Auch mit der dritten Produktion der um Monate verschobenen und bis aufs Äußerste gestrafften Wiener Festwochen, "Mal - Embriaguez Divina" der 1979 auf Kap Verde geborenen Tänzerin und Choreografin Marlene Monteiro Freitas, kann das konsequent programmierte Festival überzeugen.

Ausgangspunkt für die neue Arbeit der von Festival zu Festival dauertourenden, mehrfach ausgezeichneten Künstlerin ist, das verrät schon deren Titel, das "Böse" - und hier vor allem George Batailles 1957 erschienener Essay "Die Literatur und das Böse".

Die Inszenierung transformiert sein Objekt so faszinierend facettenreich, wie es selten themenumkreisende Produktionen dieser Art tun. Denn so variantenreich all die Ausprägungen des "Bösen" auch sein mögen, so wandlungsfähig, undurchschaubar und mannigfaltig einlösbar ist es eben auch. Das beweist vor allem Freitas’ herausragendes neunköpfiges Ensemble. Bis auf eine sind alle, Infanten des "Bösen" gleich, in Grün gefütterte, blaue Samtjacken und weiße Strümpfe mit hellblauen Bändern gekleidet. Freitas entpersonalisierten, hybriden Figuren patrouillieren, stampfen, brabbeln, tröten und grimassieren sich an diesem abschweifungs- und disruptionsmächtigen Abend 100 atemlos dichte Minuten lang durch einen Situationen-Reigen der Faszinationen und Verstörungen, in dem Freitas all das Schlechte, Faule und Üble der Welt in der Opulenz seines Erscheinens dekliniert. Das Böse steckt nicht einfach nur in allem - es ist ein weißes Blatt, dass der Mensch mit allem füllen kann. Ein grandioses "Weltgericht".