Er zählt zu den größten Choreografen der Gegenwart: John Neumeiers Werke sind aus dem Repertoire der Opernhäuser und Tanzkompagnien weltweit nicht wegzudenken. Der gebürtige US-Amerikaner ist auch dem Wiener Publikum bekannt: "Le Pavillon d’Armide" und "Le Sacre" oder auch "Verklungene Feste" und "Josephs Legende" waren an der Staatsoper zu sehen. Sein Stil ist unverwechselbar: Elegant und außergewöhnlich musikalisch, zwischen neoklassischem und zeitgenössischem Stil changierend. In Hamburg hat er ein Ballett-Imperium geschaffen, bestehend aus der Kompagnie und einer renommierten Ballettschule, die frei von den schweren Vorwürfen bleibt, mit denen die Wiener Ballettakademie und die Ballettschule Berlin zu kämpfen hat. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt der nun 81-jährige vitale Künstler über das menschliche Selbstverständnis von Lehrern, von seiner Corona-Kreation und Tanz im Netz.

"Wiener Zeitung": Sie proben bereits wieder mit ihrer Kompagnie. Wie gehen diese vonstatten?

John Neumeier: Eine reguläre Probe ist derzeit unmöglich, aber nach knapp zwei Wochen Training in Kleingruppen habe ich am 11. Mai eine neue Kreation begonnen – unter Einhaltung eines ausgefeilten Hygieneschutzkonzepts. Ich nenne es "Ghost Light" nach der Lampe, die die Bühnenarbeiter in Amerika mitten auf die Bühne stellen. Sie brennt nach Vorstellungsende die ganze Nacht über, bis am nächsten Tag die Bühne zu neuem Leben erwacht. "Ghost Light" ist ein Ballett, das produktiv auf die derzeit gültigen Beschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie reagiert. Wir proben in kleinen Gruppen zu Solo-Klaviermusik von Franz Schubert. Seine "Moments musicaux" waren der Ausgangspunkt. Ich kann immer nur mit wenigen Tänzern gleichzeitig arbeiten, ein Durchlauf war bisher nicht möglich. Diese Herangehensweise ist vergleichbar mit der Komposition einzelner Instrumentalstimmen einer Sinfonie – oder einem traditionellen japanischen Essen: eine Folge sorgsam arrangierter Miniaturen.

Sie haben Corona angesprochen: Wie erleben Sie diese Krise?

Es ist sehr stressig. Nicht für mich als Privatperson, aber für mich mit meiner Verantwortung gegenüber meiner Kompagnie und der Ballettschule. Nach dem Shutdown und Probenstopp am 14. März haben wir so schnell wie möglich dafür gesorgt, dass alle zumindest zu Hause trainieren konnten. Ich empfand es aber als entscheidend, dass sie baldigst wieder in den Ballettsaal zurückkehren würden. Tänzer brauchen Platz: Sie müssen sich im Raum bewegen! Daher habe ich eine Begehung mit unserem Betriebsarzt und -rat angeregt und persönlich begleitet. Das Ballettzentrum Hamburg hat die schönsten Säle der Welt! Sie sind groß, lichtdurchflutet und haben riesige Fenster auf beiden Seiten, sodass man jederzeit gut durchlüften kann. Auch haben wir eine Systematik entwickelt, durch welche Tür man reinkommt und durch welche man wieder rausgeht, wie viele Tänzer im Training sein dürfen. Wir haben unser erstes Training schon wieder am 29. April gehalten. Tanz ist nicht nur Technik, es hat mit Emotionen und Inhalten zu tun. Deshalb habe ich mich gefragt, ob man dieses strukturelle Gerüst der vorgegebenen Beschränkungen auf eine Kreation übertragen könnte. Ich bin ganz spontan auf Schubert gekommen, weil ich diese Musik sehr liebe und habe dann mit der Kreation begonnen. Denn wenn man das Social Distancing respektiert, kann man kein Werk des bestehenden Repertoires proben. So merkwürdig das klingt: Das Abstandsgebot gehört zum Kern der Kreation und bestimmt auch den emotionalen Gehalt des Balletts.

Wie kann man sich eine Kreation mit diesen Bestimmungen vorstellen? Tanz sind ja nicht nur Soli.

Menschen, die zusammenleben und liiert oder verheiratet sind, dürfen laut den Bestimmungen miteinander arbeiten. In meiner Kompagnie gibt es acht Paare, die in diesem Ballett auch gemeinsam tanzen. Es ist ein Kompromiss, den ich ungern, aber bewusst eingehe. Eine gewisse Trennung vom Privatleben und dem Beruf als Tänzer halte ich sonst für selbstverständlich. Immerhin hat die Situation auch einen Vorteil: Wenn man mit kleineren Gruppen arbeitet, hat man auch eine bessere Kommunikationsmöglichkeit.

Was bedeutet aus ihrer Sicht diese Corona-Krise für das Kulturleben?

Der Stillstand seit Mitte März war ein regelrechter Schock. Auch die zeitweilig geringe Beachtung von Kultur in der öffentlichen Verständigung über Öffnungsstrategien hat mich zunächst sehr betroffen gemacht. Für mich war es wichtig, als Ballettintendant und Choreograf einen eigenen Standpunkt zu finden, der meiner Verantwortung gerecht wird – auch als Leiter einer international bedeutenden Ballettschule. Was die aktuelle Pandemie langfristig bedeutet, wissen wir noch nicht, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin zu sehr ein "Macher". In Kopenhagen etwa, dürfen die Tänzer ab Anfang August richtig proben, einander anfassen. Hier dürfen wir das nicht. Wen soll man fragen? Wem kann man diese großen Fragen stellen?

John Neumeier bei den Proben zu "Ghost Light". - © Kiran West
John Neumeier bei den Proben zu "Ghost Light". - © Kiran West

Sie haben aufgrund von Corona die Hamburger Ballett-Tage und auch die Nijinsky-Gala absagen müssen, wird das nachgeholt?

In den 47 Jahren meiner Intendanz beim Hamburg Ballett musste ich beides zum ersten Mal absagen. Die Einschränkungen durch die weltweite Pandemie reichen jedoch weit tiefer: Sie bedroht nicht nur unser aller Gesundheit, sondern auch wichtige Errungenschaften unserer Gesellschaft. Ich sehe es als Aufgabe der Politik, die sinn- und gemeinschaftsstiftende Funktion von Kultur gerade in Krisenzeiten im Auge zu behalten. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es wird nächstes Jahr wieder die Ballett-Tage und auch eine Nijinsky-Gala geben, dieses Jahr ist nun eine Pause.

Während der Corona-Krise wurde sehr viel Tanz ins Internet gestellt - und oftmals dafür kritisiert. Auch das Hamburg Ballett verstärkte seinen Internetauftritt. Wie denken Sie über Performances im Netz?

Wenn man nichts anderes darf, ist es sicherlich positiv. Wir haben eine sehr gute Resonanz auf unsere Online-Projekte erhalten. Wir haben auch sehr schöne Filme in letzter Zeit gedreht. Kompagnien, die bei mir angefragt haben, ob sie im Netz meine Ballette in ihren Häuser zeigen dürfen, habe ich das immer erlaubt. Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, dass wir noch da sind. Aber es ist keineswegs ein Ersatz für eine Live-Vorstellung.

Apropos Live-Vorstellung: Für Anfang Dezember ist die Premiere von "Beethoven 9" geplant. Glauben Sie, dass es dabei bleibt?

Ich hoffe es – und arbeite daran. Aber keiner weiß, ob es dabei bleibt. Ich kann "Beethoven 9" nur kreieren, wenn sich die Tänzer anfassen dürfen. Zum Thema dieser Musik wäre alles andere wäre absurd.


Links
John Neumeier: "Ghost Light", Uraufführung am 6. September.
Weitere Infos unter www.hamburgballett.de
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Sie haben ein Ballett-Imperium in Hamburg aufgebaut, das neben der Kompagnie auch eine Schule beherbergt, die Sie bereits 1978 gegründet haben. In den Akademien in Wien und Berlin gab es Missbrauchsvorwürfe. Woran kann das liegen und was unterscheidet Ihre Schule?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, dafür müsste ich die Schulen in Wien und Berlin viel besser und "von innen" kennen. Sicher ist, dass man keine Ballettschule führen sollte, in der nicht das Wohl der Kinder an vorderster Stelle steht.

Gibt es klare Richtlinien für das Verhalten der Lehrer gegenüber den Schülern?

Das sollte ein menschliches Selbstverständnis sein! Darauf achten wir in Hamburg sehr genau und daraus leitet sich eine Vielzahl von Regeln ab, nach denen unsere Schüler ausgebildet werden. Ich sehe viele der kontrovers diskutierten Fragen ganz pragmatisch: Vor allem bei kleinen Kindern kann man kein Ballett lehren, ohne sie anzufassen, sie in ihrer Haltung und in ihren Bewegungen zu korrigieren. Gerade in diesem Alter lassen sich komplexe Bewegungsabläufe nicht rein rational vermitteln. Man darf auch nicht vergessen, dass man ohne harte Arbeit nicht Tänzer werden kann – vor allem heute werden hohe technischen Anforderungen gestellt. Aber das alles entlässt uns nicht aus der Verantwortung, jedem einzelnen Schüler als Mensch gerecht zu werden.