Man mag es nicht glauben, aber: Die Corona-Krise lässt offenbar auch die Superreichen eine Spur bescheidener schalten und walten. Das legt jedenfalls ein Inserat im Salzburger Programmheft nahe, das sichtlich um die Begüterten buhlt. Unter dem Foto eines Feriendomizils im Abendrot prangen die Worte: "Meine Villa. Mein Butler. Meine Malediven in Oberösterreich."

Kleinere Brötchen werden heuer auch bei den Festspielen gebacken: Statt der geplanten Opernfülle zum 100. Geburtstag sieht der Pandemie-Jahrgang nur zwei Vertreter des Genres. Die "Elektra" war bereits langfristig geplant, das zweite Bühnenstück ist erst im Frühjahr auf den Weg gebracht geworden. Christof Loy, eigentlich für die Regie von "Boris Godunow" vorgesehen, wurde stattdessen mit Mozarts "Così fan tutte" betraut - das klein besetzte Werk ist schließlich eher Corona-Regel-kompatibel. Und was daran nicht passte, wurde zurechtgestutzt. Sonst ein Sakrileg, heuer Pflicht: Um eine Pause zu unterbinden (und das notorische Sekt-Gewusel), wurde der Genius loci auf 150 Minuten eingedampft.

Wie es im Buche steht

Hört man den Verlust? Kaum. Die Amputation betrifft weder Knackpunkte wie die "Felsenarie" noch Filetstücke wie die "Aura amorosa". Der Rotstift straft vor allem die Rezitative und somit den Textautor Lorenzo Da Ponte.

Anders betrachtet, ist er aber der Gewinner. Die Schnellschuss-Regie muss notgedrungen davon absehen, die Oper in ein ausgeklügeltes Inszenierungskonzept einzuspannen. So findet eine "Così" statt, fast wie sie im Buche steht. Herausgefordert von einem alten Sonderling namens Don Alfonso lernen zwei Jungspunde, dass auch ihre Bräute verführbar sind. Wobei man zu dieser Geschichte schon anmerken muss: Es ist abstrus, wie Mozart diese unbequeme Wahrheit vorführt. Ferrando und Guglielmo erobern die Braut des jeweils anderen in der Verkleidung schnurrbärtiger Albaner. Und damit fliegen sie nicht auf? Loy versucht erst gar nicht, dieses Problem zu lösen, weniger noch: In seiner Regie stellen sich die beiden den Frauen ganz ohne Tarnung als "Ausländer" vor.

Panoptikum der Gesten: Lea Desandre, Elsa Dreisig und Andrè Schuen (von links nach rechts). - © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus
Panoptikum der Gesten: Lea Desandre, Elsa Dreisig und Andrè Schuen (von links nach rechts). - © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Aber dieser Abend geizt auch anderweitig mit Ausstattung: Johannes Leiacker nimmt der Bühne des Großen Festspielhauses die Tiefe, indem er wenige Meter hinter der Rampe eine Wand drapiert. Diese ist eigentlich nur weiß und besitzt zwei Doppelflügeltüren, was dann den Auf- und Abgängen einen gewissen Pep verleiht. Abgesehen von zeitlosen Kostümen und einer Platane, die im Alleingang den Garten der Treuebrecher darstellt, war’s das mit dem Dekor.

Ansonsten setzt der Abend auf Loys Domäne: die Personenführung. Sie geht ihm auch hier leicht von der Hand: Mozarts Beziehungscluster vermittelt sich in einem Panoptikum der heißen Blicke und kalten Schultern, der eingefrorenen Gesten, stürmischen Annäherungen und einer kleinen Prise Klamauk. Alles in allem kein Kandidat für einen Opernpreis, aber ein beschwingter Sieg der Routine über die Covid-Umstände.

Schwung und Ebenmaß

Das gilt auch für die musikalische Seite: Joana Mallwitz, eigentlich für die "Zauberflöte" gebucht, arbeitet sich mit sicherer Hand durch die "Così". Als erste Frau am Salzburger Premieren-Dirigentenpult bürgt sie für zügige, doch nicht überzogene Tempi, einen (fast) unverbrüchlichen Zusammenhalt zwischen Graben und Bühne und klangliche Rundung - wobei sich Akzente und Klangfarben etwas mehr mitteilen könnten.

Sinnlichkeit entsteigt dafür der Kehle von Elsa Dreisig. Nicht jeder ihrer Töne trifft prägnant das Ziel; sobald diese Fiordiligi aber in hoher Lage Legatobögen spannt, leuchtet ihre Sopran blütenrein aus dem Ensemble hervor. Marianne Crebassa (Dorabella) begeistert vor allem, wenn ihr kerniger Klang im Dienst der Koketterie steht; Bogdan Volkov (Ferrando) und Andrè Schuen (Guglielmo) bringen Virilität und Schallkraft ein, jedoch schwankenden Schönklang. Und der Rest? Johannes Martin Kränzle gibt den Don Alfonso als leutseligen Sir, die präzise Lea Desandre die Zofe Despina überraschend damenhaft. Nach Monaten des Opernentzugs war am Ende freilich keinem nach Beckmessern zumute: Beifall und Hurra-Getrampel für das ganze Team.