Das Ende der fünfjährigen Direktion von Anna Badora am Wiener Volkstheater findet unter extremen Umständen statt: Die Bühne wird gerade renoviert, die Ausweichspielstätte im Museumsquartier musste Corona-bedingt vorzeitig geschlossen werden.

Mit der "Wiener Zeitung" zog die scheidende Intendantin eine persönliche Bilanz über ihre turbulente und nicht immer friktionsfreie Zeit am Volkstheater.

"Wiener Zeitung":Das Ende Ihrer Direktion fällt mit den Coronabedingten Theaterbeschränkungen zusammen; vom Wiener Publikum verabschieden Sie sich nun mit zwei Theater-Filmprojekten, die als Open-Air-Kino im Museumsquartier gezeigt werden. Wie kam es dazu?

Anna Badora: Da eine Live-Begegnung zwischen Schauspielern und Publikum zurzeit nicht denkbar ist, haben wir vehement für diese öffentlichen Vorführungen gekämpft! Ich freue mich riesig darauf. Es ist uns allen wichtig, dass wir uns zumindest in dieser Form verabschieden können. Nach fünf Jahren Arbeit in dieser Stadt wollen wir nicht einfach sang- und klanglos verschwinden.

Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Es war höchst surreal. Die Situation änderte sich von Tag zu Tag, kaum hatten wir etwas geplant, mussten wir es wieder verwerfen. Anfangs gingen wir noch davon aus, dass wir ab Mitte April in unserer Dependance Volx/Margareten spielen werden können. Dann hofften wir, dass sich vielleicht noch im Mai ein Projekt ausginge; schließlich bleiben uns nur diese wenige Tage im Juni. Das ist bitter. Wir sind mit dieser Situation aber nicht allein, sie betrifft die ganze Welt.

In welchem Rahmen bewegt sich der finanzielle Verlust des Volkstheaters durch den Wegfall sämtlicher Einnahmen?

Da diese Spielzeit wegen des Umbaus ohnehin verkürzt war, sind die entgangenen Einnahmen bei uns längst nicht so hoch wie bei den Bundestheatern oder der Josefstadt. Wir haben den Verlust durch Kartenerlöse mit rund einer halben Million Euro veranschlagt - und sind in der Lage, diesen Betrag durch Kurzarbeit und andere Einsparungensmaßnahmen aufzufangen. Wir hinterlassen meinem Nachfolger Kay Voges im Rahmen unserer Möglichkeiten ein solides Erbe.

Voges wird den Großteil der hauseigenen Schauspielkräfte nicht übernehmen. Wie geht es mit dem Ensemble weiter?

Ich helfe, wo ich kann, aber die Künstler, die jetzt auf der Suche nach neuen Engagements sind, trifft es besonders hart. Einige der befreundeten Intendanten wollten ursprünglich im März und April noch unsere Inszenierungen besuchen. Gegenwärtig denkt aber kaum jemand mehr daran, neue Leute zu engagieren. Man wartet ab, wie sich die Lage entwickelt.

Sie selbst haben an dem Haus ebenfalls fünf Jahre an Höhen und Tiefen erlebt . . .

. . . der permanente Ausnahmezustand begleitete uns von Beginn an. Wir mussten leider auch bald erkennen, dass es uns am nötigen Rückhalt seitens der Kulturpolitik und einiger Medienvertreter mangelte. Vor allen in Bezug auf unsere Zielsetzungen: Wenn etwa eine Vorstellung von Roma-Großfamilien besucht wurde, von denen viele noch nie im Theater waren, bedeutete das für uns einen Riesenerfolg, es waren dann aber "nur" 470 Zuschauer, also knapp über 50 Prozent Auslastung, was uns als Misserfolg ausgelegt wurde.

Die Auslastung lag aber nicht nur in Einzelfällen, sondern viel häufiger unter den Erwartungen.

Natürlich hätten wir gerne viel mehr Publikum gehabt, wer nicht? Im Vergleich zu deutschen Theatern stehen wir mit unseren Zahlen übrigens gar nicht so schlecht da. Ich erinnere mich auch an Publikumsdiskussionen, bei denen so lebhaft diskutiert wurde, wie ich es in keiner anderen Stadt erlebt habe. Da ging mir jedes Mal das Herz auf! Wir hatten unsere Fans, was sich leider nicht immer an der Theaterkasse bemerkbar machte.

Sie engagierten beachtliche Bühnenkräfte wie Yael Ronen, Stephan Kimmig und Dušan David Pařizek. Haben Sie dennoch am Publikumsgeschmack vorbeiprogrammiert?

Mit dem Erfolg in der Kunst verhält es sich ähnlich wie mit der Liebe: Warum haben sich zwei Menschen, die doch gut zueinander passen, sich trotzdem nicht ineinander verliebt? Man kann im Vorhinein planen, im Nachhinein analysieren: Ob der Funke tatsächlich überspringt, hat man nicht in der Hand.

Wieso ist es so schwer, ein eigenes Profil für das Volkstheater zu entwickeln?

Ein bestimmtes Profil zu entwickeln, ist nicht schwer, es jedoch so umzusetzen, dass es auch angenommen wir, ist eine zeitraubende, intensive Arbeit, eine Basisarbeit, die oft auf Jahre hinweg angelegt werden muss. Um ein Beispiel zu nennen: Wir entwarfen beim Volkstheater in den Bezirken testweise sogenannte Patenschaft-Modelle, die kostenlose Theaterbesuche ermöglichten, sobald man auf Nachbarn zugeht, Menschen mit Migrationshintergrund ins Theater einlädt. Das wurde gut angenommen, da gab es viel Potenzial. Um dieses Modell aber flächendeckend erfolgreich zu machen, hätte es intensiver Betreuung bedurft, was die personelle und finanzielle Kapazität unseres Hauses jedoch sprengte. Wir hätten schlicht mehr Geld und Zeit benötigt.

Die Schließung der Bühnenwerkstätten war äußerst umstritten. Hat es sich gelohnt?

Wenn wir es nicht getan hätten, wäre das Volkstheater bereits in meiner ersten Spielzeit finanziell ruiniert gewesen. Ich wusste, dass es hart werden würde, hätte aber nie gedacht, dass ich derart wenig Rückhalt finden werde.

Vor zwei Jahren gaben Sie bekannt, dass Sie Ihren Vertrag nicht mehr verlängern werden. Fiel Ihnen die Entscheidung schwer?

Wahnsinnig schwer! Wenn sich jedoch das Gefühl einschleicht, es wird im Grunde etwas ganz anderes gewollt und man auch keinerlei Unterstützung mehr erfährt - dann hat alles keinen Sinn mehr! Ich hätte liebend gern weitergemacht, aber nur unter der Bedingung, dass die Politik vertrauensvoll hinter uns steht, und wir natürlich ein auskömmliches Budget bekommen hätten.

Wie lautet Ihre persönliche Bilanz?

Wir hatten die undankbare Rolle des Vorreiters, haben zugleich den Weg für die Nachfolge geebnet. Kay Voges wird vieles zuerkannt, was uns versagt blieb: Er erhält vom Start weg eine Budgeterhöhung von mindestens zwei Millionen Euro - uns wurde seinerzeit nicht einmal eine zusätzliche Million gewährt; wir setzten einen zusätzlichen Schließtag pro Produktion vor der Premiere durch und ernteten einen medialen Shitstorm; Voges sprach in einem seiner Interviews sogar von mehreren geplanten Schließtagen. Was immer die Zukunft dem Volkstheater Gutes bringen wird, ohne uns wäre das nicht möglich gewesen.

Werden Sie in Wien bleiben?

Wien ist eine lebenswerte Stadt und wir behalten hier unsere Wohnung. Nach wie vor bin ich Vize-Präsidentin der europäischen Theaterunion, meine ursprünglich geplanten internationalen Projekte sind Corona-bedingt jedoch ins Wasser gefallen. Die Zukunft liegt offen vor mir, ich lasse sie auf mich zukommen. Ich bin jedenfalls voller Energie und Tatendrang.