Natürlich würde es eine einfache Lösung geben. Sie klingt allerdings recht verwegen. Wie kann Kulturleben stattfinden, ohne das Seuchenrisiko zu befeuern? Eine Empfehlung aus den Berliner Charité-Instituten sorgte am Montag für Aufsehen: Sie plädiert für ein Ende der halbleeren Säle und die Rückkehr zum Verkauf sämtlicher Tickets. Voraussetzung wäre allerdings, dass alle Besucher durchgehend Masken trügen; dadurch würden 95 Prozent der Viruslast absorbiert. Der Vorschlag war der Leitung der Charité-Klinik allerdings zu kühn: Sie distanzierte sich von dem Papier und will dieses lediglich als einen Beitrag zur Diskussion verstanden wissen.

Christian Kircher, Geschäftsführer der Österreichischen Bundestheater-Holding, hält ein solches Szenario ebenfalls bis auf weiteres für unrealistisch. Die Häuser unter seiner Verantwortung - Staatsoper, Volksoper und das Burgtheater - starten im September in die neue Saison, und sie werden der Corona-Pandemie ebenso mit Einschränkungen Tribut zollen wie die Klassik-Anbieter Musikverein und Konzerthaus. In der Folge ein Überblick, was es besucherseitig zu beachten gilt. Die Spielregeln gleichen sich in Grundzügen, weichen im Detail aber voneinander ab.

Staatsoper: Sitzen am Stehplatz

Für die Staatsoper, aber auch alle anderen genannten Institutionen gilt: Ein Mund-Nasen-Schutz ist auf dem Weg zum Sitzplatz Pflicht, ebenso bei dessen Verlassen; er darf während der Vorstellung aber abgenommen werden. Zudem werden nur noch personalisierte Karten verkauft. Die Staatsoper - an der Neo-Direktor Bogdan Roščić am 7. September mit "Madama Butterfly" in die Saison startet - bittet ihr Publikum darum, früher am Abend als gewohnt zu erscheinen, da der Einlass mehr Zeit benötigen könnte; die Türen werden bereits eine Stunde vor Beginn geöffnet. Der Grund: Stichprobenartige Kontrollen, ob die Tickets auch wirklich in den Händen der deklarierten Besitzer sind. Bedeutet also: Lichtbildausweis nicht vergessen! Die Pausen sollen an der Staatsoper wie gewohnt stattfinden, die Buffets geöffnet sein - wobei das Publikum auf die verschiedenen Verköstigungsräume aufgeteilt wird. Das Saisonprogramm bleibt unverändert, der Chor tritt auf. Zwecks Aerosol-Begrenzung werden die Musikfreunde aber gebeten, auf "Bravo"-Rufe zu verzichten; auch die Autogrammjagd vor dem berüchtigten Bühnentürl ist untersagt.

Dafür beschert die Pandemie dem Stehplatz ein Novum: Um auch hier Sicherheitsabstände zu garantieren, sind Sitzplätze montiert worden und somit 183 neue Sessel in den Bereichen Parterre, Balkon und Galerie zu vergeben (ohne Aufschlag zum Stehplatz-Preis). Wobei, apropos Abstände zwischen den Sitzen. Für alle Bundestheater gilt: Ein Käufer darf für eine Gruppe von bis zu vier Personen Karten erwerben, diese Menschen müssen nicht aus einem Haushalt stammen. Zwei Personen dürfen nebeneinander sitzen, links und rechts muss je ein Platz frei bleiben.

Auch die Volksoper will ihren Spielplan ohne Veränderungen umsetzen und sich am 1. September mit der "Fledermaus" in die Saison katapultieren. Das maskierte Publikum soll seinen Platz über ein Wegeleitsystem erreichen; Pausen finden weiterhin statt, der Stehplatzbereich wird gesperrt sein. In welcher Form das geplante Volksopern-Fest am 6. September realisiert wird, ist noch Gegenstand von Erwägungen.

Pausenlose Oper an der Wien

Das Theater an der Wien nimmt seine Opernarbeit am 16. September mit einer Rarität von Ruggero Leoncavallo auf. Die Aufführungen werden, wie bei den Salzburger Festspielen, ohne Pause ablaufen - vertretbar bei der zweistündigen "Zazà". Unklar ist aber, ob auch weitere Bühnenstücke ohne Unterbrechung abgewickelt werden. Das städtische Opernhaus installiert ebenfalls ein Wegeleitsystem, um "Publikumsströme zu entzerren", der Stehplatz bleibt leer. Wie viele Personen als Gruppe nebeneinander sitzen dürfen, war bisher nicht zu erfahren; Paaren sei es jedenfalls gestattet.

Der Musikverein nimmt seinen Saisonbetrieb erst am 26. September im Goldenen Saal wieder auf und ließ eine Recherche-Anfrage der "Wiener Zeitung" vorerst unbeantwortet. Auch hier gelten die gleichen Grundregeln wie in den anderen Klassik-Tempeln; wie Intendant Stephan Pauly in seiner ersten Saison im Detail mit der Pandemie umgeht, bleibt abzuwarten.

Mehr Klarheit im Konzerthaus: Wie schon im Juni sollen auch in der nächsten Saison einzelne Programme wiederholt werden, um deren Reichweite zu steigern; auch hier ist es Gruppen erlaubt, direkt nebeneinander zu sitzen, im Höchstfall bis zu sechs Personen. Wie die gesamte Szene leidet das Konzerthaus derzeit unter massiven Umsatz-Einbußen: Intendant Matthias Naske hat bereits im Juli in einem Appell gewarnt, dass dem Haus "die Luft ausgeht"; eine Antwort der Subventionsgeber steht noch aus.

Die Bundestheater dürfen dagegen als abgesichert gelten. Der Staat schießt bis Jahresende fünf Millionen Euro zu und stellt außerdem eine Ausfallsgarantie von bis zu 6,5 Millionen Euro in Aussicht.