Claus Peymann zählt zu den bedeutendsten Intendanten und Regisseuren. Von 1986 bis 1999 leitete Peymann, 83, das Wiener Burgtheater; anschließend bis 2017 das Berliner Ensemble. Seitdem ist er als freier Regisseur tätig. Ab 17. September ist nun die jüngste Wiener Bühnenarbeit des streitbaren Regisseurs zu sehen: Im Theater in der Josefstadt inszeniert er Kurzdramen eines seiner Lieblingsautoren – Thomas Bernhards "Der deutsche Mittagstisch". Die "Wiener Zeitung" traf Peymann im Malersaal des Theaters mit gebotenem Abstand und bei weit geöffneten Fenstern.

"Wiener Zeitung": "Dode tan nix", heißt es in einem der sieben Bernhard-Dramolette, die Sie in Wien inszenieren. Tut uns der Klassiker Bernhard inzwischen überhaupt nicht mehr weh?

Claus Peymann: Das ist das Schicksal großer Künstler! Zu Lebzeiten werden sie verkannt und nach dem Tod vereinnahmt. Bei Mozart geht das bis zur Mozartkugel – ich warte nur darauf, wann endlich die Bernhard-Suppe oder die Bernhard-Kugel auftaucht! Peter Handke entkommt dem immerhin durch seinen Eigensinn, außerdem lebt der Gott sei Dank ja auch noch.

"Der deutsche Mittagstisch" liefert eine brisante Gesellschaftsdiagnose: Sobald hier eine Figur den Mund aufmacht, gibt sie sich als Nazi zu erkennen. Die Stücke sind grundiert von Neofaschismus, Intoleranz und Fremdenhass.

Sie fügen sich damit leider passgenau in unsere Zeit, wo nicht nur in Österreich Rechtsextreme wieder an die Macht kommen. In Deutschland verändert sich die parlamentarische Landschaft durch die AfD extrem, die CSU ist bereits weit nach rechts gerückt. Jahrelang haben wir gemahnt: Obacht, die Nazis kommen wieder! Kein Mensch nahm uns ernst, inzwischen erkennt es jeder. Hoffentlich nicht zu spät?! Der Neofaschismus ist in Europa zur realen Bedrohung geworden – siehe Frankreich, Polen, Ungarn, die Balkanländer. Wohin wir auch schauen, überall blickt uns Neid, Boshaftigkeit – das banale "Böse", könnte man sagen – wovon Bernhards Dramolette berichten, entgegen.

In Bernhards Minidrama "Freispruch" feiert eine Bande von Alt-Nazis und Massenmördern ihre Absolution vor Gericht. 

"Freispruch" ist vielleicht das abgründigste, böseste der Dramolette. Es ist schrecklich und komisch zugleich, typisch Bernhard. Manche werden einen schönen Schrecken bekommen, wenn sie sehen, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler in der Josefstadt "loslegen" werden.

"Dass ich über mich selbst lachen kann, ist eine meiner Geheimwaffen." - © Christoph Liebentritt
"Dass ich über mich selbst lachen kann, ist eine meiner Geheimwaffen." - © Christoph Liebentritt

Von der "Heldenplatz"-Uraufführung 1988 existiert ein Video, in dem der damals 19-jährigen Heinz-Christian Strache in einer Loge steht und "Buh" schreit. Jahrzehnte später bringt er auf Ibiza die Regierung zu Fall – und kandiert wieder in Wien. Bernhard hätte wohl seine Freude, oder?

Das Land liefert permanent Steilvorlagen! Die Österreicher sorgen stets für neue Munition. Strache ertappten wir im Burgtheater auf frischer Tat: Er hat sich schon früh als jener kulturlose Rowdy enttarnt, der er immer blieb. Mich überrascht das überhaupt nicht. Ich glaube ohnehin, es bricht ein neues Mittelalter aus, mit einem mehr als befremdlichen Moralkodex.

Das müssen Sie erklären.

Auf sämtlichen Gebieten ist der Dogmatismus ausgebrochen. Wir verabschieden uns freiwillig von den Idealen der Aufklärung und kehren in ein Zeitalter dünkelhafter Grabenkämpfe zurück. Da gibt es die Propheten und Seher, Mystik, Verschwörungstheorien und Rattenfänger denen hinterhergelaufen wird. So gesehen ist es eine böse Pointe, dass mit Corona gewissermaßen die Pest ausbricht.

Wie sehr beunruhigt Sie die Pandemie?

Für einen 83-Jährigen ist der Tod immer nahe. Ich muss damit rechnen, dass "Der deutsche Mittagstisch" meine letzte Inszenierung sein könnte, oder meine vorletzte. Mit etwas Glück meine drittletzte, aber nicht mehr meine hundertletzte.

Vor mehr als 50 Jahren äußerte Thomas Bernhard: "Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt!"

Über den Tod habe ich mein ganzes Leben lang nicht nachgedacht! Nicht, weil ich mich für unsterblich hielte, vielleicht insgeheim, aber mein Beruf bringt eine gewisse Demut gegenüber existenzieller Fragen mit sich. Wir Theatermenschen leben mit dem Tod, indem wir ihn immer wieder durchspielen. Nirgends wird so viel gemordet wie auf der Bühne.

Beim Schlussapplaus stehen dann alle wieder auf!

Ja, wenn es nur im Leben auch so wäre! Das Theater hegt ein Nahverhältnis zu den Geheimnissen von Leben und Tod. Schauspieler verwandeln sich Abend für Abend in Mörder oder Helden und wir mit ihnen. Einen Moment lang sind wir so bösartig wie Richard III., so verliebt wie Julia, so gut wie Johanna von den Schlachthöfen. Auch wenn diese Verwandlungen nicht von Dauer sein mögen: Der Vorhang fällt – und wir sind wieder die, die wir waren, für mich liegt darin der eigentliche Reiz der "Droge" Theater. Solche Momente der Verzauberung entstehen nur durch die Wahrhaftigkeit eines Schauspielers – nicht zu verwechseln mit Authentizität, das ist die größte Lüge. Und für diese Wunder braucht es gute Texte, gute Akteure, keine Mikroports, keine Kübel voller Theaterblut, keine Mätzchen. Regisseure als Gesamtgenies rücken heute zu sehr in den Vordergrund.

Auch Ihnen warf man das in den 1960er- und 1970er-Jahren vor.

Völlig zu Unrecht! Ich war im Grunde immer ein Konservativer und orientierte mich ausschließlich am Text, am Dichter! Ein guter Dirigent käme auch nicht auf den Gedanken, Beethoven mit einer Autosirene zu aktualisieren. Vielmehr versuchte er, Beethoven so zu begreifen, dass er für uns sichtbar bleibt – vielleicht lauter, schneller, schriller oder langsamer, träger, stiller, es bliebe am Ende aber immer Beethoven. Was bleibt heute von Shakespeare, Schiller, Kleist und all den anderen? Die Regisseure nehmen sich wichtiger als die Dichter. Oft ist das wirkungsvoll im Moment aber was bleibt davon? Und was bleibt überhaupt für die Zukunft? Autoren werden zertrümmert, Theater geschlossen, Schauspielschüler von Film und Fernsehen kaputtgemacht.

Kehren wir zu Thomas Bernhard zurück, einer der Schlüsselgestalten Ihres künstlerischen Lebens. Empfinden Sie sich noch immer als "Bernhard-Witwe", wie Sie einmal anmerkten?

Das war eine einmalige Verbindung, wie es sie zwischen Dichter und Regisseur nicht oft gibt. Die Annäherung an Bernhard entwickelte sich über Jahre hinweg. Als ich ihn zu Beginn unserer Bekanntschaft in Ohlsdorf besuchte, wurde mir das miserabelste Zimmer zugewiesen: Ich arbeitete mich langsam vom Kellerstüberl in die Beletage vor. Unsere Freundschaft beruhte auf einer geistigen Verbundenheit, zugleich gab es eine Gefühl von Nähe. Wir sangen gern gemeinsam, am liebsten etwas von Mozart. Bernhard hatte einen ausgezeichneten Bariton und ich bin stimmlich auch nicht ganz ohne. (lacht)

Der Schriftsteller starb am 12. Februar 1989, knapp drei Monate nach der "Heldenplatz"-Uraufführung. Erinnern Sie sich an die letzte Zeit?

Er starb viel zu früh! Wir verbrachten rund um die Premiere viel Zeit miteinander, und dennoch bemerkte ich nicht, wie krank er damals bereits war. Wenn wir vom Imperial zum Burgtheater spazierten, riefen diese paar Meter bei ihm schwere Atemnot hervor. Die Zeichen waren vorhanden, aber ich erkannte sie nicht. Sein Tod war vorhersehbar, aber von mir nicht erwartet. Ich träume tatsächlich noch immer von ihm.

Verraten Sie uns einen Traum?

Ich begegne ihm in einem Kaffeehaus in Gmunden und frage ihn: "Mensch, Bernhard, leben Sie denn noch?" – "Ja, aber erzählen Sie es nicht weiter." Dann wache ich auf.

Selbst in Ihren Träumen sind Sie per Sie mit dem Autor.

Das Du hätte etwas von der Distanz aufgelöst. Da ist Thomas Bernhard übrigens kein Sonderfall, ich sieze auch viele Schauspieler, selbst mit engen, langjährigen Mitarbeitern wie Hermann Beil bin ich per Sie. Am Theater duzen sich inzwischen alle. Fürchterlich. Alle tun so, als wären sie ein Herz und eine Seele, in Wahrheit werden aber die Messer gewetzt. Mir liegt viel an Distanz, das hat mit meinem hanseatischen Ursprung zu tun. In Bremen sind die Leute etwas steif, das bin ich nun gerade nicht. Ich lache gern. Dass ich über mich selbst lachen kann, ist ja eine meiner Geheimwaffen. Ich gehöre zu den Regisseuren, die von Schauspielern nicht unbedingt geliebt werden. Dieses Glück ist mir nicht widerfahren. Ich wollte es auch nicht, ich verlangte nie nach mildernden Umstände aus Liebe.

Einspruch: In Wien werden Sie geradezu verehrt.

Wer hätte das gedacht? Da bin ich selbst manchmal platt: Ich wohne in der Nähe des Theaters, und der kurze Weg zur Arbeit führt fast täglich zu Umarmungen!

Und das in Zeiten von Corona!

Ja. Wenn ich daran denke, dass mir in meiner frühen Wiener Zeit ins Gesicht gespuckt wurde! Bernhard wurde übrigens auch mehrfach Opfer von "Spuckattentaten". Was für eine äußerst seltsame Metamorphose, nicht untypisch für Österreich. Die Österreicher können es nicht glauben, wie begabt sie sind. Die Schweiz, Schleswig-Holstein und Holland zusammen brachten nicht so viele Genies hervor wie ein Stadtteil von Wien. Wie besonders die Österreicher sind, habe ich erst jetzt begriffen. Hätte ich das während meiner Zeit als Burgtheater-Direktor bereits gewusst, wäre ich ein schrecklicher Direktor gewesen. Mein Glück war, dass ich damals von der österreichischen Seele keine Ahnung hatte. Gott sei Dank.