• vom 12.06.2001, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:12 Uhr

Volkstheater: Uraufführung von Franzobels "Mayerling"

Tu felix Austria - nuckle . . .




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Von Manfred A. Schmid

Vom Habsburger-Mythos zehren noch heutige Generationen. Gerade erst liegt in Nationalrat eine Anfrage vor, ob mit der Anrede "Kaiserliche Hoheit" für Nachfahren des letzten Kaisers durch eine Repräsentantin der Republik alles rechtens sei. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser Stoff, aus dem unsere Albträume sind, weiterhin nicht nur Unterhaltungsproduzenten, sondern immer wieder auch zeitgenössische Künstler beschäftigt.


Der geradezu beängstigend produktive Autor Franzobel hat, nach seiner Auseinandersetzung mit dem Phettberg-Syndrom in seinem im Vorjahr ebenfalls am Volkstheater uraufgeführten Monolog "Hermes", nun einige der zentralen Pfeiler des Habsburger-Mythos in einem grellbunten Reigen auf die Bühne gestellt - Franz Joseph, Sisi und die Schratt, Rudolf, Stephanie, Mizzi Caspar und Mary Vetsera, die Gräfin Larisch sowie die beiden Gesellen Loschek und Bratfisch. Ein Totentanz neurotischer Gestalten, die allesamt so sehr mit ihren eigenen Problemen, Defekten und Sehnsüchten beschäftigt sind, dass sie den Weltenlauf nur aus der Perspektive der Nabelschau zur Kenntnis nehmen. Und der Totentanz endet auch nicht in Mayerling, sondern hebt nach dieser Fermate erst so richtig an. Und so tanzen sie alle, die Scheinlebendigen und die Halbtoten, am Schluss einen müden Gesellschaftstanz am Hofe von Wien. Der missmutig-ergebene Kammerdiener Loschek (Heinz Petters) sitzt da, schaut unbewegt zu und schweigt, wie er die nächsten 40 Jahre halten wird, und Rudolfs Leibfiaker Bratfisch (Fritz Hammel) gibt seinen Landsleuten die allerneueste Begebenheit in Form eines zwischen Moritat und Couplet angesiedelten Wienerliedes kund ("Drah, drah, drah ma uns ham . . .").

Was auf der Bühne in der geschickten Inszenierung von Thirza Bruncken, die viele Schwächen der Textvorlage überspielt, geboten wird, ist allererste Schauspielkunst. Die einzelnen Figuren, denen die Klischees der Überlieferung - der pflichtbewusste, öde Kaiser, die ruhelose, weltflüchtige Sisi, der träumerische Revolutionär Rudolf - anhaften, bekommen in der Darstellung durch Toni Böhm, Barbara Nüsse und Jörg Pose, bei aller irrwitzigen Komik, auch abgrundtiefe, tragische Züge, eine unstillbare Liebesbedürftigkeit scheint sie anzutreiben. Und auch Meriam Abbas (Mary Vetsera), Vera Borek (Schratt), Anna Franziska Srna (Mizzi Caspar) und Johanna Orsini-Rosenberg (Stephanie) gelingt es, vergessen zu machen, dass die Zeichnung ihrer Figuren im Stück eher nur klamaukhaft-kabarettistisch angelegt ist und die Sprache immer wieder ins Kalauerhafte abgleitet. Nur selten schwingt sich der Autor zu jenen artistischen Sprachkaskaden auf, für die er - seit seinem preisgekrönten Auftritt beim Bachmann-Wettbewerb - berühmt geworden ist. Immerhin ein Kabinettstück ist in Erinnerung geblieben: Die grandiose Verschränkung zweier Welten und die Verschmelzung zweier Identitäten - Heinrich Heine und Kronprinz Rudolf - in den traumatischen Erinnerungen der Kaiserin Sisi.

Und nostalgische Erinnerungsarbeit ist schließlich auch dieses Stück mit dem Untertitel "Die österreichische Tragödie". Und daher ist auch das Bühnenbild (Jens Kilian) eine überdimensionale Holzschatulle, die je nach Bedarf aufgeklappt wird, und jeder kramt in seinem Fundus an Erinnerungen. Und so nuckelt man weiter - bis zur Bewusstlosigkeit - am Mythos der Habsburger. Und das ist auch der Vorwurf, den man Franzobel machen muss: Auch er nuckelt nur zahnlos und ohne rechten Biss.

Das Publikum dankte mit überschwänglichem Applaus den Schauspielern und der Regisseurin für ihre Leistungen, der Autor wurde, nicht ganz zu Unrecht, mit Buhrufen bedacht. Das Volkstheater und seiner Prinzipalin aber ist wieder einmal der imponierende Nachweis gelungen, die erste Uraufführungsbühne des Landes zu sein.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2001-06-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:12:00

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