Sein Asperger-Syndrom mag im Alltagsleben mitunter hinderlich sein. In den vergangenen Monaten allerdings war es für den Kabarettisten Günther Paal alias Gunkl  keine Last. So stellt der "Experte für eh alles" (Zitat Alfred Dorfer) am Telefon fest: "Social Distancing ist für mich Sozialleben, wie ich es gerne habe." Und Gunkl wirkt dabei wirklich recht entspannt. Nur den traditionellen Deutschland-Urlaub hat ihm Corona vermiest: "Wenn ich bei jeder Tankstelle, wo ich mir einen Kaffee kaufe, meine Kontaktdaten hinterlegen muss, ist das in Ordnung, aber nicht die Art, wie ich meinen Urlaub verbringen will." Gunkl betont aber: "Ich verstehe die Einschränkungen allesamt und mache sie ohne Murren mit." Wirklich verleidet hat ihm seinen geplanten Hamburg-Trip dann auch gar nicht so sehr das Virus, sondern, dass es das gewohnte Raucherzimmer im Hotel nicht mehr gab.

Luxussorgen? Vielleicht. Aber mit entsprechenden Rücklagen aus gut 25 erfolgreichen Jahren als Kabarettist lässt sich ein Lockdown nun einmal besser verkraften, als es bei nicht wenigen anderen selbständigen Künstlern der Fall ist. Wobei sich der 58-Jährige in Bescheidenheit übt und feststellt: "Wenn eine kleine Bühne ausverkauft ist, und man spielt dort achtmal im Monat, dann wird sich ein Leben ausgehen."

Gunkl bleibt lieber analog - und übt sich in Demut vor den Kabarettfans. - © WZ/Moritz Ziegler
Gunkl bleibt lieber analog - und übt sich in Demut vor den Kabarettfans. - © WZ/Moritz Ziegler

Überleben mit fremden Jobs

Ausgegangen ist es sich bis jetzt auch für Guggi Hofbauer. Irgendwie halt. "Ich wurschtel mich so durch", erzählt die 34-Jährige. Einer Kolumne im Magazin "Die ganze Woche" verdankt sie ein kleines Fixum, "ansonsten wäre ich völlig auf Härtefallfonds und Co. angewiesen". Dass eine Existenz durch den Lockdown komplett ruiniert worden wäre, ist ihr bisher nicht zu Ohren gekommen, "aber viele wollen es auch nicht an die große Glocke hängen, wenn es ihnen nicht so gut geht und die finanzielle Lage suboptimal ist".

Es gibt aber durchaus Künstlerkollegen, die sich nun mit branchenfremden Tätigkeiten finanziell über Wasser halten. "Viele hatten davor ja auch schon andere Jobs nebenbei. Was ich persönlich intensiver wahrnehme, ist, dass manche überlegen, ob und wie sie nach der Corona-Akutphase mit dem Kabarett weitermachen können und wollen. Wir gehen ja auch von einem schwierigen Herbst aus mit weiteren Verschiebungen. Da wird sich die finanzielle Frage dann nochmals stellen. Und auch die Frage, welche Locations und Veranstalter bis dahin überleben."

Vor allem für junge Künstler, die gerade erst durchgestartet und dafür womöglich einen sicheren Job aufgegeben hatten, um künftig vom Kabarett zu leben, war der plötzliche Lockdown dann verheerend. Vielen Investitionen in den Aufbau der neuen Karriere standen keine Einnahmen gegenüber. "Wenn man zum Beispiel ein Album aufgenommen hat und das jetzt auf einer Tour vermarkten wollte, ist das ein Wahnsinn", sagt der Musiker und Kabarettist Paul Pizzera. "Es ist ja nicht so, dass man ein Album produziert und dann einfach verkauft und das Geld gleich wieder reinkriegt. Das kostet ja erst einmal sauviel Geld, auch die Werbung dafür", fügt sein Spezi Otto Jaus  hinzu.

Streaming um 5 Euro

Die beiden Durchstarter des Jahres 2015 wollten selbst nicht bloß daheim sitzen und jammern, sondern sich aktiv gegen die Krise stemmen. Sie waren sofort wieder im Tonstudio, sobald dies mit Maske und Abstand wieder erlaubt war. Das Ergebnis ist nicht nur in Form neuer Lieder im Radio zu hören, sondern seit einer Woche auch online zu sehen: Als "Comedian Rhapsody" streamen sie ein 33-minütiges Homevideo (https://player.pizzerajaus.com). "Wir haben drei bis vier Stunden im Studio aufgezeichnet und das Beste daraus genommen", erläutert Jaus. "Jedes Hoppala ist wirklich so passiert. Nur wenn wir zu viel geschimpft haben, wurde das weggelassen. Weil ein Teil unserer Fans ja noch nicht einmal den Mopedführerschein hat."

100 bis 150 Streams pro Tag haben sie sie bisher verkauft, für je 5 Euro. Weitere Aufnahmen sind geplant. Der Preis stört die Fans nicht, im Gegenteil ist das Feedback sehr positiv. "Man muss auch sagen, dass man in Zeiten wie diesen nicht ständig alles gratis auf Facebook stellen kann. Diesen Luxus kann man sich nicht leisten, wenn man nicht weiß, wann man das nächste Mal einen Auftritt und damit Einnahmen haben wird", betont Jaus. Einige ausverkaufte Konzerte vom Frühjahr werden erst 2021 stattfinden.

Außerdem sind Jaus und Pizzera der Meinung, "dass Kunst nicht nichts wert sein darf - es ist geistige und körperliche Arbeit, die uns zwar unsagbar viel Freude bereitet, aber es ist eben immer noch Arbeit". Von den Einnahmen bezahlen sie vor allem Tontechniker und Kameramann. "Das ist ja auch Arbeit, die bezahlt gehört." Wie viel bleibt ihnen selbst am Ende von den 5 Euro übrig? "Bis jetzt gar nichts, aber wir machen es ja auch, um in Übung zu bleiben", meint Jaus, dem wie seinem Spezi Pizzera "die momentane Auftrittssituation gehörig auf unsere Astralärsche geht". Denn momentan würden sie nichts lieber tun, als bei großen Open Airs oder in ausverkauften Konzerthallen "für und mit unseren Fans waagerecht zu schwitzen - uns fehlen der Nervenkitzel, das Adrenalin, der Zuspruch, den ihr uns Show für Show in unsere Gesichter schreit, singt, klatscht und lächelt, wirklich sehr, und es wird uns immer mehr bewusst, dass es dafür leider keinen gleichwertigen Ersatz gibt", heißt es in der Presseaussendung zur "Comedian Rhapsody". Aber: "Uns ist eure Gesundheit natürlich ungleich wichtiger als unsere Corona-bedingten Bühnenentzugserscheinungen."

Keine Alternative zur Bühne

Viele Kabarettisten haben sich im Lockdown verstärkt den Sozialen Medien zugewandt. Selbst die 77-jährige Chris Lohner hat erst ihr neues Buch "Ich bin ein Kind der Stadt" im Internet vorgestellt und danach noch weitere Online-Videos produziert. Für Gunkl, dessen Homepage denkbar puristisch aussieht, wären solche Online-Sidesteps nichts: "Mein Beruf ist es, auf der Bühne zu stehen und Programme zu spielen. Und wenn das gerade nicht geht, mache ich nicht etwas anderes, das so ausschaut, als ob. Ich kann auch eine Weile ohne Aufmerksamkeit ganz gut leben. Und wenn nach einem halben Jahr niemand mehr wüsste, dass es mich gibt, hätte ich die vergangenen zwanzig Jahre eh was falsch gemacht."

Ihm hat auch nicht wirklich etwas gefehlt: "Ich bin kein pathologisches Zirkuspferd, das unbedingt auftreten muss. Es ist eine Arbeit, die ich wirklich gern mache, aber ich beziehe meinen Selbstwert nicht aus dem Applaus, den ich bekomme, sondern aus dem, was ich mache - und machen kann ich alleine auch was." Außerdem hatte er durch den Lockdown mehr Zeit, am neuen Programm "So und anders" zu schreiben, "was ich auch getan hätte, wenn ich gespielt hätte, weil die Premiere am 16. September seit zwei Jahren feststeht."

"Geschäft ist das alles keines mehr"

Erich Schindlecker, Mitbetreiber des Wiener Orpheums, des Danubium Tulln und der Donaubühne sowie Chef der Künstleragentur E&A (Gunkl, Thomas Stipsits, Kurt Ostbahn, Die Echten und viele andere) kennt die Sorgen und Nöte der Branche aus allen Perspektiven. Er meint zur Online-Vermarktung: "Im Lockdown hat jeder, wirklich jeder Künstler ins Netz gestellt, was nur ging. Aber ich glaube, das Publikums hat große Sehnsucht nach dem Live-Erlebnis. Das zeigt das Theater im Park, wo die Leute sogar im Regen sitzen. Der Slogan ‚Live spürst du mehr‘ stimmt schon." Die Gefahr, dass kostenlose Online-Videos Bühnenauftritte kannibalisieren könnten, "gibt es immer", meint er. "Aber wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, sich ein Live-Programm halbwegs sicher anzuschauen, wird sie jetzt genutzt."

Harsche Worte findet dazu Alf Poier: "Warum, so frage ich mich, bekomme ich für ein albernes Foto, welches ich auf Facebook & Co teile, mehr Zuspruch und Likes, als für einen aufwändig produzierten Song, für den ich samt Video und Vorproduktion einige 1000er auf den Tisch legen muss? Wenn das so weitergeht, werde ich in Zukunft nur noch private Schnappschüsse und Katzenportraits posten. Für diese bekomme ich nämlich mehr Zuspruch, und kann mir zusätzlich noch einige ersparte Dollars unter meine kaputtgerittene Maisfellmatratze stopfen", schreibt der Anarcho-Kabarettist in seinem aktuellen Newsletter zum neuen Song "Amoi im Lebn #1". In jüngster Zeit habe er immer öfter den Eindruck, "dass die Essenz des Künstlerseins – nämlich das Schaffen an sich – immer weiter in den Hintergrund rückt, während das belanglose Drumherum immer wichtiger zu werden scheint".

Seine Fans bittet er "untertänigst, sich 'Amoi im Lebn #1' zumindest auf YouTube anzuhören, zu streamen oder was weiß der Kuckuck von wo sonst noch gratis downzukopieren". Denn: "Geschäft ist das alles ohnehin keines mehr. So gesehen wäre mein Geld im Reißwolf wahrscheinlich noch besser angelegt als in der eigenen Musik – aber was soll ich machen – ich bin nun eben mal Künstler, und kein Vorstandmitglied der Bank Burgenland!"

"Niemand fällt ums Geld um"

Was die Hilfen betrifft, so stimmt er der Wiener Kulturstadträtin zu, "dass hier ein Fleckerlteppich entstanden ist. Ich sehe das große Problem auch darin, dass man permanent nur irgendwelche anteiligen Fixkosten ersetzen möchte, aber wenn es so gut wie keine Einnahmen gibt . . . Aber es sind alle mit allen in Gesprächen. Und es tun auch alle etwas", meint er mit Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen in den Bühnenhäusern. Er appelliert ans Publikum, diese mitzutragen.

Mario Reiner, Chef der auch in Deutschland tätigen Veranstaltungsagentur Allegria, schildert die Schwierigkeiten bei der Herbstplanung: "Vorstellungen, die im März ausverkauft waren, müssen jetzt aufgeteilt werden, um die Abstände einhalten zu können. Neben den finanziellen Einbußen für die Theater ist das vor allem auch eine logistische Herausforderung." Ein wirtschaftlicher Spielbetrieb sei da kaum möglich. "Mich wundert nur, dass im Gastronomie- und Flugbetrieb die Menschen auf engstem Raum oft stundenlang nebeneinander sitzen, im Theater, wo noch dazu im Publikum niemand spricht, dies aber nicht erlaubt ist."

Trotz allem werden seine Wiener Kunden wie Metropol, Freie Bühne Wieden, Schönbrunner Dinnertheater oder Vindobona bald wieder öffnen. Große internationale Produktionen vom Musical "We Will Rock You" bis zum Cirque du Soleil haben ihre Gastspiele freilich gleich auf 2021 oder 2022 verschoben. Reiner hofft sehr, "dass es im Frühjahr 2021 wieder aufwärts geht und auch größere Veranstaltungen wieder stattfinden können". Und vor allem, dass die Sommerfestspiele 2021 "normal" über die Bühne gehen werden.

Die größte Unwägbarkeit ist laut Schindlecker: "Wie stark verunsichert ist das Publikum? Wie viele kommen jetzt wirklich?" Er fürchtet, dass auch das nächste Jahr noch kein "normales" wird. "Unmittelbar nach dem Lockdown hat man sich noch gedacht: Da müssen wir halt durch bis zum Sommer - mittlerweile ist jedem klar, dass es noch viel länger dauern wird." Gespannt ist er auf die Ampelregelung: "Was ist, wenn die Ampel in Wien-Neubau auf Rot steht, aber in der Donaustadt auf Grün - dürfen wir dann im 22. Bezirk spielen, aber im 7. Bezirk nicht?"

Wann wieder frisches Geld hereinkommt und nicht bloß verschobene Veranstaltungen vom Frühjahr nachgeholt werden, traut er sich nicht seriös zu prognostizieren. Denn auch Nachholtermine werden laufend wieder abgesagt. "Der Schaden ist immens. Neue Karten werden die Leute wieder kaufen, wenn sie ein Sicherheitsgefühl vor Ort haben und nicht Absagen wegen neuer Verordnungen fürchten müssen." Reiner und Schindlecker appellieren deshalb ans Publikum, den Künstlern und Bühne gerade jetzt treu zu bleiben. "Wer sich jetzt Karten kauft, wird selbst bei einer Absage sicher nicht ums Geld umfallen", betont der E&A-Chef.

Kabarettpreis als Signal

Auch wenn die halbe Saison heuer ausgefallen ist, wird im Herbst der Österreichische Kabarettpreis vergeben. "Die Premierensaison war ja de facto im März schon vorbei", erklärt Kabarettagentin Julia Sobieszek, die den Preis verantwortet. "Das wird nächstes Jahr vielleicht schwieriger, wenn die kommenden Premieren verschoben werden." Sie findet aber die Signalwirkung für die Szene wichtig.

Seiner Premiere am 16. September blickt Gunkl trotz allem mit guten Gefühlen entgegen. "Es kann passieren, dass sich nicht alle, die Karten haben, hintrauen. Aber ich kann ja auch nicht die, die kommen, für die strafen, die daheim bleiben." Und er fügt fast demütig hinzu: "Ich spiele mein Programm und gehe nach jeder Vorstellung mit mehr Geld heim, als ich vorher hatte. Und wenn es nicht vierhundert Leute sind, sondern hundert - wer hat das, dass ihm so viele Leute Geld dafür zahlen, dass er sagt, was er denkt? So ein Leben führen zu können, ist großartig. Zumal mein Beruf nicht darin besteht, dass ich Kohlen schaufeln muss." Das Thema Corona kommt im neuen Programm übrigens nicht vor: "Es ist ohnehin schon alles dazu gesagt worden. Da braucht es nicht auch noch meinen Kommentar."