Natürlich konnte auch Anna Netrebko, der große Star des Opernbetriebes, während der Vormonate nicht im gewohnten Rahmen auftreten. Aber Gustav, der zwölfjährige Sänger aus dem Chor der Wiener Staatsoper, eben auch nicht. Dass es jetzt wieder losgeht, kommentiert er mit einem erleichterten "Endlich!".

Der aufgeweckte Gymnasiast begann seine Karriere im Chor eines kirchlichen Kindergartens im 15. Bezirk. Das Kirchliche juckte ihn dabei nicht sonderlich - "Ich bin nicht gläubig" -, aber die beiden Musicals jedes Jahr zu Weihnachten ("Krippenspiel") und im Sommer ("Irgendwas mit Moses oder so") machten ihm schon Spaß, und zwar hörbar. Deswegen sagte einer der beiden Chorleiter auch nach jeder Probe zu ihm: "Gustav, du musst etwas mit deiner Stimme machen!" Er freilich dachte nur: Das sagt er bestimmt zu jedem! Um dann ganz bescheiden doch zuzugeben: "Gemerkt habe ich schon, dass ich eine gute Stimme habe, die war nicht ganz Kacke . . ."

Mehr als eine kurze "Gaude"

Gustav war früher etwas schüchterner, gesteht er im Gespräch, "aber beim Singen war ich immer voll dabei." Darum haben sich die Eltern bald umgeschaut, ob man diese Stimme nicht irgendwo "bilden" könne, was ein beliebtes Thema bei Eltern ist - freilich nur bis zur jährlichen Abschlussveranstaltung, während der sie dann hören können, wie Singen nicht geht. Gustavs Eltern aber wollten es genauer wissen und meldeten den damals Siebenjährigen bei der Wiener Staatsoper zum Casting an, und Gustav dachte sich: "Na gut, da mache ich mir eine Gaude, schaffen tu ich’s sowieso nicht."

So kann man sich täuschen. Denn kurz vor seinem ersten Schultag sagte ihm die Mama, dass eine Email gekommen wäre des Inhalts: "Ihr Sohn hat bestanden!" Was wiederum ihn denken ließ: "Okay, was mach’ ich jetzt? Will ich das, kann ich es wirklich?" Aber Herr Mertel, der Chorleiter, "der wirklich super ist und es immer schafft, dass wir Spaß haben", versicherte ihm bald, dass er es mit seinem Ersten Sopran ("Nicht ganz Königin der Nacht, aber fast") natürlich kann.

Er brachte ihm und den anderen Neulingen während der ersten zwei Jahre im "Basischor" das Repertoire und ein paar Basics bei, danach rückte Gustav in den "Kernchor" ("Jungs bis zum Stimmbruch, Mädchen, bis sie nicht mehr wie Kinder aussehen") auf. Dieser umfasst 40 bis 50 Mitglieder, und wer sich dort besonders hervortut, der wird "herausgepickt" für die Aufführungen. Zum ersten Mal, erinnert sich Gustav, durfte er auf die Bühne, als sie "irgendwas Russisches" darboten, "ah ja: Chowanschtschina". Womit er auch gleich einen kleinen, positiven Nebeneffekt seiner Chorzugehörigkeit beschreibt: Dass er nun eben auch ein bisschen Russisch, Italienisch und Französisch kann. Deutsch hingegen singen sie ganz selten, "nur ‚Hänsel und Gretel‘, das war’s."

Nervös in der Straßenbahn

Sobald Gustav für eine Premiere ausgewählt wird, muss er die Oper in einem Dreivierteljahr lernen, fürs Repertoire übt er zirka drei Monate. Dann geht er intensiv zur Stimmbildung, macht Extratraining und ist ab einem bestimmten Zeitpunkt in die Probenarbeiten eingebunden. Dafür kriegt er dann sogar Geld ("Eine krumme Zahl zwischen drei und vier Euro"), ansonsten muss sich die Staatsoper im Rahmen einer "Wahlpflicht" darauf verlassen können, dass er auch ohne Entschädigung kommt, was für ihn aber ohnehin selbstverständlich ist: "Wenn ich etwas mache, dann richtig und weil es mir Spaß macht."

Besonders Spaß machen Gustav die Solos, für die er ausgewählt wird, obwohl: "Ich bin dann immer ultranervös, also sehr, sehr nervös. In der Straßenbahn fängt es schon an, du denkst: Das ist die Wiener Staatsoper! Das ist so krass, dass ich dort singe! Was, wenn ich es vergeige?" Damit das zumindest stimmlich nicht passiert, muss er sich vor jeder Probe und jedem Auftritt "einsingen", mindestens zehn Minuten lang. Darum mag er es auch gar nicht, wenn Interessierte allzu oft zu ihm sagen: "Jetzt sing uns mal was vor!" Und wenn er auf die Notwendigkeit des "Einsingens" davor verweist, hört er: "Na dann mach!"

Damoklesschwert Stimmbruch

Fast noch mehr nervt ihn aber die ständige Frage, ob er denn "später einmal Opernstar werden möchte". Das kann er hiermit ein für alle Mal verneinen, denn Gustav macht sich über die Stimmbildung hinaus auch Gedanken über anderes, zum Beispiel unseren Planeten: Die vielen Reisen eines Opernsängers würde er schon aus Umweltschutzgründen nicht wollen, "aber von hier aus kommst du nicht mit dem Zug nach Sydney!"

Außerdem liegt ja noch die Sache mit dem Stimmbruch vor ihm, letztes Jahr dachte er schon, dass er ihn ereilt hätte: "Das Horrorjahr! Ich war gefühlt echt schon im Stimmbruch, es hat einfach nicht mehr funktioniert." Also ging er zu drei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten, wobei der letzte ihm eine einfache Erkältung attestierte, was er zunächst nicht recht glauben wollte, weil diese sieben Monate lang anhielt. Aber dann waren die Probleme plötzlich weg. "Und gestern war ich wieder total motiviert", erzählt er begeistert. "Da hat es wieder super funktioniert!"

Mit wieder erlangter Stimme kann Gustav dann im Oktober vielleicht schon wieder ein nächstes Solo singen. Sofern ihm nicht doch noch der Stimmbruch dazwischenkommt.