Zum Sommertheater gehört die große Geste wie das Amen zum Gebet. Die Atmosphäre der weitläufigen Freiluftbühnen, pompöse Spiele am See mit allerlei Pyrotechnik, Schaulauf der Promis auf und vor der Bühne, Prosecco an der Theaterbar. Dieser Zinnober wird dem Sommertheater 2020 ziemlich abgeräumt. Coronabedingt gab es vor allem bei den Großveranstaltungen von Mörbisch bis Bregenz, von Reichenau bis Erl viele Absagen, die meisten Premieren wurden ins nächste Jahr verschoben.

"Kein kulturelles Ischgl"

"Wir wollen kein kulturelles Ischgl provozieren", sagte etwa Werner Auer, Obmann des Vereins Theaterfest Niederösterreich. Noch im Mai, als die Proben für die meisten Aufführungen beginnen hätten sollen, hätte kaum jemand darauf gewettet, dass in diesem Sommer überhaupt jemand eine Bühne betreten wird. Doch im Lauf der sukzessiven Lockerungen ist nun auch im Kulturbereich erstaunlich viel möglich.

Für Freiluft-Unternehmungen dürfen bei entsprechender Schachbrettbestuhlung, die einen Meter Abstand gewährleistet, ab 1. Juli 500 Personen, ab 1. August 750 und mit Sondergenehmigung bis zu 1250 Menschen Kulturereignissen in Einrichtungen mit fixer Bestuhlung beiwohnen; Indoor-Veranstaltungen müssen die Outdoor-Obergrenzen jeweils um 250 Personen unterschreiten.

Ermutigt durch die kulanten Regierungsvorgaben, die den Kultureinrichtungen durchaus Spielraum einräumen, bringen viele Veranstalter nun zumindest ein reduziertes Programm heraus. Hoch im Kurs stehen Lesungen und Soloauftritte sowie Programme in kleiner Besetzung, die viele Künstlerinnen und Künstler bereits im Repertoire haben und ohne viel Probenaufwand auf die Bühne bringen können.

So hat Erl etwa die Sommerspiele abgesagt, öffnet aber die Bühne des Festspielhauses an vier Wochenenden im August für Künstler, die den Festspielen nahestehen; in Reichenau finden heuer zwar keine Festspiele statt, aber an verschiedenen Spielorten treten Schauspieler, die man aus dem Festspielprogramm kennt, mit Soloprogrammen auf. Auch Kobersdorf-Intendant Wolfgang Böck lässt es sich nicht nehmen, mit Adi Hirschal den Liederabend "Böck to the Roots" auf der Schlossbühne zum Besten zu geben; auf der Seebühne Mörbisch gibt es statt der "Westside Story" immerhin ein Open-Air-Kino. Die eigentlich abgesagten Donaufestwochen im Strudengau  haben "Ganz spontan!" sieben Konzerte und zwei Ausstellungen aus dem Boden gestampft, auch in Gmunden und Steyr wird so einiges stattfinden, die Brucknertage in St. Florian und die Musiktage am Mondsee werden in leicht adaptierter Form über die Bühne gehen.

Kultur stärkt Immunsystem

Der Carinthische Sommer setzt mit zwölf Konzerten ein Lebenszeichen, auch die Styriarte und die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik trotzen der Krise. Mehr als ein Notfallprogramm ist auch in Bregenz geglückt: Intendantin Elisabeth Sobotka hat von 15. bis 22. August die sogenannte "Festtage im Festspielhaus" ins Leben gerufen und bringt sogar die Opern-Uraufführung "Impresario Dotcom" der Komponistin Lubica Čekovská heraus.

Das heimische Sommertheater-Großereignis schlechthin, die Salzburger Festspiele, werden von 1. bis 31. August ein modifiziertes Programm zeigen, und so gut es geht, ihr 100-Jahr-Jubiläum zelebrieren. Noch ein weiteres Jubiläum fällt in den heurigen Corona-Sommer: Die Steudltenn, ein ambitioniertes Tiroler Bühnenprojekt in einer 700 Jahre alten Tenne im Zillertal, lässt sich den zehnten Jahrestag nicht nehmen und feiert ihn trotz Covid-19 mit einer Vielzahl an kleineren Projekten, besonders sticht Boccaccios "Dekameron" hervor, es spielt zu einer Zeit, als die Pest in Europa wütete und empfiehlt sich als pandemie-
taugliches Meisterwerk.

Zu den Gewinnern zählen im Theatersommer 2020 jene Veranstalter, die gegen Sommerende angesetzt sind. So findet das Litschauer Theaterfestival "Hin und Weg" ab 7. August in nahezu unveränderter Form statt. Manche Intendanten haben die Premiere eigens nach hinten verschoben, um die Chancen für eine Aufführung zu erhöhen. Das macht sich nun bezahlt. "Es war richtig, nicht zu früh aufzugeben. Zieht man sich vorschnell zurück, wird man marginalisiert, im schlimmsten Fall irrelevant", sagt Perchtoldsdorf-Intendant Michael Sturminger. In Perchtoldsdorf wird auf der Open-Air-Bühne ab 5. August "Romeo und Julia" am Spielplan stehen. "Wir müssen spielen. Das sind wir dem Publikum und den Künstlern schuldig."

Von den Absagen der großen profitieren manche kleinere Veranstalter: So finden die Wagner-Festspiele heuer nicht in Bayreuth statt, sondern im niederösterreichischen Poysdorf. Auf dem Spielplan steht "Tristan und Isolde" sowie "Der fliegende Holländer", für Kinder gibt es eine 50-minütige Tour de Spaß durch Wagners Nibelungen-Zyklus mit dem Titel "Sigis Abenteuer". Der Intendant der Weinviertler Festspiele, Peter Stevenson, betont ausdrücklich, dass er für Poysdorf Sänger gewinnen konnte, die sonst im Wagner-Gral Bayreuth auftreten, wie Bariton Thomas Johannes Mayer und Regisseur Isao Takashima oder erstklassige Kräfte wie Martina Serafin.

Nach langem Bangen gab schließlich auch Grafenegg grünes Licht für ein Festspielprogramm, das nun am 14. August startet. Allerdings musste der ursprüngliche Spielplan, in dem viele internationale Gäste vorgesehen waren, den Reiseeinschränkungen angepasst werden, die Konzerte werden nun vorrangig mit heimischen Orchestern bestritten, darunter die Wiener Philharmoniker.

Kein Corona-Stillstand

Von wegen Corona-Stillstand! Gibt es doch im Bereich Sommertheater sogar eine Neugründung: "Das Theater im Park". Impresario Michael Niavarani versammelt im Privatgarten des Palais Schwarzenberg hinter dem Belvedere Bühnengrößen wie Maria Happel und Ernst Molden.

Das Sommertheater 2020 wird wohl improvisierter, spontaner und kleindimensionierter werden als die Jahre zuvor. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Kultur vermag das Immunsystem der Gesellschaft zu stärken, egal in welcher Verpackung.