Jedem Konzert dieser Tage unterliegt eine ganz eigene Erleichterung: Man spürt Dankbarkeit. Endlich wieder Kultur als soziales Erlebnis. Das war auch in Baden der Fall, wo im palmenwedelnden Kurpark bei Vorzeigewetter die Premiere von Franz Lehárs "Die blaue Mazur" über die Bretter der wunderhübschen Cabrio-Sommerarena ging. Ein Doppeljubiläum: der 150. Geburtstag des Komponisten und der 100. des Stückes. Dass man "Die blaue Mazur" selten bis nie hört, macht die Erfahrung interessanter, das Werk allerdings nicht besser. Es tröpfelt unterhaltsam-belanglos vor sich hin; es vergnügt im Moment, aber ohne jegliche Nachhaltigkeit.

Martha Hirschmann begeistert mit Charme und Leichtigkeit. - © Christian Husar
Martha Hirschmann begeistert mit Charme und Leichtigkeit. - © Christian Husar

Es geht um Untreue und libertären Lebenswandel, Reue und Versöhnung. Blanka heiratet den Schwerenöter David Graf Szpilmanski. Desillusioniert sucht sie Unterschlupf auf dem Schloss des Familienfreundes Freiherr von Reiger (Thomas Zisterer) und dessen Altmännerrunde, nur um in die Hände eines doppellebigen Hallodris - ein Freund Szpilmanskis und Neffe Reigers - zu finden, der da moralbefreit lustwandelt. Dann doch lieber zurück zum geläuterten Gatten und schnell noch eine Mazurka im blauen Sonnenaufgangslicht getanzt, um sich währende Liebe und Treue zu versprechen.

Untreue und Versöhnung: Ricardo Frenzel Baudisch und Sieglinde Feldhofer in der selten aufgeführten Operette. - © Christian Husar
Untreue und Versöhnung: Ricardo Frenzel Baudisch und Sieglinde Feldhofer in der selten aufgeführten Operette. - © Christian Husar

Kichernde Klischees

Covid-gerecht ging es zu: Vor 200 anstatt 600 Zuschauern, ohne Pause, mit koordiniertem Zuschauerabmarsch. Auch auf der Bühne: Ohne Ballet, ohne Chor und mit reduziertem Personal, was der dramaturgischen Allzweckwaffe Oliver Baier gleich zu fünf Rollen verhalf, von dem neu eingebauten, im raffiniert gekürzten Werk Brücken schlagenden Conférencier bis hin zur russischen Botschaftergemahlin. Das nimmt dem Stück die meisten Längen. Geld spart’s auch.

Nicht ganz so zielsicher wie die Schnitte waren Klamauk und Flachwitze, womit die gesprochenen Szenen aufgefüllt wurden; Freiherr Reiger und seine Freunde, dargestellt als mit allen Klischees belastete Tunten, schwulierten zu allgemeinem Gekicher auf Teufel-komm-raus. Die Versetzung des Ganzen ins österreichisch-jüdische Vorkriegsmilieu war ein gut gemeinter Tribut an jüdischen Witz und Wiener jüdische Kultur; dass man das nur mit angezogener Handbremse lustig finden kann, ist Teil der österreichischen Geschichte.

Am beglückendsten waren die sängerischen Leistungen. Die große Stimme von Sieglinde Feldhofer als Blanka: konzentriert, aber nicht manieriert. Oder Ricardo Frenzel Baudisch, der als besagter Hallodri in die klassische Rolle des Bühnendodels schlüpfte und sich als geborener Operettensänger präsentierte. Ebenso Clemens Kerschbaumer mit Löwenmähne, der sich ein wenig farblos von Vibrato zu Vibrato hangelte, aber immer höchst goutierbar als David klang. Schließlich Martha Hirschmann als Balletthupferl mit veteranengleicher Leichtigkeit und Präsenz, als wäre sie direkt aus einer Schnitzler-Partie getreten. Das Orchester, mit Plexiglas-umsäumten Bläsern auf den vordersten Logen, spielte unter Franz Josef Breznik rustikal-brav, ohne allerdings das meiste aus der spritzig-lockeren Musik herauszuholen.

Beglückend-unterhaltsam war es. Wie Hermann Hesse sein Gedicht "Mit der Eintrittskarte zur Zauberflöte" beendet: "Denn alles Leben dürstet nach Beseelung."