Von jetzt auf gleich musste Michael Niavarani (so wie alle) seine Wiener Kabarettbühnen Simpl  und Globe wegen Corona zusperren. Und von jetzt auf gleich macht er nun eine Sommerbühne auf. Diesen Eindruck zumindest vermitteln er und sein Compagnon Georg Hoanzl. Denn publik gemacht wurde das neue Theater im Park am Belvedere keine zwei Wochen vor der Eröffnung am 1. Juli. Trotzdem sind bereits mehr als 15.000 Karten verkauft, und das Programm wird laufend ausgebaut. Die "Wiener Zeitung" hat Niavarani auf der Baustelle seiner Sommerbühne zu einem Gespräch über die Corona-Krise, die Situation der Kabarettbühnen und den Status der Kultur im Staat getroffen.

"Wiener Zeitung": Herr Niavarani, Sie haben eine ordentliche Frühsommer-Bräune.

Michael Niavarani: Ich bin im Corona-Lockdown viel auf dem Balkon herumgesessen und habe mir dort eine ung’sunde braune Gesichtsfarbe geholt.

War es produktiv oder eher Müßiggang?

Die ersten zwei, drei Wochen war ich zum Nichtstun verdammt. Ich war unter Schock. Es war ein Zustand, den man am ehesten mit Verunsicherung und ein bisserl Angst beschreiben kann: Wie wird das weitergehen, wie viele Tote wird es in Österreich geben? Ich habe Biologiebücher über Virologie gelesen und festgestellt, dass es nur die Isolation gibt und sonst nichts, wenn man kein Medikament und keine Impfung hat.

Was die wirtschaftlichen Sorgen betrifft, sind Sie als Globe-Chef ja Kummer gewohnt . . .

Ja, aber ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man sich da nicht zu viele Gedanken machen soll. Es wird sich schon ausgehen - und wenn es sich nicht ausgeht, überlegt man sich dann, was man macht, dass es sich doch irgendwie ausgeht. Am Theater ist es ja generell so, dass bei jedem Projekt, bei uns bei jeder neuen Simpl-Revue die Frage über allem schwebt, ob genug Leute kommen werden, dass es sich finanziell auszahlt. Für mich, vom Theater, vom Kabarett her kommend, ist der Gedanke, dass wir womöglich einmal zusperren müssen, nicht so erschreckend. Das denkt man sich da jeden zweiten Tag: Was ist, wenn keiner mehr kommt?

Als Simpl-Chef ist das jetzt aber Understatement.

Ja natürlich, Gott sei Dank! Aber deshalb habe ich auch die Ruhe. Weil ich mir denke: Wenn wir was machen, was lustig ist, was die Leute gern sehen, dann werden sie schon wieder kommen.

Können Sie alle abgesagten Auftritte später stattfinden lassen?

Manches wird erst im nächsten Jahr sein. Aber es wird jeder, der eine Karte für eine SImpl- oder eine Globe-Vorstellung hat, am Ende entweder am Ersatztermin im Kabarett sitzen, wenn er Zeit hat, oder einen Gutschein für eine andere Vorstellung bekommen oder das Geld zurückkriegen.

Sie spielen die Simpl-Revue jetzt im Theater im Park. Sie haben ja schon im Interview vor der Premiere, die vor der Nationalratswahl war, gemeint, da wird sicher nachher viel umgeschrieben mitten in der Laufzeit. Wie viel ist denn jetzt tatsächlich anders?

Es hat sich einiges geändert, beziehungsweise spielen wir hier eine 90-Minuten-Version ohne Pause, weil wir hier auf die Sicherheit des Publikums schauen. Wir wollen nicht, dass sich Massen von Menschen irgendwo anstellen müssen, und haben deshalb auch viel mehr Toiletten als normalerweise üblich. Wir haben große Abstände zwischen den Sitzen, die Ansteckungsgefahr geht gegen Null. Ich habe auch noch von keinem Cluster im Freien gehört. Die 90 Minuten Revue sind jedenfalls ein Querschnitt aus dem Programm - und ich wurde vom Ensemble gezwungen, dass ich da auch selbst bei ein, zwei Sketches mitspiele.

Waren Sie damals sehr überrascht von der türkis-grünen Regierungsbildung?

In der Zwischenzeit ist mit Corona und den weltweiten Konsequenzen, dass ich mich gar nicht mehr an meine Reaktion erinnern kann. Diese ganze Situation überlagert sehr viel anderes. Ich weiß noch, dass ich mich nach der Wahl gefreut habe, dass die Grünen wieder im Nationalrat sind.

In der Regierung haben sie aber durch Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek unter den Künstlern einiges an Sympathie verloren. War sie wirklich so eine Fehlbesetzung?

Ich glaube, sie war in ihrem Europa-Fach eine großartige Politikerin. Nur wenn man in die Kulturpolitik geht, ist das halt ein besonderes Feld: Man hat es mit lauter Wahnsinnigen zu tun. Wir sind aufgrund dessen, dass wir uns immer exponieren, immer im Rampenlicht stehen, immer beurteilt werden, vielleicht mit gewissen Dingen einfach brutaler. Wir sagen schneller, was uns stört, und regen uns früher auf als andere, weil unser Beruf das bedingt. Als Regisseur muss ich mich sofort aufregen, wenn auf der Bühne etwas falsch läuft. Diplomatie hat am Theater nichts verloren. Und wenn man von diesem Bereich keine Ahnung hat, dann darf man das eigentlich gar nicht machen. Denn der Kulturbereich ist zwar - jetzt mache ich mir wieder keine Freunde - nicht besonders wichtig für das Funktionieren der Republik, aber er ist sehr sensibel, weil er vielleicht doch wichtiger ist, als manche Leute glauben. Wir sind dauernd in Kontakt mit den Menschen, wir überlegen uns die ganze Zeit, was wir nach außen tragen können. Einen Spielplan zu gestalten heißt ja nicht nur, irgendein Stück herauszusuchen, sondern man sucht eine Relevanz: Was ist wichtig, was will ich den Menschen sagen?

Aber systemrelevant ist die Kultur jetzt auch nicht.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich bin froh, dass ich nicht systemrelevant bin. Da lebt man ein bisserl freier. Bei der Wutrede von Lukas Resetarits habe ich mich zuerst gefragt, warum er das überhaupt macht, warum er sich da gar so aufregt. Aber dann habe ich mir gedacht: Gott sei Dank macht er es. Wenn man eine Pressekonferenz über die Kultur gibt und sich nicht hinstellt und einfach sagt: "Wir wissen noch nicht, wie es gehen wird, wir haben keine Ahnung. Wir wissen, es ist schlimm, ihr könnt jetzt nicht einmal proben. Aber wir arbeiten daran, dass das wieder geht und dass die Menschen nicht arbeitslos werden oder dann wieder angestellt werden können." Sondern sich hinzustellen und herumzueiern, das hat halt einen extrem schlechten Eindruck gemacht und gezeigt, dass es hier an Kompetenz fehlt. Und kaum hat man jemanden, der sich in diesem Bereich auskennt . . . ich finde das ja ein Lehrbeispiel für diese Regierung überhaupt. Es ist schon wichtig, dass ein Minister oder eine Ministerin den Zuständigkeitsbereich kennt und kann. Andrea Mayer macht das jedenfalls sehr gut. Natürlich ist sie keine Zauberin, die das mit einem Fingerschnippen alles wiedergutmachen kann, das ist keiner von uns. Aber wenn man sich in der Materie auskennt, hat man es halt viel leichter.

Die großen Theater bekommen Subventionen, aber wie geht es den viel kleineren Kabarettbühnen in der Krise?

Wir haben im Zuge der Pandemie die Vereinigten Kabarettbühnen Wiens gegründet, wo wir uns zum ersten Mal zusammengetan haben, um über unsere Probleme zu sprechen und zu koordinieren, wie wir der Politik gegenüberstehen und sagen, was wir brauchen. Wir sind in einem sehr guten Kontakt mit der Wirtschaftskammer, wo es vernünftige und sehr, sehr gute Gespräche gegeben hat. Da wurde klar, dass es um alle privaten Veranstalter geht, nicht nur um die Kabarettlokale, die ein Wirtschaftszweig mit hunderttausenden Angestellten sind. Wir hoffen, dass es mit Hilfe des Finanzministers zu einer Lösung kommen wird, wie man eine Saison überleben kann, in der man die Einnahmen nicht hat, die man braucht. Wie können wir zu einer schwarzen operativen Null kommen, damit wir unsere Mitarbeiter nicht kündigen müssen?

Kann der gesamte Aufschrei im Kulturbereich auch eine Chance sein, dass das Kabarett endlich auch ein Stück vom Subventionskuchen bekommt?

Es geht uns nicht um ein Stück vom Kuchen. Es geht uns nicht um Subventionen. Wir brauchen vom Staat keine Subventionen, wir wollen sie auch gar nicht. Da spreche ich jetzt in erster Linie für Georg Hoanzl und mich, natürlich brauchen ganz kleine Bühnen wie ein Kabarett Niedermair oder ein Theater am Alsergrund eine Unterstützung. Da geht es ja auch um Geld, das man in die Zukunft investiert, in junge Künstlerinnen und Künstler, die da nachwachsen sollen. Es ist ja fast wie ein Schule, eine Ausbildungsstätte. Wir brauchen nur die Möglichkeit, unsere privat finanzierten Firmen zu führen. Und falls wir sie nicht führen können, weil die Regierung irgendwelche Bestimmungen ausgibt, dann suchen wir um eine finanzielle Unterstützung an - bis zu dem Zeitpunkt, wo wir nicht ein Plus auf dem Konto haben, sondern eine Null. Für den Rest sind wir dann wieder selber zuständig, da brauchen wir keine Hilfe. Aber von Minus bis Null brauchen wir sie - für die Ausfälle durch die Pandemie, nur für die. Das Argument, dass das Theater zu teuer ist, gilt da nicht, weil wir das so machen müssen, dass es sich ausgeht. Aber es wird für alle eine sehr schwierige, Saison 2020/21 werden. Wir haben es da freilich einfacher als etwa das Burgtheater mit seinem riesigen Ensemble, das gewisse Vorlaufzeiten braucht. Sobald das Globe wieder aufsperrt, kann ich zum Beispiel Otto Jaus und Paul Pizzera anrufen und fragen, ob sie in zwei Wochen spielen wollen. Und wenn die nicht können, dann kommt wer anderer.

Sie tragen die Haare jetzt wieder raspelkurz. Ist das Ihr Abschied von Shakespeare-Stücken?

(lacht) Es hilft beim Shakespeare-Spielen, wenn man längere Haare hat, es ist aber nicht Bedingung. Wir versuchen jetzt einmal, diesen Sommer zu überstehen, und dann im Herbst schauen wir einmal, ob eine zweite Welle kommt oder nicht. Wenn wir dann über die Saison 2020/21 hinaus ein Licht sehen, dann denken wir an weitere Projekte. Aber natürlich wird es wieder eine Shakespeare-Komödie geben. Ich habe in den vergangenen Monaten ein zweibändiges Werk über Joseph II. gelesen, der den "Wiener Schluss" verordnet hat: also das Happy End. Im Sinne der Aufklärung wollte er nicht, dass das Publikum unten sitzt und eine Tragödie schlecht ausgeht. Und da gibt es aus dem 18. Jahrhundert eine "Hamlet"-Version mit Happy End, geschrieben von einem Herrn Heufeld und bearbeitet von einem Herrn Schröder. Vielleicht wird es im Globe dann ein Stück geben zu dem Thema, dass der Kaiser sagt: Alles muss gut ausgehen. Ich finde, das passt irgendwie in die jetzige Situation. Wir haben den Befehl von unserer Regierung bekommen, Leben zu retten. Das ist übrigens ein historisch einzigartiges Ereignis. Noch nie wurden Grundrechte beschränkt, um Leben zu retten. Wenn ein Herrscher oder eine Regierung den Menschen verboten hat, etwas Bestimmtes zu tun, dann wurden sie dabei bisher immer in den Krieg geschickt. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben die Regierungen weltweit befohlen, Leben zu retten. Das ist ein sehr großer Fortschritt in der Geschichte der Menschheit.•