Das 100. Gründungsjahr der Salzburger Festspiele geht in die Annalen ein. Die Pandemie hält die Welt im Würgegriff, es gelten Reisebeschränkungen und Sicherheitsauflagen; der Ausnahmezustand wecke, ist in vielen Kommentaren zu lesen, Erinnerungen an die Spanische Grippe, jene globale Influenza, die in den Jahren 1918 bis 1920 ebenfalls weltweit wütete - und mehr Menschen das Leben kostete als der Erste Weltkrieg. Damals wurde auch Salzburg, das mit der Grundsteinlegung des später über die Landesgrenzen bekannten Festivals beschäftigt war, nicht verschont.

Schreck und Schock, damals wie heute. Die Festspiele 2020 standen aufgrund der Covid-19-Pandemie auf der Kippe. Intendant Markus Hinterhäuser darf sich glücklich schätzen, dass statt der glanzvollen Jubiläumsausgabe zumindest eine modifizierte Variante über die Bühne gehen wird; statt einen Sommer lang mit Pomp und Glorie zu zelebrieren, muss sich Salzburg von 1. bis 31. August mit einem Schmalspurfestival begnügen - überschattet von Sicherheitskonzepten und Ansteckungsgefahr sowie der bangen Frage, ob sich die Massen wie gewohnt ein Stelldichein geben werden.

Anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens erscheinen die Salzburger Festspiele auf eine Weise verwundbar, die man bei einer derart traditionsreichen Institution kaum vermutet hätte. Widersprüche und Legenden bestimmen das sommerliche Tun in Salzburg seit jeher. Bereits der Gründungsmythos wackelt. Die Salzburger Festspiele als paneuropäisches Friedensprojekt, das mit Kunst in einer durch Krieg und Elend zerrütteten Gesellschaft Zeichen setzte? Das Festival als eine Art europäisches Kulturgedächtnis, das mit wiederbelebtem Mysterienspiel, antiken und modernen Stoffen den ruinösen Nationalismus am Ende überwinde? Klingt gut, entspricht aber nur bedingt der Wahrheit.

Think Big

Tatsächlich steckt hinter der Gründung und dem Aufbau des Festivals seit je ein Ringen um Macht, Geld und Einfluss. Allzu viele Akteure (und kaum Akteurinnen) mit divergierenden Interessen waren dabei am Werk.

Die Ausrichtung pendelte zwischen Weltoffenheit und Nationalismus, Aufklärung und Konservativismus, Kunst und Kirche, Modernität und Rückwärtsgewandtheit. Ambivalenzen und inhaltliche Zerrissenheit begleiten die Festspiele durch das Auf und Ab ihrer langen Geschichte; bis heute bewegen sie sich zwischen den spannungsgeladenen Polen Avantgarde und Mainstream.

Die ersten Überlegungen zur Gründung eines überregional bedeutsamen Festivals datieren in die Mitte des 19. Jahrhunderts: Das Mozarteum strebte ein reines Musiktheaterereignis an, das exklusiv Mozart, dem berühmtesten Sohn der Stadt, huldigen sollte; befeuert wurden die Ideen durch die 1876 gegründeten Bayreuther Festspiele. Vergleichbar dem Bayreuther Festspielhaus am grünen Hügel, wurde eine Bühne auf dem Mönchsberg angedacht, die 1500 Zuschauern Platz bieten sollte. Motto, bereits damals: Think Big! Dabei war Salzburg seinerzeit eine verarmte Kleinstadt, die im Habsburgerreich eine untergeordnete Rolle spielte.

Der wirtschaftliche Aspekt eines Festspiels von internationalem Gewicht rückte bereits früh in den Fokus. Die Festspiele wurden von Beginn an auch als Motor gesehen, um sich selbst und der Stadt zu Wohlstand zu verhelfen. Mission erfüllt! Heute sind sie ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Region; die Einrichtung selbst finanziert sich zu einem Großteil über Karteneinnahmen und Sponsoren. In diesem Punkt zumindest sind sich die Festspiele über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben: Die Karten kosten viel.

Die künstlerischen Gründungsväter traten während des Ersten Weltkriegs auf den Plan, verfolgten eher handfeste Eigen- denn paneuropäische Interessen. Regisseur Max Reinhardt beabsichtigte, sein Theaterimperium in Berlin und Wien um einen weiteren lukrativen Spielort zu erweitern; wäre es nach ihm gegangen, stünde Salzburg heute als Schauspielfestival da. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal wiederum wollte aus Arthur Schnitzlers überlangem Schatten treten, für den Komponisten Richard Strauss, den Dirigent Franz Schalk und den Bühnenbildner Alfred Roller war Salzburg willkommene Gelegenheit, ihre Arbeiten außerhalb Wiens zu präsentieren und die aufgebauten Kunstnetzwerke zu erweitern. Einen Intendanten im heutigen Sinn gab es in den Gründungsjahren nicht. Jene künstlerische Galionsfigur, welche die Festspiele prägt und polarisiert, tritt überhaupt erst in den Nachkriegsjahren auf: Herbert von Karajan und Gerard Mortier wären hier zu nennen. Max Reinhardt war der Kunsthohepriester, nicht Salzburgs Showman.

Jedermann, der Lückenbüßer

Untrennbar mit den Salzburger Festspielen ist ein ganz bestimmtes Stück verbunden. "Jedermann", tönt es allsommerlich über den Salzburger Domplatz. Auch im 100. Jahr ist das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" der Publikumsmagnet, die Cashcow.

Geplant war alles ganz anders. "Jedermann" war ursprünglich eine Notlösung. In Max Reinhardts Worten: ein "provisorischer Lückenbüßer". Der Regisseur wollte mit dem Auftragswerk "Das Salzburger große Welttheater" die Saison eröffnen, doch Autor Hofmannsthal war nicht fertig geworden und Reinhardt setzte kurzerhand eine alte Inszenierung auf den Spielplan. Hofmannsthals Aufarbeitung des "Jedermann"-Mysterienspiels wurde bereits 1911 in Berlin uraufgeführt; damals wurde das Stück, das sich auf zahlreichen Gastspielen bewährte, von der Kritik verrissen und vom Publikum geliebt. Daran hat sich in über 100 Jahren kaum etwas geändert.

Der Aufführungsort am Domplatz war ebenfalls eine Verlegenheitslösung. Ursprünglich sollte in der Felsenreitschule gespielt werden; für die Tribüne war in den Nachkriegsjahren jedoch nicht genügend Bauholz aufzutreiben. Reinhardt wandte sich an den Salzburger Erzbischof Ignatius Rieder und bat ihn, ausnahmsweise vor dem Dom spielen zu dürfen. Der Gnadenakt wurde zum Dauerzustand.

Hofmannsthals "Das Salzburger große Welttheater", eine Bearbeitung von Calderon de Barcas Mysterienspiel, wurde übrigens 1922 uraufgeführt. An den Erfolg des "Jedermanns" konnte das Stück nicht anknüpfen und verschwand bald von den Spielplänen.

Salzburg anno 2020: ein Jubiläumsspielplan als Notlösung. Eine Feier im Schatten von Krise und Krankheit. Ein Geburtstag, der gerade deshalb an die klammen Umstände der Festivalgründung zu erinnern scheint.