Aktuell besehen, kann man auch froh sein, dass sich Alexander Hamilton bei manchen Forderungen für die Verfassung der USA nicht durchgesetzt hat. Zum Beispiel jener einer lebenslangen Amtszeit für den Präsidenten. Dass diese für heutige Verhältnisse relativ fatale Überlegung wohl seiner Treue zum Präsidenten George Washington geschuldet war, ist eine der Erkenntnisse, die man aus dem Musical "Hamilton" mitnehmen kann.

Das Stück über einen der Gründerväter der USA war der größte Broadway-Erfolg der vergangenen Jahre. Der Schauspieler Lin-Manuel Miranda schrieb es, nachdem er Ron Chernows Biografie dieser zwar auf der Zehn-Dollar-Note abgebildeten, aber sonst weniger prominent überlieferten historischen Figur gelesen hatte. Hamiltons Lebensgeschichte passt aber auch zu gut in eine beliebte Aufsteiger-Dramaturgie: ein verstoßener Waise von den karibischen Inseln arbeitet sich zum ersten Finanzminister und Mit-Architekten der Vereinigten Staaten hoch - und stirbt einen tragischen Tod beim Duell mit einem einstigen Freund.

Hoffnungslos ausverkauft

Lin-Manuel Miranda als Alexander Hamilton. - © Disney+
Lin-Manuel Miranda als Alexander Hamilton. - © Disney+

Ab sofort - rechtzeitig zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli - ist eine gefilmte Version des Bühnenstücks auf dem Streamingdienst Disney+ zu sehen. Regisseur Tommy Kail hatte 2016 drei Live-Aufführungen auf dem Broadway gefilmt und daraus den Film zusammengeschnitten. Die Veröffentlichung wurde etwa eineinhalb Jahre vorgezogen: Eigentlich sollte der Film im Herbst 2021 ins Kino kommen, aber Corona und die nachhaltige Sperre des Broadways (bis Anfang 2021) führten dazu, dass die Musical-Flaute zumindest auf dem Bildschirm beendet wird. Für viele Popkultur-Interessierte in unseren Breiten die erste Möglichkeit, diesen Hype aus der Nähe zu betrachten. Denn Vorstellungen von "Hamilton" waren von Anbeginn hoffnungslos ausverkauft. Am Schwarzmarkt kamen Tickets auf beachtliche 2000 Euro, Fans campten nächtelang vor dem Theater in der Hoffnung auf zurückgegebene Karten.

Der durchschlagende Erfolg - auch bei den Auszeichnungen von den Tonys abwärts - liegt an der überraschenden Form, die aus dem Musical-Einerlei durch die auf den ersten Blick kuriose Mischung heraussticht: In "Hamilton" wird von den historischen Figuren in historischen Kostümen nämlich über weite Strecken gerappt, ab und zu gibt es Soul- und Jazz-Elemente (wenn Thomas Jefferson einen Auftritt hat). Das klingt seltsam, funktioniert aber ausgezeichnet - vor allem, wenn Jefferson und Hamilton politische Debatten als Rap-Battle ausfechten, hat das seinen Reiz.

Weiße sind schwarz

Eine weitere Besonderheit von "Hamilton" kommt dem Zeitgeist entgegen: Miranda besetzte fast alle Rollen mit farbigen Darstellern. Eine gewagte Entscheidung, handelt es sich ja um historische Figuren, die nachweislich weiß waren. Hätte man aber traditionell besetzt, hätte man sich der Kritik aussetzen müssen, wieder nur weiße, alte Männer in den Vordergrund zu stellen - auch wenn nun einmal die damals die Akteure waren. Also ein gewitzter Trick Mirandas, und auch eine Pionierleistung darin, wie die irrelevante Hautfarbe hinter der Rolle effektvoll zurücktritt. Zudem auch eine wirkungsvolle Verteidigungslinie für jene, die bemängeln: "Eh nett, aber dass die Gründerväter der USA auch alle Sklavenhalter waren, wird nicht thematisiert." Die Metaebene, in der die einst Unterdrückten die Geschichte mitschreiben und mit ihren ureigenen Musikgenres erzählen, wiegt als Gegenargument recht schwer.

Breit zitiert

Dass das bei vielen auch so ankommt, sieht man daran, dass bei "Black Lives Matter"-Protesten immer wieder Transparente präsentiert wurden, die Lieder des Musicals zitierten: "I’m past patiently waiting" oder "History has its eyes on you". In einem Interview zum Streamingstart hat Miranda, darauf angesprochen, gesagt: "Die Kämpfe, die wir bei der Entstehung dieses Landes führten, führen wir immer noch. Ich habe immer schon gesagt, dass die Sklaverei die Erbsünde unseres Landes ist."

Auf Disney+ ist derzeit nur eine Originalversion ohne Untertiteln zu sehen. Das macht es etwas schwieriger, der flotten Geschichtsstunde, die vom Unabhängigkeitskrieg über die Rettung der Staaten vor der Pleite bis zu politischen Intrigen tanzt, zu folgen - es macht aber auch noch deutlicher, dass "Hamilton" ein durch und durch amerikanisches Stück Kultur ist. Am Ende, nach dem Tod Hamiltons, ist noch Platz für die geschichtsphilosophische Frage nach der Macht über die Narration. Wer wird was über wen berichten in der Zukunft? Wer bleibt im kollektiven Gedächtnis, wer nicht?

Lin-Manuel Miranda hat dafür gesorgt, dass Alexander Hamilton nicht so schnell der Vergessenheit anheimfällt. Zumindest was die Popkultur angeht. Und nicht nur die. John Boltons Enthüllungsbuch "The Room Where it Happened" über Donald Trumps Präsidentschaft" zitiert den Song "The Room Where It Happens" aus dem Musical - als tragischen Vergleich dazu, wie echte Staatsmänner von Format aussehen.