Da war's: "naturgemäß". Nicht in einem Text von Thomas Bernhard, sondern in einem Feuilleton von Alfred Polgar. Da schau! Wer hat's erfunden? - Der Polgar. Wer hat's in den gehobenen Sprachgebrauch eingeführt? - Der Thomas Bernhard.

Wieso man bei einem Alfred-Polgar-Abend auf Thomas Bernhard kommt? Weil Maria Happel...

Moment, der Reihe nach.

Jetzt hat es im zweiten Anlauf also doch geklappt mit dem Lese-Musik-Abend in Michael Niavaranis durch Riesenabstände coronarisikotiefstgesenktem Theater im Park im Belvedere-Garten. Den ersten Anlauf hat ein Gewitter zunichte gemacht, da blieb Niavarani nur übrig, das Publikum mit dem Versprechen auf einen Ersatztermin augenzwinkernd nach Hause zu schicken: "Schleicht's Eich!" Ein paar Minuten später war man trotz Schirm nass bis auf die Haut geworden und hatte den Blitzen beim Einschlagen zuschauen können.

Gestern die ausgleichende Wettergerechtigkeit: Ein warmer Abend, dem etwas später ein lindes Lüftchen etwas Kante verlieh. Und unverdrossen zirpte die Grille und ließ sich nicht stören von den Stücken, die Cellist Matthias Bartholomey und Pianist Helmut Deutsch zwischen den Lesungen spielten.

Worte und Töne

Apropos - um doch kritisch etwas zu bemeckern: Viele kurze Stücke waren das, Transkriptionen von Liedern Franz Schuberts, Robert Schumanns und Johannes Brahms'. Dagegen kein Einwand, war ja auch glänzend musiziert. Bloß: Alles gleich romantisch elegisch, immer gleiches Tempo, immer gleicher Ausdruck, immer zwei immer etwa gleich lange Nummern nach einer Lesung - das wirkte zu mechanisch. Ein kleiner Rhythmuswechsel hätte Wunder gewirkt.

Aber die Happel - einfach hinreißend! Welche Schauspielerin heute hat ein vergleichbares Timing? Musikfeuilletons Polgars hat sie ausgewählt: Die Beethoven-Maske, den Liederabend, das Orchester von oben, das Mädchen, das der Oper vom Gang aus lauscht, etliches mehr. Wunderbar, wie sie Polgars spezifischen Tonfall trifft, dieses Schweben zwischen Poesie und ironischer Distanz. Klingt die Sprachmusik Polgars nicht sogar - da haben wir's jetzt - nach Thomas Bernhard? Oder ist das die Happel, die den Feuilletonisten Polgar sanft in diese Sphäre der ganz großen Literatur quasi hineinliest?

Zum Abschluss Albert Einsteins Brief über die Liebe. Wie die Happel das  liest, so schlicht, so unsentimental und doch dermaßen herzenswarm, berührt so tief, dass man noch lange über die Worte nachsinnt. Internetdurchwühler haben übrigens naserümpfend herausgefunden, dass der Text wahrscheinlich nicht vom Physiker selbst stammt.

Egal eigentlich, denn der Text ist einfach schön. Und gab dem Abend den  besonderen Schluss-Akkord. Wunderbar war's, wie die Happel das gemacht hat.

Naturgemäß.