"Wir haben uns den Abschied ganz anders vorgestellt", so begrüßt Anna Badora die Zuschauer, die sich im Museumsquartier eingefunden haben und im Hof 8, zwischen Mumok und Cafe Corbaci, mit Sicherheitsabstand Platz nehmen. "Die Corona-Zeit war so etwas wie das letzte Glied in einer Kette von Ausnahmezuständen", scherzt die Intendantin am Ende ihrer fünfjährigen Direktionszeit am Wiener Volkstheater, die reichlich turbulent verlief.

An diesem Wochenende verabschieden sich Badora und ihr Ensemble mit zwei Theater-Filmprojekten, die während der Corona-Zeit entstanden sind und nun als einmaliges Open-Air-Kino im Museumsquartier gezeigt und parallel dazu online auf der Homepage des Volkstheaters gestreamt werden.

Am Programm steht Olga Tokarczuks "Gesang der Fledermäuse", in einer szenischen Lesung mit Steffi Krautz, von der Intendantin selbst eingerichtet und schließlich "Alles geht! Ein Volkstheater-Liederabend", in dem Regisseur Paul Spittler Songs aus Aufführungen der vergangenen fünf Jahre noch einmal neu eingespielt und aufgezeichnet hat.

Zivilisationskritik

Eine große Leinwand ist aufgebaut, Popcorn und Kopfhörer werden verteilt, der Film läuft und Steffi Krautz legt los. Das besondere daran: Die Aufnahmen wurden direkt in der Baustelle Volkstheater gemacht. Prunkräume mit abgeschlagene Wänden, Kabel, die lose von der Decke baumeln, raumhohe Gerüste, Bauarbeiter-Hieroglyphen an den Wänden lassen eine pittoreske Kulisse entstehen, die gut zum Inhalt des Romans passt.

Der "Gesang der Fledermäuse" ist ein herrlich eigensinniger Text, der gekonnt zwischen den Genres changiert, er kombiniert Elemente eines Krimis mit Zivilisationskritik und dem packenden Psychogramm einer Frau, die sich nicht damit abfinden mag, dass der Mensch sich über die Natur stellt.

Erzählt wird die Geschichte aus er Perspektive einer Ich-Erzählerin namens Janina Dusz. Die ehemalige Ingenieurin und nunmehrige Hobby-Astrologin lebt vereinsamt auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze, den Dorfbewohnern gilt sie als schrullige Alte, doch als es in der abgelegenen Gegend zu mysteriösen Todesfällen kommt, rückt sie ins Zentrum des Interesses. Krautz ist die Idealbesetzung, sie zeigt den Facettenreichtum der Figur und hält die Spannung bis zum verblüffenden Ausgang.

Der "Gesang der Fledermäuse" ist überhaupt ein guter Einstieg in das Werk der polnischen Literaturnobelpreisträgerin, die hierzulande viel zu wenig bekannt ist. Die szenische Lesung sowie ausgewählte Volkstheater-Inszenierungen laufen noch bis Ende Juni auf der Volkstheater-Homepage. Ein Besuch lohnt sich.