Zweimal mussten die Sommerspiele Perchtoldsdorf heuer zittern. Einmal aus altbekanntem Grund: Corona machte aus der bunten Sommerfestivalwiese eine dürre Steppe. Aber das Glück, das Perchtoldsdorf die Saison retten sollte - es wird nur Freiluft gespielt -, wurde für die Premiere fast zum Verhängnis. Doch der Regen hatte Erbarmen und ließ Shakespeares Romeo und Julia am Premierenabend ihrem tragischen Tod entgegenspielen.

Ein rohes Gerüst steht vor der Burg, die auch "mitbenutzt" wird. Eine Fahne mit selbstgemaltem Herz ist gehisst - aber nur im ersten Teil, in dem die Liebe noch trügerische Hoffnung hat. Veronika Glatzner hat die Regie von Intendant Michael Sturminger übernommen. Sie arbeitet mit einer Übersetzung von Angelika Messner, die Shakespeares Versen gerade genug Zeitgemäßes einhaucht. Mit italienischem Parodie-Akzent und Slapstick-Gefechten wähnt man sich zu Beginn in einer Klamaukisierung, aber glücklicherweise ist das nur eine Falle der Regie, die der Tragödie zwar vor allem in der Figurenzeichnung (und Kostümausstattung) Humor spritzt, aber der Tragik ohne Schwere viel Raum gibt. Das symbolisiert auch das Bühnenbild, das mit Gerüst und großen, weißen Vorhangbahnen Last und Leichtigkeit verbindet. Als Balkon taugt das Gerüst zum Schmachten und Baumeln, mit Neonlampen wird es eine rave-taugliche Partylocation. Die Vorhänge verleihen Szenen Dramatik und Romantik gleichermaßen.

Kopfschiff und Strass-Tonsur

Das Ensemble ist durchwegs prächtig. Lena Kalisch ist eine schwärmerische und veritabel pubertäre Julia, Valentin Postlmayr ein getrieben durch die Leidenschaft irrender Romeo. Marie Christine Friedrich sticht als Amme mit Riesenkopfschiff hervor, aber auch als Fürstin, die ganz modern das Geschlecht gewechselt hat und die sie aufziehpuppenhaft und sunnyi-melles-säuselnd anlegt. Raphael Nicholas ist als Bote Raffaello einprägsamer denn als Tybalt, zu köstlich ist seine Darstellung der memorierten Festgäste, die er laut Chef Capulet einladen soll. Karl Walter Sprungala ist Bruder Lorenzo im weißen schlichten Damenkleid mit 20er-Jahre-Strasshäubchen und trägt sowohl das als auch seine Rolle als Auslöser des Liebespaar-Exitus mit Würde. Aus dem Off kommt die Musik von Michael Pogo Kreiner (auch Montague) und Daniel Helmer - elektronische Akkorde, die bei der Montague-Party an den Film "Drive" erinnern, wabernde Synthie-Traurigkeit bei Gifteinnahme.

Die Pest sorgt übrigens am Ende dafür, dass es fatal ausgeht. Einer anderen "Seuche" wegen haben die Veranstalter die Sitzplätze im Schachbrettmuster angelegt. Sieht man Perchtoldsdorf als Testballon, kann es für Kulturinstitutionen nur bedeuten, dass die nicht belegten Sitze in Zukunft entfernt werden müssen. Bei der Premiere zumindest hielt sich ein Großteil der Gäste - sei es aus Ignoranz oder Nachlässigkeit - nicht an den vorgeschriebenen Sitzplan.