Die Pandemie hat die Welt im Würgegriff, Theaterbühnen wurden weltweit geschlossen, Festivals reihenweise abgesagt. Auch die Wiener Festwochen konnten nicht wie gewohnt stattfinden. Doch nun bringt Intendant Christophe Slagmuylder von 26. August bis 26. September zehn internationale Gastspiele nach Wien. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem 53-Jährigen über die Zukunft internationaler Kunstfestivals.

"Wiener Zeitung": Warum finden die Festwochen dieses Jahr überhaupt noch statt, noch dazu zu Saisonbeginn, wo die Wiener Bühnen nach monatelanger Zwangspause wieder ihre Pforten öffnen?

Christophe Slagmuylder: Wir sind es den Künstlern und dem Publikum schuldig. Die eingeladenen Aufführungen sind kein Zufalls- oder Notfallprodukt, sondern wurden sorgfältig ausgewählt. Auch wenn ich internationale Projekte etwa aus Japan schmerzlich vermisse, bin ich unglaublich stolz auf das, was wir zeigen werden. Projekte wie Anne Teresa De Keersmaekers "Die Goldberg Variationen, BMV 988" fügen sich passgenau in die gegenwärtige Situation. Unabhängig von Corona hat sie sich entschlossen, ein Solo zu entwickeln. Es war Zufall, aber so konnte sie während des Lockdowns ungehindert arbeiten, die Eindrücke der Corona-Zeit sind unmittelbar in ihre Arbeit eingeflossen und werden nun erstmals in Wien gezeigt.

Christophe Slagmuylder. - © apa
Christophe Slagmuylder. - © apa

Welche Herausforderungen müssen Sie derzeit bewältigen, damit die Festwochen überhaupt in dieser Form stattfinden können?

In den vergangenen Wochen haben wir alles uns Mögliche unternommen, um die Festwochen so sicher wie möglich zu machen. Wir haben ein umfangreiches Präventionskonzept erarbeitet, dass wir punktgenau umsetzen, wir werden regelmäßig getestet, Besucherdaten werden aufgenommen, die Eingangssituation adaptiert, im Ein- und Ausgangsbereich ist Mund-Nasen-Schutz zu tragen, den man während der Vorstellung allerdings nicht mehr zwingend tragen muss. Alles ist extrem effizient organisiert, unsere größte Herausforderung wird nun darin liegen, die Festwochen so menschlich wie möglich zu gestalten.

Wie meinen Sie das?

Wozu geht man denn ins Theater? Weil man Austausch und Begegnung sucht! Mit Abstandsregeln und ohne Barbetrieb wird das nicht wie gewohnt ablaufen. Wir überlegen, wie wir Inseln der Begegnungen im Freien gestalten können, Einführungsvorträge in kleinen Gruppen, um trotz aller Widrigkeiten ein Ort des Dialogs zu bleiben.

Die Corona-Krise wird nicht so schnell verschwinden, gehört dem Miniaturfestival die Zukunft?

Nein, das glaube ich nicht, aber gewiss werden wir uns bis auf Weiteres mit Sicherheitsvorkehrungen und der Sorge um die Gesundheit auseinandersetzen müssen, insofern sind die diesjährigen Festwochen ein Testlauf für die kommenden. Wir können nicht davon ausgehen, dass im nächsten Frühjahr alles wieder im Normalmodus funktionieren wird. Wobei: Was heißt schon normal? Und wollen wir zur Normalität vor Ausbruch der Corona-Krise zurückkehren? Die Zeichen stehen auf Veränderung.

Haben auch internationale Festivals wie die Festwochen die viel zitierten Grenzen des Wachstums erreicht?

Das Dogma des Wachstums, eigentlich ein Begriff aus der Ökonomie, hat in gewisser Weise leider auch die Kultur im Griff. Der ganze Betrieb ist überhitzt. Die Institutionen müssen sich ändern, wir spüren die Notwendigkeit zur Veränderung schon länger, aber niemand weiß so recht, wie das vor sich gehen soll. Vielleicht wird dieser Prozess jetzt durch die Corona-Krise beschleunigt.

Welche Rolle vermag dabei ein Festival wie die Wiener Festwochen einzunehmen?

Ich habe kein Rezept, aber es muss verstärkt in Richtung Nachhaltigkeit gehen. Wir können nicht mehr bedenkenlos hin- und herfliegen, sondern lieber länger an einem Ort bleiben und dort mehr in die Tiefe gehen. Dieses neue Prinzip könnte auch für die Künstler gelten, dass sie sich etwa länger in Wien aufhalten, Verbindungen mit lokalen Künstlern eingehen, vielleicht Workshops und Seminare abhalten. Wir denken auch über neue Formate nach, andere Formen der Repräsentation, einen neuen Rhythmus für die Festwochen. Es muss nicht immer ein Premieren-Feuerwerk sein.

Die diesjährigen Festwochen hätten zum Großteil aus Erst- und Uraufführungen bestanden, was passiert mit all den Aufführungen?

Sehr viele der geplanten Projekte konnten wir ins Jahr 2021 verschieben, einige finden jetzt statt, tatsächlich absagen mussten wir nur etwa zehn Aufführungen, vorwiegend Gastspiele, aber wir werden uns für 2021 auch Neues einfallen lassen.

Viele Bühnen beklagten bereits enorme Verluste, wie sieht die finanzielle Lage der Festwochen aus?

Eine endgültige Auskunft lässt sich darüber natürlich erst nach Ende des Festivals treffen, aber ich bin insgesamt recht zuversichtlich.

Wie haben Sie die Zeit des Lockdowns erlebt?

Es war komplex. Ende Februar habe ich das Programm präsentiert, Anfang März kam der Lockdown, anfangs dachten wir noch, wir können spielen, dann haben wir einen Plan B entwickelt, schließlich die digitalen Gesten produziert und zuguterletzt ein Herbstfestival aus dem Boden gestampft. Wir waren ziemlich beschäftigt.

Wie wurden die Online-Miniaturen angenommen?

Manche Formate sind in diesem Kontext gut aufgehoben, andere weniger, aber ich war froh, dass überhaupt irgendetwas stattfand. Enorme Resonanz erzielte etwa die Eröffnungsrede von Kay Sara, die über die Brandrodungen im Amazonasgebiet sprach, ihre Rede wurde online vielfach geteilt und erreichte wesentlich mehr Menschen, als es im Theater möglich gewesen wäre.

Wie verläuft der Kartenverkauf?

Es könnte besser laufen, dafür gibt es mehrere Gründe: Die Festwochen finden normalerweise nicht in dieser Jahreszeit statt, unser Publikum muss umdenken, außerdem sind noch Ferien und vielleicht habe manche noch Bedenken wegen ihrer Gesundheit, aber ich bleibe optimistisch. Ich jedenfalls habe genug von Zoom und Video-Streaming. Schluss mit den Bildschirmen! Ich glaube unbeirrt an die Bedeutung der Bühne, an einen realen Ort der Begegnung, an dem einfach alles passieren kann.