Das deutschsprachige Theater ist paradox: Mit Verve entwickelt es ständig neue Formate, bringt neuartige Spielansätze auf die Bühne, aber wenn es darum geht, Stücke für den Spielplan zu finden, geht es erstaunlich konventionell vor, stets werden dieselben Klassiker angesetzt. Das weite Feld, das zwischen Shakespeare und Schnitzler, Goethe und Tschechow liegt, bleibt weitgehend unentdeckt.

Die Anthologie "Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht", herausgegeben vom Autor und Journalisten Simon Strauß, weist eindringlich darauf hin, dass viele Häuser bei der Auswahl der Stoffe vergleichsweise einfallslos agieren und im Grunde ihr literarisches Erbe verraten.

Das Buch basiert auf einer Serie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Strauß rief namhafte Autoren, Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen und Journalisten auf, je ein Stück aus der Dramengeschichte aufzuspüren, das zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. In der Zufälligkeit und Beliebigkeit der Auswahl liegt natürlich der Reiz, aber notgedrungen auch die Begrenztheit des Projekts.

Auffallend ist, dass die meisten Vorschläge aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stammen. Was ist mit den Jahrhunderten davor? Manches ist erstaunlich naheliegend, wie Daniel Kehlmanns Hinweis, doch wieder George Bernhard Shaws "Die heilige Johanna" zu zeigen. Warum auch nicht? Bei Carl Hegemanns Geheimtipp "Die rote Mühle" von Ferenc Molnar fragt man sich tatsächlich, warum von diesem Dramatiker ausschließlich "Liliom" gespielt wird. Auch die sprachliche Wucht von Else Lasker-Schüler hat man lange nicht mehr vernommen, Burg-Schauspielerin Johanna Wokalek schlägt ihr herrlich versponnenes Stück "Die Wupper" vor.

Eine der größten Entdeckungen aus den 30 Fundstücken stellt wohl die britische Autorin Aphra Behn (1640-1689) dar. Zu Lebzeiten gefeierte Dramatikerin und schillernde Persönlichkeit der Londoner Society, hielten sich ihre Stücke bis weit ins 18. Jahrhundert, bis ihre bissigen Analysen sexueller Doppelmoral im bigotten 19. Jahrhundert von den Spielplänen verschwanden. Es sei ein "schlechter Witz", schreibt ihr Fürsprecher, FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, dass "eine Zeit, die sich viel auf ihren Sinn für Diversität, den Unterschied zwischen Sex und Gender sowie die Entdeckung weiblicher Künstler einbildet", eine aufregende Autorin wie Aphra Behn ignoriere.

Interessant ist auch die Trouvaille von Hans Magnus Enzensberger. Der Romancier spricht sich für den kaum bekannten Moskauer Aristokraten Aleksander Suchovo-Kobylin und dessen Stück "Tarelkins Tod oder der Vampir von St. Petersburg" (1869) aus. Mit den Mitteln der Farce wird darin ein korrupter Beamtenstaat samt fragwürdigem Justizsystem offengelegt. "Bei einer Inszenierung müsse gezeigt werden", so Enzensberger, "dass im Stücke keine Idioten vorkommen, sondern ganz normale Bürger, die sich durchschlagen müssen, so gut es geht. Ihre Defekte und Gemeinheiten haben keine individuellen, sondern gesellschaftliche Gründe."

"Spielplanänderung": ein Buch als Pflichtlektüre und Auftrag für Theatermacher.