Fünfstunden-Opern mit zwei Pausen sind in Bayreuth die Norm, oben auf dem "Grünen Hügel" mit Richard Wagner. Heuer fiel das aus den langsam jedermann nervenden Gründen aus. Dafür fand unten in dem Opernhaus-Juwel, das die Bayern der Schwester des Preußenkönigs Friedrich II. zu verdanken haben, ein kleines Wunder statt. Die topsanierte barocke Herrlichkeit des Markgräflichen Opernhauses diente ihrer eigentlichen Bestimmung und bot den haargenau passenden Rahmen für den Auftakt zum ersten Bayreuth Baroque Festival.

Max Emanuel Cenčić, jetzt schon Countertenor, Regisseur und Inhaber der Produktionsfirma Parnassus Arts Production, ist nun auch noch Festival-Intendant: Mit der vergessenen Opera seria "Carlo il Calvo" (1738) des Neapolitaners Nicola Antonio Porpora (1686-1768) ist ihm ein glanzvoller Auftakt gelungen - zwar nur für zugelassene 200 Zuschauer, aber dafür ohne personelle Ausdünnung auf der Bühne oder im Graben.

Bewaffnet: Bruno de Sá als Clan-Advokat. - © Traubenberg
Bewaffnet: Bruno de Sá als Clan-Advokat. - © Traubenberg

Für den wohltemperiert drängenden Sound sorgen George Petrou und sein Orchester Armonia Atenea. Cenčić hat die Ausgrabung selbst inszeniert und mit seinem Team in Athen einstudiert. Für die zwischen karibischer und mediterraner Verfall-Grandezza changierende Bühne hat Giorgina Germanou die Salons und Wintergärten gebaut und Maria Zorba mit dem Chic der Kostüme für 20er-Jahre-Eleganz gesorgt. Das ariengespickte, barocktypisch verworrene Jeder-gegen-jeden beginnt und endet mit einer üppigen Familientafel, mit diabolisch krächzendem Gelächter einer Alten im Rollstuhl zu Beginn. Und es endet mit einem vom Stuhl fallenden Familienoberhaupt - kurz nach dem unvermeidlichen, mit einer herrlich komischen Tanznummer hingeswingten fröhlichen Schluss.

Dazwischen lässt Cenčić eine Art Telenovela mit einem Mix aus Erbschaftsstreit, Machtkampf und Liebeshändel aller möglichen Varianten ablaufen. Die machen Spaß und lassen auch dann, wenn in den Arien die Wiederholungsrunden angesagt sind, keine Langeweile aufkommen. Auf dieser üppigen, sich mehrmals wandelnden Bühne ist immer was los - im Zweifel ein Tick mehr als nötig.

In der eigentlich im Mittelalter angesiedelten Story wird bis aufs Messer um das Erbe, also die Macht gestritten. Die Übersetzung ins mafiöse Klischeemilieu funktioniert. Als Counter gibt Cenčić selbst, stilsicher wie gewohnt, den sichtbar gealterten Clanchef Lottario. Bruno de Sá fällt (als Anwalt der Familie) mit seinen atemberaubenden Sopran-Spitzentönen auf. Tenor Petr Nekoranec bemüht sich, als Bodyguard Asprando mit allen Mitteln (bis zum Versuch, den verklemmten Clanchef persönlich mit seinem Luxuskörper zu verführen) seine eigenen Ambitionen durchzusetzen. Dass er sich als der leibliche Vater des Knaben Carlo entpuppt und bei einer zünftigen Schießerei auf der Strecke bleibt, versteht sich fast von selbst.

An der Spitze des Ensembles aber glänzen Franco Fagioli und Julia Lezhneva als Liebespaar mit Hindernissen. Fagioli demonstriert wieder einmal seine Extraklasse auf dem vokalen Koloraturhochseil in der Barockzirkus-Arena. Für das einzige Endlosduett mit der so quicklebendig wie federleicht mit ihm davon schwebenden Russin gibt es den längsten Szenenapplaus. Beifall für die beiden grandiosen Protagonisten, aber auch für Porpora. Endlich einmal wieder "richtige" Oper, mit allem Drum und Dran.