"Endlich", freuten sich die Fans des Staatsballetts, "gibt es wieder Wiener Solotänzer" - also hierzulande ausgebildete Österreicher, die auch ins Ensemble engagiert werden. Beide Tänzer wurden mit gerade einmal Anfang 20 zu Ersten Solisten erkoren: Natascha Mair und Jakob Feyferlik tanzten in die Fußstapfen der einstigen Publikumslieblinge wie Brigitte Stadler oder Karl Musil. Doch nun kommt der Direktorenwechsel von Manuel Legris zu Martin Schläfer und mit diesem der - selbst gewählte - Abgang. Im Gespräch erklärt Jakob Feyferlik, weshalb er Wien verlässt, plaudert über seine Erfahrungen in der Ballettakademie und er verrät seinen Kindheitstraum.

Jakob Feyferlik wurde im Alter von 19 Jahren bereits Solist des Staatsballetts, im Vorjahr verlieh Ballettchef Manuel Legris dem erst 22-Jährigen den Titel Erster Solist. - © J. Feyferlik/Marco Sommer
Jakob Feyferlik wurde im Alter von 19 Jahren bereits Solist des Staatsballetts, im Vorjahr verlieh Ballettchef Manuel Legris dem erst 22-Jährigen den Titel Erster Solist. - © J. Feyferlik/Marco Sommer

"Wiener Zeitung": Sie haben von der Pike auf in Wien Ballett gelernt und Ihre Karriere geschmiedet. Wie sehen Sie rückblickend diese Zeit?

Jakob Feyferlik: Ich muss es in zwei Teile trennen, denn das eine war die Ausbildung, die Basis meiner Karriere. Ich war zuerst im Konservatorium Wien, habe mich dann aber für die Ballettakademie entschieden, weil ich mich auf Ballett konzentrieren wollte. Ich habe meine Schulzeit genossen und ich hatte sehr gute Lehrer, die mich zu dem Tänzer gemacht haben, der in das Staatsballett aufgenommen wurde. Und dann ging es erst richtig los. Ich kann mich gut an die Worte meiner großen Schwester erinnern: Sie ist selbst Tänzerin, die mich fragte, ob ich das wirklich machen wolle, denn das Ballett-Business sei so hart. Und auch meinte sie, ich solle mich nicht nur auf Wien fokussieren. Es gebe so viele andere Opernhäuser. Ich werde das strenge Wiener Publikum vermissen. Aber hätte ich nicht in Wien begonnen, wäre meine Karriere nicht so verlaufen.

Auch die aus Wien stammende Erste Solistin Natascha Mair - hier bei einer Probe mit Jakob Feyferlik für den Opernball 2019 - wird das Staatsballett verlassen. Wo sie künftig tanzen wird, ist noch geheim. - © apa/R. Jäger
Auch die aus Wien stammende Erste Solistin Natascha Mair - hier bei einer Probe mit Jakob Feyferlik für den Opernball 2019 - wird das Staatsballett verlassen. Wo sie künftig tanzen wird, ist noch geheim. - © apa/R. Jäger

Denn Ballettdirektor Manuel Legris war ein großer Förderer von Ihnen.

Ja, ich schätze ihn sehr und ich bedanke mich dafür. Er hat so viel aus mir als Künstler herausgeholt, und das hätte ich ohne ihn nie geschafft. In der Kompagnie hört man nie auf zu lernen, wie in jeden normalen Job auch.

Normale Jobs?

(lacht) Ja, wir Balletttänzer sagen das so, denn wir sind nicht normal.

Im klassischen Ballett tanzt Jakob Feyferlik meist die Rolle des Prinzen. Diese setzt neben einem spezifischen Körperbau auch Eleganz voraus. - © Wr. Staatsballett/A. Taylor
Im klassischen Ballett tanzt Jakob Feyferlik meist die Rolle des Prinzen. Diese setzt neben einem spezifischen Körperbau auch Eleganz voraus. - © Wr. Staatsballett/A. Taylor

Sie haben Ihre Ausbildung in der Ballettakademie angesprochen, die 2019 im Mittelpunkt eines Missbrauchsskandal stand. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Körperliche Übergriffe habe ich nie erlebt. Ich wurde sehr gefördert, durfte auf Wettbewerbe fahren und bei Vorstellungen an der Oper mitwirken. Als in dieser Debatte gesagt wurde, dass die Kinder in der Schule so müde sind und sie deshalb nicht an Aufführungen mitwirken sollen, dachte ich mir, dass es genau diese Erfahrungen waren, die dieses Kribbeln erweckt haben, unbedingt auf die Bühne zu wollen. Dafür trainiert man ja auch.

Die Vermutung lag nahe, dass Sie mit Legris an die Mailänder Scala wechseln. Es zieht Sie aber ins Het Nationale Ballet. Weshalb Amsterdam?

Mailand stand für mich nie zur Debatte. Über die Ernennung von Martin Schläpfer als Legris-Nachfolger war ich zwar erstaunt, aber ich wäre geblieben. Ich hatte das Gefühl, dass ich nach 23 Jahren in Wien und als Erster Solist etwas Neues brauche, um mich weiterzuentwickeln. Zu diesem Wechsel entschloss ich mich schon, bevor es bekannt wurde, dass Legris an die Scala wechselt. Ich werde in Wien mit einem Fuß in der Tür bleiben: Es sieht ganz gut aus, dass ich nächste Saison als Gast kommen darf. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen, denn die Planbarkeit mit Corona ist schwierig.

Bereits im Alter von 22 Jahren wurde Jakob Feyferlik 2019 zum Ersten Solisten des Wiener Staatsballetts ernannt. - © Wr. Staatsballett/A. Taylor
Bereits im Alter von 22 Jahren wurde Jakob Feyferlik 2019 zum Ersten Solisten des Wiener Staatsballetts ernannt. - © Wr. Staatsballett/A. Taylor

Warum gerade Amsterdam?

Ich habe die Kompagnie seit einigen Jahren schon beobachtet, sie ist ja eine der weltbesten. Ich habe bereits vor zwei Jahren vorgetanzt und einen Platz gesichert. Der Spielplan ist ähnlich wie in Wien - also klassisch und neoklassisch, aber weniger die zeitgenössischen Stücke. Dafür gibt es in den Niederlanden das NDT. Mir gefällt William Forsythe und David Dawson. In diese Richtung möchte ich mich weiterentwickeln und da stehen mir in Amsterdam die Türen offen.

Wohin zielt man als 23-Jähriger, der bereits Erster Solist ist, also ganz oben in der Balletthierarchie angekommen ist?

Ich habe mir das in so jungem Alter selbst nicht erwartet. Aber ich weiß, dass ich nicht perfekt bin und dass ich noch nicht dort bin, wo ich hin könnte. Deshalb sind jetzt einmal die Trainer in Amsterdam wichtig, ich muss Erfahrungen sammeln. Ein Traum von mir ist The Royal Ballet in London. Nur ist es schwer, dort hineinzukommen, denn ich war weder in der dortigen Schule, noch bin ich Engländer. Das ist aber mein Kindheitstraum.