierte Falschmeldungen einen realen Chemie-Skandal aufdeckten, die Londoner Rebel Clowns und die Kunstfigur Referend Billy, ein falscher Geistlicher, der theatrale Formen dazu nutzt, um Verwirrung zu stiften. Bei den Arbeiten von Milo Rau konzentriert sich Malzacher vor allem auf die inszenierten Tribunale, in denen reale Konflikte zur Sprache kommen.

Die von Malzacher analysierten Projekte markieren einen kleinen Ausschnitt der gegenwärtigen Theaterproduktion, sie mögen grundverschieden sein, agieren aber allesamt im Auftrag der Gegenwart. Malzachers abschließendes Plädoyer für ein politisches Theater: "Es kann ein Labor sein, um mit radikaler Fantasie neue Narrative zu entwickeln."