Die Salzburger Festspiele wurden am Samstag in der Felsenreitschule mit der Premiere von Richard Strauss' "Elektra" eröffnet. Eine Feststellung, die normalerweise für wenig Aufregung sorgt. Aber es ist 2020 und es ist Corona-Krise. Dass die Festspiele in diesem Jubiläumssommer überhaupt stattfinden können, ist das Ergebnis einer langen Kette aus bangen und hoffnungsfrohen Momenten, aus Phasen des Planens und Umdisponierens. Denn während andere Festivals bereits im Frühjahr absagten, kämpfte Salzburg um Bedingungen, um Festspiele unter Corona-Bedingungen überhaupt abhalten zu können.

Das Ergebnis: Trotz strenger Maskenpflicht vor und nach der Vorstellung, dem Fehlen von Pausen, halb leeren, im Schachbrettmuster besetzten Zuschauerräumen und Ausweiskontrollen der namentlich ausgestellten Karten: Oper bleibt auch in Pandemie-Zeiten Oper und Streaming kann an ein Live-Erlebnis nie herankommen. Das sind gute Nachrichten, auch für den Herbst.

Ungleiche Schwestern: Elektra (Ausrine Stundyte) und Chrysothemis (Asmik Grigorian) - © Bernd Uhlig
Ungleiche Schwestern: Elektra (Ausrine Stundyte) und Chrysothemis (Asmik Grigorian) - © Bernd Uhlig

Die Kraft der Musik ist stärker

Auf der Bühne hat Corona dann sowieso keinen Platz. Das Drama und die Kraft der Musik sind stärker. Das liegt an diesem Samstag einerseits an den Wiener Philharmonikern, die sich nach Monaten der auferlegten Reduktion mit Hingabe in die musikalischen Wogen eines ihrer Leib-Komponisten werfen. Und es liegt an Dirigent Franz Welser-Möst, der es versteht, diese Wogen nicht überborden zu lassen, sie fein zu balancieren und strahlen zu lassen. Wenn dieser Abend Sogwirkung entfaltet, dann im Orchestergraben.

Doch Welser-Möst lässt dabei auch den Sängern Raum. Es sind drei Frauen, die diesen Abend tragen. Ausrine Stundyte in der Titelpartie, die sich als unglaublich wandlungsfähig erweist. Der Bogen, den sie spannt vom Mädchen, das den tot geglaubten Bruder Orest mit lyrischer Zärtlichkeit empfängt bis hin zur besessenen Tragödin, die den Mord am Vater an der eigenen Mutter zu rächen sucht, dieser Bogen ist beeindruckend. Szenisch schafft sie es jedoch nicht, das lodernde Zentrum des Dramas in ihrer Rolle zu bündeln. Tanja Ariane Baumgartner ist als Elektras Mutter Klytämnestra beinahe Idealbesetzung – vom vollen Timbre ihres Mezzos bis hin zur darstellerischen Präsenz.

Als dritte schließlich strahlt Asmik Grigorian als Elektras ungleiche Schwester Chrysothemis. Grigorians Mitwirken (sie sang hier vor zwei Jahren eine atemberaubende "Salome") macht bei der Premiere in der Felsenreitschule auch schmerzlich bewusst, was der schwache Punkt dieses Abends ist: Die einander verstärkende Wirkung von musikalischer und szenischer Umsetzung, sie kann sich in dieser "Elektra" nicht entfalten. Da hilft auch der Auftritt von Derek Welton kaum, der sich als Orest als Stimme gewordenes Erlösungsversprechung erweist.

Eine Regie der Andeutungen

Regisseur Krzysztof Warlikowski hat mit Ausstatterin Malgorzata Szczesniak einen kühlen Baderaum in die Felsenreitschule gestellt. Ein immer wieder verdunkelter Glaskubus dient als Innenraum, in dem das Drama sich vollzieht. Warlikowskis Regiemittel bestehen aus mitunter rätselhaften Andeutungen und Erinnerungsfetzen. Greifbar wird seine Tragödin trotz ästhetischer und symbolhafter Bilder kaum. Einzig im Finale, als die Last des Glücks Elektra bezwingt und sich auch sonst das Gleißen der Verwesung breit macht, findet die Regie starke Bilder.

Es gibt, so zeigt dieser Abend, ein Kulturleben in Corona-Zeiten. Der endgültige Beweis für das gefahrlose Abhalten von Kultur-Großveranstaltungen in Pandemie-Zeiten ist diese erste Salzburger Premiere freilich nicht. Denn ob es ein Festspiel-Cluster gegeben haben wird, das wird sich erst in einigen Wochen zeigen. Eines ist den Salzburger Festspiele jedoch unbestreitbar gelungen: Sie haben ein starkes Lebenszeichen der viel gerühmten Kulturnation gesetzt.