Zuerst scheint es, als wäre es die Diplomabschlussprüfung zur Bühnenreife. Nicht, weil es den Tänzern an Ausdruckskraft oder gar an technischem Können mangelt. Vielmehr, weil es im großen Ballettsaal der Staatsoper mit Klavierbegleitung und in Trainingskleidung stattfindet. Und diese manchmal zu leger - dafür aber umso authentischer - daherkommt. Es ist die Übertragung der diesjährigen "Nurejew-Gala", die coronabedingt nach ihrer Live-Absage immerhin als Stream auf der Website der Staatsoper am Donnerstag zu sehen war - 24 Stunden lang nach einigen technischen Startschwierigkeiten.

Die "Nurejew-Gala" als Saisonabschlussvorstellung hat sich in der zehnjährigen Direktionszeit von Manuel Legris zu einem Ballett-Highlight und einer außergewöhnlichen Leistungsschau des Ensembles entwickelt. Heuer ist sie auch Legris’ Abschiedsaufführung. Und auch als Stream ist das Niveau dieser Kompagnie nach wenigen Minuten klar erkennbar: Es sitzt in den Tutti-Szenen jede Reihe, jede Bewegung. Ausschnitte aus etwa "The Four Seasons" von Jerome Robbins mit den Solisten Ketevan Papava und Robert Gabdullin, oder auch Szenen aus "Le Corsaire" und "Sylvia", Produktionen, die Legris für das Staatsballett kreiert hatte, demonstrieren die Vielseitigkeit der Stile. Obwohl eine Wiedergabe am TV-Gerät, in der manchmal die Beine nicht zu sehen sind, oder der Blick durch die Kameraführung dorthin gelenkt wird, wo man gar nicht hinschauen will, eine Live-Performance nie ersetzen wird können. Lediglich ein Ausschnitt aus Alexander Ekmans "Cacti" mit Rebecca Horner und Andrey Kaydanovskiy schafft es, selbst vor dem TV-Gerät den Zuseher so richtig in seinen Bann zu ziehen - dank dem raffinierten und humorigen Spiel an exakten Bewegungen zu den verbalen Vorgaben.

Harte Arbeit, herzliches Umfeld

Auch zwei Uraufführungen stehen auf dem Programm: In "For 4", choreografiert von Legris, tanzen die Publikumslieblinge Natascha Mair, Nikisha Fogo, Davido Dato und Jakob Feyferlik zur Musik von Gaetano Donizetti federleicht und beschwingt in französischem Stil durch den hellen Raum. "Creation" von Eno Peci hingegen setzt sich in den fließenden körperzentrierten Bewegungen von Alice Firenze, Sveva Gargiulo, Fiona McGee, Eno Peci, Mihail Sosnovschi und Arne Vandervelde mit dem Leben in Corona-Zeiten inklusive Masken auseinander. Es ist auch der Staatsballett-Tänzer und Choreograf Eno Peci, der den zweiten Teil der Online-Gala mit einem äußerst sympathischen und emotionalen Statement zu seinen Erlebnissen mit Legris iniziiert. Es folgen Ausschnitte aus den Aufführungen von 2010 bis 2019, in denen man die Entwicklung einzelner Tänzer wie Jakob Feyferlik verfolgen kann, sowie Auftritte von Legris und renommierten Gastsolisten.

Auflockerung bringen einige Statements von Solisten wie Olga Esina, Natasha Maier oder Jakob Feyferlik und Mihail Sosnovschi. Sie sind sich in einem einig: Manuel Legris forderte harte Arbeit in einem herzlichen Umfeld.