Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" erwuchs 1920 in Salzburg aus bitterster materieller und moralischer Nachkriegsnot. 100 Jahre danach fürchten die Spektakelmacher und ihre Zuschauer die Seuche.

Die Premiere am Domplatz am Samstagabend wurde der Pestpolizei abgetrotzt, bei größtmöglicher, freilich auch beklemmender Risikominimierung. Sogar der Vollmond war bestellt für die erste Nacht vor der barocken Schauwand des Doms. Grand Merci den Festspiellenkern, samt Unterstützern im Gast- und Beherbergungsgewerbe, für den offiziellen Neubeginn des repräsentativen Kunstbetriebs! Medial wurde er bisweilen zur Wiedergeburt Österreichs als Kulturnation hochstilisiert.

Das halbe Publikum hatte sich durch die Einlassschleusen gedrängt, die Wolken wurden schwarz, da kam das Kommando "In den Saal!". Dort ist die Domfassade mit Neonlinien markiert. In 30, 40 Metern Abstand von der Super-Cinemascope-Bühne des Großen Festspielhauses verliert die Mimik alle Feinheit seelentiefen und erotischen Zaubers. Als "Spiel vor Privilegierten" kam Salzburg einst in Verruf. Heuer indes wurden zeitgleich die Massen vom ORF mit dem Backupvideo von der Generalprobe akustisch und optisch besser bedient als die Premierengäste.

Im Patschenkino fehlt das Gemeinschaftserlebnis – das Konstituens des Theaters, ebenso wie der Demokratie, schon im antiken Griechenland. Nach der Premiere 1920 jubelte Hofmannsthal über "die tausendfach gebrochene, in tausend wirklichen einfachen Menschen sich brechende, directeste, stoffsimpelste und zugleich religiöseste Wirkung auf eine ganze Bevölkerung." Die Festspiele selbst drucken nun ins Programmheft, dass sich in Michael Sturmingers schon 2019 vorgestellter Inszenierung "die Frage nach dem Glauben zugunsten der Frage nach der Qualität und Tragfähigkeit menschlicher Beziehungen" relativiere. Denn Jedermann sei "in der Gegenwart angekommen".

Ja, als lebender Leichnam, hübsch stylisch aufgebahrt vor halbvollen Tribünen. Gegenwart heißt nicht Moderne. Der Dichter hat sie schon selbst verraten, als er sein erstes Manuskript liegenließ – einen "Jedermann" in Prosa 1903/06, nahe bei Maeterlinck, Strindberg, Wilde, mit einem alternden Mann und einem jungen Freund, der ihm nicht ins Grab folgen will, weil er ihm schon seine Jugend schenkte.

Der Wiener Sturminger machte sich im Musiktheater seinen Namen. So kam "Jedermann" zu einer Ouvertüre. Wolfgang Mitterer schwelgt angenehm in Blech und Streichwerk. Seine Musiken und das von Jaime Wolfson geleitete Orchester bewahren Ordnung und Tempo im explosiven Durcheinander. Das Heute baut sich, nicht sonderlich originell, in einer Stehparty beim neoliberalen Geldmenschen auf, als Vorspiel zur Tafelszene hin, einer Mischkulanz aus Knittelvers-Meistersängerrede und Silberner Operette, aufgeschaukelt zum Totentanz. Bei der Zeitendverkündigung an Jedermann bricht die Bühne zusammen.

Die Kraft und Herrlichkeit der Darsteller 2020 ist im ORF-Video wie unter einer Lupe dokumentiert. Dort sieht man die XIII auf der Stirn von Peter Lohmeyer, die Todeskarte im Tarot. Auf der Bühne schreitet er in Slow-Motion wie ein Saurier. Dem tobenden Jedermann Tobias Moretti können Auge und Kamera kaum folgen. Die schönste aller kleinen Szenen: Wenn ihn Edith Klever als Mutter zur Heirat kommandiert, stehen sie nebeneinander wie Bauer und Dame im Schach. Obwohl ein intellektueller Nervenmensch, hätte Moretti als Volksbuch-Jedermann mehr Boden unter den Füßen, er fremdelt im öden Neureichenmilieu mit seiner Treue zum Vers. Die Film-Großaufnahmen seines Gesichts zeigen ein mimisches Funkelspiel ohne einen Augenblick Ruhe. Im letzten Teil, der erzwungenen Bekehrung, verpuppt er sich zur Bewegungslosigkeit.

Sturminger verdonnert die in allem perfekte Caroline Peters zu einer Monroe-Parodie auf einer wohnzimmerschrankgroßen magentafarbenen Geburtstagstorte mit erigierten Kerzen. Ihr nähme man auch ohne akrobatische Probe ab, dass sie keinen "grünen Buben" will. Aus der in unauffällige Farben gekleideten Tafelgesellschaft sticht sie als Buhlschaft im roten Hosenanzug hervor.

Gregor Bloéb, Morettis Bruder, ist als Geldkofferträger Abziehbild aus einer Krimikomödie. Als Teufel aber dreht er auf und liefert sich mit dem Glauben (Falk Rockstroh im Franziskanerhabit) ein Kickboxduell. Mavie Hörbiger als "Werke" prügelt und demütigt sich für ihren Klienten. Warum, bleibt unklar im säkularen Diätkonzept der Regie. Genau markieren ihren sozialen Status Markus Kofler (Koch), Helmut Mooshammer (Armer Nachbar in Greisenmaske), Michael Masula und Pauline Knof (Schuldknechtpaar) und die slapstickfesten Vettern Gustav Peter Wöhler und Tino Hildebrand. Christoph Franken als Mammon: ein Bär im Goldzottelpelz. Der einzige Glanz an diesem verpatzten Abend.