Am Anfang ist der Tanz. In absoluter Stille betritt Anne Teresa De Keersmaeker die weitläufige, leer geräumte Bühne der Halle E im Museumsquartier. Ihre schlohweißen Haare, zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden, leuchten förmlich in der nachtschwarzen Bühne, in ein luftiges, schwarzes Kleid gehüllt, nehmen ihre Bewegungen langsam Fahrt auf - konzentriert und kraftvoll. Schließlich setzt die Musik ein, der junge Pianist Pavel Kolesnikov spielt barfuß Bachs "Goldberg Variationen" - Musik und Körper sind in einer Weise aufeinander abgestimmt, als hätte Bach allein für diesen Moment komponiert.

Keersmaekers Solo "Die Goldberg Variationen BMV 988" eröffnet die Wiener Festwochen, die wegen der coronabedingten Zwangspause erst jetzt und in äußerst reduzierter Form noch bis 26. September stattfinden. Die belgische Tänzerin, eine der Pionierinnen zeitgenössischen Tanzes, setzt mit diesem zweistündigen Solo erneut Maßstäbe im tänzerischen Umgang mit klassischen Werken.

Letztes Solo

"Die Goldberg Variationen" sind bereits ihre fünfte tänzerische Auseinandersetzung mit Bach, erst im Vorjahr gastierte sie mit den "Brandenburgischen Konzerten" und einem 16-köpfigen Ensemble bei den Wiener Festwochen. "Die Goldberg Variationen" sind, so hat sie es in Interviews betont, ihr letztes Solo, ohnehin ist es mehr als außergewöhnlich, dass eine Tänzerin im Alter von 60 Jahren sich überhaupt noch an so ein Unternehmen wagt. Die Entscheidung für ein Solo fiel bereits vor Ausbruch der Pandemie und Keersmaeker konnte, ganz allein im Studio, das Projekt fertigstellen.

Ihre Herangehensweise unterscheidet sich stark von ihren übrigen Arbeiten. Keersmaeker ist bekannt für ein formalistisches Setting mit Wiederholungen, ihre Choreografie folgt häufig einem klaren, fast mathematisch geordnetem Bewegungsvokabular, das die kontrapunktische Disziplin des Komponisten spiegelt. Anders bei den "Goldberg Variationen": Ihr Tanz wirkt, als würde sie zur Musik assoziieren, gar improvisieren, hier tanzt sich eine Meisterin der formalen Kunst frei von den Strukturen, mit denen sie sonst ihre Choreografien aufbaut. Variation und Überraschung sind nun ihre bevorzugten Stilmittel.



Es gibt Gesten mit Wiedererkennungswert, so taucht etwa das schnelle Drehen mit dem angehobenen, gestreckten Bein immer wieder auf, auch manche Sprünge und Liegepositionen, etwa das Hin-und-Her-Wälzen am Boden erinnern an vergangene Keersmaeker-Aufführungen, dann wiederum gibt es Zitate aus der Pop-Kultur, John Travoltas Pose aus "Saturday Night Fever", Bewegungsabläufe, die an Musical erinnern, einmal trippelt sie wie Charlie Chaplin, manchmal rutscht ihr eine perfekte Geste absichtsvoll ab, sie sackt in sich zusammen, um gleich wieder voller Vitalität auf und ab zu springen. Zu den stärksten Momenten gehört es, wenn diese große Tänzerin völlig still steht, mehrmals steht sie reglos mit dem Rücken zum Publikum - ein Augenblick der Isolation und des Innehaltens, diese Aufführung ist eben unter den Bedingungen von social distancing entstanden. Häufig sieht man auch, wie sie mit den Händen ein Viereck formt und es in Richtung Zuschauer streckt, eine enigmatische Geste, möglicherweise ein Symbol für all jene Bildschirme, all jene digitalen Vierecke, die uns gerade im vergangenen halben Jahr so fest im Griff hatten.

Keersmaekers Solo vermag Widersprüchliches zu vereinen: Komposition und Improvisation, Strenge und Ausbruch, Ernstes und Komödiantisches. Wie Keersmaeker sich Bachs berühmtes Klavierstück zu eigen macht, ist schlicht grandios.