Sommerferien, das bedeutet normalerweise auch geschlossene Kabarettbühnen. Weil jedoch nach dem Corona-Lockdown heuer jeder Schließtag besonders wehtut, ist bei den großen Wiener Kleinkunstbühnen heuer alles etwas anders. Das Orpheum ist zwar bis 21. August in der Sommerpause, und in der Kulisse beginnt die neue Saison erst am 26. August mit Omar Sarsam. Doch Simpl- und Globe-Chef Michael Niavarani hat kurzerhand im Belvedere-Park eine neue Outdoor-Sommerbühne hochgezogen, die heuer im Juli und August intensiv bespielt wird. Und Peter Hofbauer nutzt die Pawlatschen im Metropol (Hernalser Hauptstraße 55), wo ab diesem Donnerstag unter den Kastanien Künstler von Flo & Wisch bis Christoph Fälbl an der frischen Luft vor 100 (statt üblicherweise 200) Zusehern auftreten.

Gegen das Virus stemmt sich auch Andreas Fuderer, der seinen Stadtsaal (Mariahilfer Straße 81) mit 25. Juli wieder in Betrieb genommen hat. "Erst vor sechs Wochen war klar, dass wir überhaupt spielen dürfen", sagt er. "Es ist für uns sehr positiv, weil es uns die Chance gibt, ein paar Verluste abzufangen." Von einer vollen Auslastung konnte freilich zunächst keine Rede sein. Wegen der Abstandsregeln waren im Stadtsaal statt der 422 möglichen Besucher nur bis zu 250 erlaubt.

Gerade in Zeiten wie diesen hätte kaum jemand damit gerechnet, dass jemand so bald das Vindobona reaktiviert. - © apa/Thomas Rieder
Gerade in Zeiten wie diesen hätte kaum jemand damit gerechnet, dass jemand so bald das Vindobona reaktiviert. - © apa/Thomas Rieder

Seit Anfang August ist das aber anders. Da muss nämlich nicht mehr zwischen den einzelnen Besuchergruppen - also allen, die jeweils gemeinsam Karten gekauft haben und daher laut Verordnung ohne Abstand zusammensitzen dürfen - ein Platz freigelassen werden, wenn es eine bauliche Trennung gibt. Deshalb werden im Stadtsaal nun vor jeder Vorstellung Plexiglaswände zwischen den Stühlen angebracht, "sodass wir den Saal wieder voll belegen dürfen".

Überraschende Reaktivierung

Wolfgang Ebner hat das Vindobona übernommen. Er will es zum "Off-Broadway Wiens" machen. - © Thomas Meyer / www.tm-photography.at
Wolfgang Ebner hat das Vindobona übernommen. Er will es zum "Off-Broadway Wiens" machen. - © Thomas Meyer / www.tm-photography.at

Ende August beziehungsweise im September wollen dann sukzessive die anderen Indoor-Kabarettbühnen folgen. So auch - und das ist in Zeiten wie diesen für viele eine Überraschung - das Vindobona im 20. Bezirk. Im Haus am Wallensteinplatz 5 wurde schon 1919 im Hof ein Kino mit 459 Sitzplätzen eingebaut, das bis 1976 in Betrieb war. Von 1978 bis 1988 bespielte dann die Gruppe Popodrom/Serapionstheater das Vindobona, ehe es zur Kleinkunstbühne wurde, die 2006 nach einem nicht unbedingt glücklichen Umbau geschlossen wurde. 2009 übernahm Ex-Simpl-Chef Albert Schmidleitner das Haus, hörte aber im Vorjahr auf.

Nun steht ein neuer Hausherr am Start: Der ausgebildete Gastronom und Manager Wolfgang Ebner, der einst selbst Schauspiel, Gesang und Tanz studiert hat, öffnet zunächst Ende August die Gastronomie im Erdgeschoß und im 1. Stock und im Oktober dann auch die Bühne im Keller wieder. Er setzt auf eine Mischung aus Varieté (Musik, Artistik, Burlesque, Travestie und Comedy) und Kulinarik für knapp unter 200 Gäste - ein Konzept, das schon Schmidleitner verfolgte.

Ebner will auch neue Publikumsschichten ansprechen: "Natürlich werden auch Kabarettisten zu sehen sein, aber der Markt der reinen Kabarettbühnen in Wien ist gesättigt." Langfristig soll es eine Musicalbühne für den Off-Bereich werden - "also der Off-Broadway Wiens". Und er plant auch eine regelmäßige Veranstaltung zur Förderung junger Talente. Warum er sich gerade jetzt traut? "Ich habe eine Leidenschaft, die will ich einfach umsetzen." Die Bühne im Keller wird vergrößert und die Technik verbessert, Küche und Gastronomiebereich wurden komplett saniert, "da lag manches im Argen".

Freilich wird auch Ebner ein Corona-Sicherheitskonzept brauchen. Hier kommt ihm entgegen, dass es keine Fixtheaterbestuhlung, sondern Tische gibt, "da sind wir flexibel". Im Stadtsaal bewähre sich das Plexiglas, berichtet Fuderer. "Es stört auch weder optisch noch akustisch." Und er weist auf die großen Reihenabstände hin. Die bisherigen Erfahrungen sind jedenfalls positiv. "Das Publikum ist sehr gut drauf, die Leute, die da sind, haben eine Riesenfreude. Es ist nur bisher insgesamt noch kein allzu großer Ansturm", berichtet Fuderer, dessen Stadtsaal kommende Saison sein zehnjähriges Bestehen feiert. Das Publikum halte sich bisher an die von Gunkl (Premiere am 16. September im Stadtsaal) eingesprochenen Sicherheitsdurchsagen. "Sobald sie auf dem Platz sitzen, dürfen die Leute ohnehin die Maske abnehmen."

Kaum Refundierungen

Das Publikum zeigt in diesen Zeiten große Treue. Die meisten verkauften Karten wurden auf spätere Ersatztermine umgebucht oder in Gutscheine umgetauscht. Ausfälle gab es laut Metropol-Chef Hofbauer fast nur bei den Reservierungen. Bereits bezahlte Tickets mussten kaum refundiert werden. "Es freut uns, dass die Leute jetzt wieder kommen wollen", sagt Hofbauer, "aber diese Plätze können wir halt auch kein zweites Mal verkaufen. Und es macht schon einen Unterschied, ob wir dann im Saal 480 oder 260 Leute unterbringen." Indoor muss er nämlich auf Abstände setzen. Mit Blick auf die vielen ausgefallenen ausverkauften Shows des Musicals "Rock My Soul" tut ihm das besonders weh. Sorgen macht ihm die langfristige Planung: "Ein Ende des Schreckens ist ja noch nicht abzusehen." Und Hofbauer findet harsche Worte: "Diejenigen, die glauben, man sperrt einfach wieder auf und spielt irgendwas, die sind unser Problem."

Während des Lockdowns haben sich verschiedene Interessensgemeinschaften gebildet: überregional die IG Kabarett und in der Hauptstadt die Vereinigten Kabarettbühnen Wien, bestehend aus neun Häusern. Der lose Zusammenschluss ohne Struktur will Aufmerksamkeit generieren, um dringend benötigte Ausfallhaftungen zu bekommen. Niavarani hat in diesem Zusammenhang "Hilfen bis zur schwarzen Null" gefordert, "den Rest müssen wir dann selbst schaffen".

"Die Verluste sind enorm"

Fuderer stimmt dem zu: Es gehe nicht um dauerhafte Standortförderungen, sondern um akute Krisenhilfe. "Wir reden hier von gesunden Betrieben, die bis zum Shutdown profitabel wirtschaften konnten." Ob womöglich eine Bühne zusperren muss, werden wohl erst die folgenden Saisonen zeigen. An volle Häuser glaubt er noch nicht so bald. "Und die Plätze, die jetzt besetzt sind, sind ja alles Tickets, die wir bereits fürs Frühjahr verkauft hatten, wo nun die Vorstellungen nachgeholt werden." Neue Einnahmen wird es noch länger nicht geben. "Die Verluste sind enorm. Wenn ein Drittel der Saison ausfällt, aber die Kosten weiterlaufen, tut das schon weh." Bis jetzt hat er jedenfalls noch keine Hilfsgelder erhalten.

Trotz aller Schwierigkeiten ist Fuderer froh, dass er sein Haus nun wieder voll belegen kann, wenngleich mit Maskenpflicht abseits der Sitzplätze. "Spannend wird es natürlich im Foyer, beim Buffet, im Herbst dann bei der Garderobe, wo wir ein Gedränge vermeiden müssen. Aber wir tun alles, um die Sicherheit aller zu gewährleisten, auch mit regelmäßigen PCR-Tests für die Mitarbeiter." Der Stadtsaal hat im Lockdown auch eine neue Lüftungsanlage bekommen, mit Unterstützung der Stadt Wien. "Wenn sich die Besucher sicher und wohlfühlen, werden sie auch wieder kommen", ist Fuderer überzeugt. Deshalb wird auch das relativ kleine Niedermair ab 1. September nicht so bald voll belegt, "damit sich da niemand beengt fühlt".

Ihm war trotz allem wichtig, auch indoor wieder Kabarett zu machen. "Wegen der Vorbildwirkung für andere, um zu zeigen: Es geht weiter." Und man strecke sich zwar jetzt nach der Decke, "aber in naher Zukunft sollen ja indoor wieder bis zu 5000 Leute erlaubt sein - davon sind wir mit unseren 400 weit entfernt."