Die 37. Ausgabe des Impulstanz-Festivals mit seinen zahlreichen Performances musste coronabedingt abgesagt werden. Rio Rutzinger hält das jedoch nicht auf: Der künstlerische Leiter der Reihe "Public Moves" entwickelte mit seinem Team ein siebenwöchiges Alternativprogramm, bevor es im Oktober im Odeon Theater weitergeht. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" spricht Rutzinger über gemeinsames Schwitzen in der Öffentlichkeit und die dazu nötigen Covid-19-Maßnahmen.

"Wiener Zeitung": Was versteht man unter "Public Moves"?

Rio Rutzinger: Es ist eine Workshop-Reihe mit rund 90 Dozenten für jedes Alter, für jeden Körper. Wer immer kommen mag, kann teilnehmen: Kinder und Senioren sind da genauso willkommen wie Personen im Rollstuhl oder durchtrainierte Balletttänzer.

Katrin Blantar und Karin Cheng beim Voguing. - © Karolina Miernik
Katrin Blantar und Karin Cheng beim Voguing. - © Karolina Miernik

Aufgrund der Absage der Performances wird diese Reihe umfassender werden?

Eine ganz andere Dimension wird heuer stattfinden: 2019 waren es noch 57 Workshops, heuer sind es rund 300 Klassen. An sieben verschiedenen Orten ganz verstreut in Wien. Das ist wirklich sehr aufregend. Wir wissen nicht, was dort auf uns zukommt: Es gibt Personen, die das begrüßen, andere wiederum fühlen sich zwangsbeglückt. Wenn man vor einem Gemeindebau jeden Tag zweimal eineinviertel Stunden Musik hört - über sieben Wochen lang -, die man gar nicht leiden kann, dann macht man sich nicht nur Freunde. Wenn ich sieben Wochen lange mit Blasmusik beschallt werden würde, wäre ich am Ausflippen. Einfach, weil es nicht mein Genre ist. Wir schauen drauf, dass jeder Platz eine Betreuung hat für jene, die es lieben. Aber auch für jene, die ein Problem damit haben. Ich bin etwas nervös, wie es aufgenommen wird, denn gratis bedeutet nicht unbedingt "Juchuh", sondern oft auch "es ist nichts wert und dafür werden Steuergelder verwendet?" Wir wenden uns an eine Öffentlichkeit, die uns nur von Plakaten kennt.

Welche Maßnahmen wurden in Bezug zu Covid-19 gesetzt?

Seit 1. Juli dürfen wir Kontakt-Improvisation machen. Aber wir stellten das ganze Programm in den letzten zwei Monaten nicht mit dieser Richtlinie auf, sondern mit jenen davor. Vermutlich wird es eine Mischung: Es wird jene Menschen geben, die sich freuen, wieder schwitzend mit anderen Leuten auf dem Boden zu kugeln. Das werden eher die Profis sein. Und es wird Menschen geben, die Distanz halten wollen. Das ist gut möglich auf den 800 Quadratmeter großen Tanzflächen, die mit Markierungen gekennzeichnet sind, sodass jeder rund 15 Quadratmeter für sich alleine hat. Unsere Lehrer sind darauf vorbereitet, dass die Mehrheit der Teilnehmer Abstand halten will. Und wir, als Veranstalter, erachten das auch für sinnvoll. Das wird nicht einfach, aber es ist zu respektieren. Viele wollen wieder in ihre Körper kommen, manche einfach nur wild abtanzen.

Joe Alegado, der seit der Gründung von Impulstanz 1984 kein einziges Festival verpasst hat, schenkt 2020 Bewegungsfreiheit. - © Nina Saurugg
Joe Alegado, der seit der Gründung von Impulstanz 1984 kein einziges Festival verpasst hat, schenkt 2020 Bewegungsfreiheit. - © Nina Saurugg

Und das Programm?

Es ist ein Mischmasch aus "lasst uns wieder gemeinsam schwitzen, aber ohne Kontakt" und Übungen, die uns wieder im Körper ankommen lassen nach dieser irritierenden Zeit.

Was passiert bei Schlechtwetter?

Die erste Woche hat es bisher immer geschüttet. Jedes Jahr. Und die Menschen sind trotzdem zu den Workshops gekommen. Bei Schönwetter waren bisher 100 Teilnehmer pro Klasse. Das haben wir auf 50 gedeckelt.

Das heißt, eine Anmeldung ist nötig?

Es gibt einen Tag vor jeder Klasse eine Anmeldungsmöglichkeit. Aber ich gehe davon aus, dass bei speziellen Plätzen wie etwa die Zirkuswiese in Alt Erlaa oder in der Seestadt nicht alle Plätze voll sein werden und Walk-Ins aufgrund dessen möglich sind. Wir werden sicher neue Freunde finden. Wie es halt ist mit zeitgenössischer Kunst: Sie ist nicht für alle. Ich mag auch nicht jedes Essen oder gar jede Musik.