Die Zeit ist knapp, besonders dieser Tage an der Staatsoper: Am Montag beginnt die Ära von Neo-Direktor Bogdan Roščić, und das prestigeträchtig mit einer Premiere. Carolyn Choa, Regisseurin der bewussten "Madama Butterfly", strahlt im Gespräch dennoch Entspanntheit aus. Die in Hongkong Geborene bedankt sich für das Interview, und sie entschuldigt sich dafür, dass sie kein Deutsch spricht. Wien sei die Lieblingsstadt ihrer Mutter gewesen - und deren Faible so weit gegangen, unmittelbar nach dem ersten Aufenthalt einen Deutschkurs zu beginnen.

Solche Studien wären für Choa gerade unmöglich. Die Uhr tickt - auch deshalb, weil die Pandemie den Probenbeginn verzögert hat. "Eigentlich hätten wir im Juni starten sollen, konnten aber erst im August." Einige Sänger trudelten noch später ein, und die Hauptdarstellerin war doppelt belastet: "Hätten wir im Juni geprobt, wäre Asmik Grigorian völlig verfügbar gewesen. Aber im August war sie zugleich bei den Salzburger Festspielen gebucht. Sie pendelte also zwischen beiden Städten. Wir schätzen ihre harte Arbeit wirklich!" Die Proben selbst fanden ohne Corona-Einschränkung statt: Das Bühnenpersonal hat die Lizenz zur Körperberührung und wird wöchentlich getestet.

Aufs Gas gestiegen

Ein Umstand beschleunigte die Vorbereitungen allerdings: Diese "Butterfly" ist keine Neugeburt. Carolyn Choa und ihr verstorbener Mann, der Hollywood-Regisseur Anthony Minghella, hatten die Regie 2005 für die English National Opera entwickelt, später auch in Vilnius und an der New Yorker Met gezeigt; noch heuer war die Produktion in London zu sehen.

Um in Wien aufs Gas zu steigen, sind ein paar ausländische Veteranen dieser "Butterfly" angereist, darunter drei Solotänzer und ein Puppenspieler. "Die Arbeit mit der Puppe ist sehr kompliziert, das hätte Wochen gedauert", erklärt Choa. Sie hofft, die Aufgabe später in die Hände heimischer Künstler legen zu können.

Ist diese "Butterfly" nun eine Wiederaufnahme oder irgendwie doch eine Premiere? Choa: "Die Leute sehen es als Revival, was ja auch stimmt, weil es diese Produktion schon länger gibt. Für uns fühlt es sich aber an, als würden wir ein neues Schauspiel entwickeln, wir arbeiten mit einer ganz neuen musikalischen Besetzung."

Unter anderem schwingt Philippe Jordan, der dienstfrische Musikdirektor des Hauses, den Taktstock. Auf der Bühne gibt die besagte Grigorian, in Salzburg 2018 frenetisch als Salome gefeiert, ihr Staatsopern-Debüt als Cio-Cio-San. Und neben ihr steht ein hierzulande unbeschriebenes Blatt namens Freddie De Tommaso. Ein junger Sänger, der die Rolle des amerikanischen Liebhabers Pinkerton "knabenhaft und charmant spielt" und damit neue Facetten einbringe, sagt Choa.

Was ist die Stärke der Produktion selbst? Die Trailer auf YouTube präsentieren sie als Augenschmaus mit bunten Kostümen, leuchtenden Lampions und Tanz. Choa: "Natürlich will man auch das Auge unterhalten." In erster Linie gelte aber: "Wenn man das Privileg hat, an einem Meisterwerk zu arbeiten, will man das Libretto und die Musik ehren", auch die Figuren genauer ausleuchten. Dabei sei ihr Regie-Ansatz denkbar einfach: "Wir belassen die Handlung in ihrer Zeit und in Nagasaki und versuchen nicht, etwas Cleveres draufzusetzen. Stattdessen erzählen wir die Geschichte klar und möchten mehrdimensionale Charaktere zeigen."

Dabei betrachtet Choa die Figuren mit Wohlwollen. Einen Schuft gebe es hier nicht. Auch Pinkerton sei keiner. Heuchelt er nicht einer Geisha ewige Liebe vor, um sich unversehens ins alte Leben fortzustehlen? "Er ist einfach sehr jung. Ich denke, er macht das, was alle von seinem Boot tun, und er weiß nicht, dass Cio-Cio-San anders ist." Letztendlich sei diese Puccini-Oper "eine Metapher für jegliche Form des kulturellen Unterschieds". Um dem japanischen Rahmen der "Butterfly" Tribut zu zollen, blitzen auf der Bühne fernöstliche Theaterformen auf, heben sich opulente Kostüme von kargen Hintergründen ab - eine Ästhetik, die sich zugleich auch dem Einfluss von Theaterlegende Peter Brook verdanke.

"Freunde sind eifersüchtig"

Apropos globale Unterschiede. Frage an die vielgereiste Künstlerin: Stimmt es, dass der Kulturstandort Wien derzeit wesentlich mehr floriert als andere? Choa: "Als ich London im Juli verlassen habe, war dort nichts los, in New York das Gleiche. Meine Freunde sind richtig eifersüchtig, dass wir hier in Wien arbeiten können."