Spätestens, als im März auch die Bayreuther Festspiele absagten, schienen die Würfel gefallen: Die Salzburger Festspiele würden ihren 100. Geburtstag wohl eher nicht feiern. Die Corona-Krise, verantwortlich für ein Absagen-Domino rund um den Globus, drohte auch das Salzburger Programm in eine Verschubmasse für bessere Zeiten zu verwandeln.

Doch: "Wo der Wille erwacht, dort ist schon fast etwas erreicht", hat Festival-Mitbegründer Hugo von Hofmannsthal geschrieben, und die Mozartstadt bewies es tatkräftig und affichierte den Spruch im August wie zum Triumph. Mit der Rückendeckung der Politik, den Mitteln eines Großfestivals und einer Portion Courage wurde das Programm adaptiert - schmal anzusehen im Vergleich mit früheren Jahrgängen, doch opulent für die Zeit. Immerhin: ein Monat Betrieb mit fünf Bühnenpremieren und insgesamt 110 Veranstaltungen. Geht das?, fragte sich das deutsche Feuilleton und ließ es anfangs Kassandra-Rufe hageln.

Erfolg mit Opern

Tatsächlich scheinen die Festspiele am Sonntag friktionsfrei zu Ende gegangen zu sein. Das strikte Sicherheitskonzept dürfte sich bewährt haben, der hohe Poker aufgegangen sein. Während die New Yorker Met bis Silvester stillsteht und in Bayern nur 200 Personen in einen Saal dürfen, waren es im Schachbrettmuster des Großen Festspielhauses rund 1000 pro Abend. Angst schien kein Hemmschuh zu sein: Das Festival bilanziert mit einer Auslastung von 96 Prozent. Sehnsüchtig blickt das Ausland auf Österreich, froh äußerte sich Gesundheitsminister Rudolf Anschober: "Salzburg ist der Beweis dafür, dass auch während der weltweit schwersten Pandemie seit 100 Jahren große Kulturveranstaltungen erfolgreich umgesetzt werden können." Und Staatssekretärin Andrea Mayer attestiert dem Festival "eine Vorreiterrolle", wohl auch mit Blick auf den nahe Saisonstart in Wien mit ähnlichen Sicherheitsregeln.

Schön, dass die Festspiele dabei auch inhaltlich reüssierten, vor allem auf der Musikbühne. Dirigent Franz Welser-Möst begeisterte in der "Elektra" mit peniblem und packendem Zugriff und entschädigte für die polarisierende Regie Krzysztof Warlikowskis. Gewiss, die darauffolgende "Così fan tutte" hätte sich unter Normalbedingungen nicht ins Gedächtnis gebrannt: die Regie detailfreudig, aber nicht markant, Dirigentin Joana Mallwitz vielversprechend, doch noch nicht überragend. Angesichts dessen, dass die Produktion erst im Frühling aus dem Hut gezaubert worden war (und mit klugen Kürzungen eine Pause vermied), dennoch ein Atout. Auch die Konzerte rissen Publikum und Kritiker hin, nicht zuletzt dank den Wiener Philharmonikern.

Ambitionen muss man auch dem Schauspielprogramm zugestehen, wiewohl die Umsetzung leider unter den Erwartungen blieb. Der obligatorische "Jedermann" - Tobias Moretti verkörperte zum letzten Mal die Titelfigur - wurde von zwei Uraufführungen flankiert. Das allein hat schon Seltenheitswert bei den Festspielen. Den Auftakt machte Peter Handkes "Zdeněk Adamec", der Text stellt Mutmaßungen über die Beweggründe einer Selbstverbrennung an, changiert wortmächtig zwischen Weltanklage und Lebensfreude. Der erprobten Handke-Deuterin Friederike Heller gelang es indes nicht, das Drama überzeugend auf die Bühne zu bringen. Die Kritik sprach mehrheitlich von "gepflegter Langeweile".

Das zweite Schauspiel-Projekt hätte ein Coup werden können: Schauspiel-Chefin Bettina Hering beauftragte Theaterstürmer Milo Rau mit einer Neuauslegung des "Jedermann". In Gent, Raus Wirkungsstätte als Intendant, brachte er vor zwei Jahren mit einem Projekt über den Genter Altar die halbe Stadt gegen sich auf. Verglichen damit geriet "Everywoman" in Salzburg zur harmlosen Miniatur. Im Zentrum des Monologs steht die Begegnung der Schauspielerin Ursina Lardi mit einer schwer an Krebs erkrankten Frau namens Helga Bedau. Momente aus ihrem Leben werden auf der Bühne verhandelt, doch jäh kippt die Lebensgeschichte in Kritik am kapitalistischen System. So umsichtig Rau im Umgang mit dem Leben Helga Bedaus war, so platt und psalmenhaft beschwört er eine Revolte herauf.

Spannend wird freilich, wie die nächstjährigen Salzburger Festspiele aussehen - mit Corona-Konzept oder vielleicht schon von dieser Bürde befreit? Die Leitung will ihre Pläne angesichts der volatilen Lage jedenfalls später bekanntgeben als sonst, nämlich erst vor Weihnachten.