Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Der Rezensent sitzt am Notebook, er hat zwei Gläser Weißwein getrunken und blickt in die Nacht. Ein voller Mond steht am Himmel. Die nun folgende Aufgabe: Schreibe über Marina Abramovićs Opernprojekt "7 Deaths of Maria Callas", vor ein paar Stunden wurde es an der Bayerischen Staatsoper (im Münchner Nationaltheater) uraufgeführt. Überraschenderweise waren dort kurzfristig 500 Besucher zugelassen. Erlaubt waren bis Sonntagabend nur 200. Markus Söder macht es möglich.

Der Kritiker saß im zweiten Rang, etwa nach einer Dreiviertelstunde löste sich ein Paneel auf Kniehöhe, sein rechtes Bein zuckte und verfing sich in zwei Kabeln, die zu einem Scheinwerfer führten. So weit zum leicht Abseitigen, Subjektiven. Es steht hier, weil auch der Münchner Abramović-Abend subjektiv-abseitig ist und sich einer üblichen Bewertung entzieht.

Zahlenmystik

Alles beginnt mit Marina Abramović im Bett. Dort liegt sie. Eine Stunde lang. Und rührt sich nicht. Vor ihr, in Richtung Publikum, singen sieben Sängerinnen berühmte Sterbeszenen, welche die Callas einst sang, die Szenen werden von bühnenfüllenden Videos ergänzt.

So sieht man etwa Tosca, die sich aus einem modernen Hochhaus in die Tiefe stürzt, beim Aufprall harmoniert ihr Perlenkleid perfekt mit den Glassplittern des Autos, auf dem sie landet. Madame Butterfly irrt im Schutzanzug durch eine dystopische Landschaft, streift selbigen irgendwann ab und verendet offenbar an giftigen Dämpfen. Carmen geht nach ausführlichen Fesselspielen in den Tod, Norma wandelt mit einem weiblich geschminkten Mann ins Feuer. Der Herr ist der bekannte US-Schauspieler Willem Dafoe und taucht öfters auf, legt beispielsweise Desdemona Schlangen um den Hals. Das alles hat einen hohen Schauwert, auch wenn es mitunter haarscharf am Kitsch vorbeischrammt. Siebenmal stirbt eine Opernfigur, die von der Callas gesungen wurde. Siebenmal, weil Abramović Zahlenmystik liebt und die Sieben in vielen Religionen eine besondere Zahl ist.

Yoel Gamzou liefert mit dem im Corona-Abstand auf der Bühne platzierten Bayerischen Staatsorchester eine kraftvolle, bisweilen leicht übersteuerte Interpretation der berühmten Stücke, ergänzt von unruhigen Klangflächen, die der Komponist Marko Nikodijević als Zwischenmusik geschrieben hat, einmal instrumental, ein anderes Mal rein elektronisch.

Der Staatsopernchor singt am Ende auch noch, allerdings leider recht dekorativ Girlandiges. Die Damen absolvieren ihre Auftritte überwiegend solide, mit eher reduziertem gestischen Pathos und wechselhaftem Vokalerfolg. Am besten sind Selene Zanetti (Floria Tosca) und Kiandra Howarth (Cio-Cio-San alias Madame Butterfly). Lauren Fagan übernimmt die eher undankbare Aufgabe, "Casta Diva" aus Bellinis "Norma" zu singen, sie macht es gut, aber wer das Bravourstück der Callas im Ohr hat, ist natürlich enttäuscht. Wer es nicht kennt, lernt es bald kennen, denn der zweite Teil des Abends findet in Maria Callas‘ Pariser Sterbezimmer statt, Abramović liegt anfangs dort - man ahnt es - im Bett, steht dann aber auf und beginnt ein Ritual.

Ihre eigene Stimme kommt vom Band (auch zwischen den Nummern des ersten Teils waren bereits diverse akustische Sinnsprüche zu hören) und sie folgt nun quasi sich selbst, geht exakt die Schritte, die der Lautsprecher ansagt, macht bestimmte Bewegungen, verlässt dann das Zimmer. Die Sängerinnen kommen als Putztruppe zurück, reinigen alles, verhängen den Raum mit dunklen Tüchern, ein Grammophon spielt "Casta Diva" mit der Original-Callas, dann erscheint Maria, nein, Marina ein letztes Mal - in goldig glitzerndem Kleid. Alles klar? Auf den Punkt gebracht: Die berühmte Performance-Künstlerin Marina Abramović erfüllt sich einen Traum und bringt die ihr seit Jahrzehnten so wichtige Sängerin Maria Callas auf die (Opern-)Bühne. Eigenwillig, eigenartig, etwas kunstgewerblich, aber auch formstreng unerbittlich.

Etwas Musiktheater. Viel Performance. Und zwei Fragen muss man gleichberechtigt stellen: Warum das Ganze? Und: Warum denn nicht?