Theodor W. Adorno und Rolf Liebermann hätten ihre reinste Freude am Thema des Symposiums am Freitag an der Wiener Staatsoper gehabt. Im Mai 1966 diskutierten sie mit Kollegen im Palais Palffy über die Vor- und Nachteile des Repertoiretheaters gegenüber dem Stagione-System mit dessen wechselndem Ensemble. Die Veranstaltung sorgte dazumal für einiges an Aufregung und trat eine Diskussion los, die sich bis heute in Theaterkreisen hartnäckig hält.

Mehr als 60 Jahre später lud die Wiener Staatsoper nun am Freitag zum Symposium im Gustav Mahler-Saal. Das Motto lautete in Anlehnung an die historische Diskussion: "Das Repertoiretheater ist tot! – Es lebe das Repertoiretheater?". Das Fragezeichen am Ende ist bezeichnend für die Inhalte der heutigen Diskussionen. Auch ein halbes Jahrhundert später herrscht Uneinigkeit, ob man das Repertoiretheater nun hochleben lassen soll oder nicht. Die Vorteile sind unschwer zu erkennen. Ein eingespieltes Ensemble, bewährte Stücke und sichere Einnahmen. Trotzdem haftet dem Ganzen der Hauch des Verstaubten an. Aber neu ist nicht zwingend gleich besser, oder?

"Es wird sich einiges ändern"

Was die Leitung des Hauses an der Ringstraße angeht, wird sich das noch weisen. Neo-Staatsoperndirektor Bogdan Roščić stellt gleich zu Beginn der Veranstaltung klar, dass sich in seiner Amtszeit "einiges ändern" werde. Zugleich beruhigt er aber die Gemüter der traditionsbewussteren Operngänger: Die Staatsoper sei ein komplexer, hochentwickelter Organismus. Grobe Änderungen wären allein schon wegen der bestehenden Verträge mit den Künstlern nicht möglich; auch der finanzielle Rahmen der Staatsoper erlaube nur ein Gleichbleiben oder ein "komplettes Umschmeißen" des Spielplans, so Roščić, und Letzteres stehe ihm nicht zu. Rund 40 Werke seien für die aktuelle Saison geplant.

Was viele Opernfans nicht wissen: Die Republik Österreich hat den Repertoireauftrag der Staatsoper sogar gesetzlich verankert. Bei der Ausführung gibt es aber dennoch Spielraum. In der Praxis bringt man im "ersten Haus am Ring" seit Jahren eine Mischung aus Repertoire und Ensemble, die konstant gute Zahlen liefert. Das war aber nicht immer so.

In den ersten Jahren nach Eröffnung der Wiener Staatsoper wollte man vermehrt Neues auf der großen Bühne sehen. Erst mit Herbert von Karajan gab es eine Entwicklung hin zum Repertoire. Die Dramaturgen des Hauses, die Gebrüder Láng, betonen, dass der Spielplan zum Teil auch von technischen Gegebenheiten abhängt. Der unterschiedlich hohe Aufwand bei Auf- und Abbau zwingt die Intendanten eines Hauses in ein gewisses Korsett. Von den 450 Stücken, die bisher an der Staatsoper aufgeführt wurden, sind in etwa die Hälfte Eintagsfliegen. Nur 90 Werke wurden mehr als 100 Mal gezeigt. Die Königsklasse beschränkt sich schließlich auf etwa 30 Werke. Die Mitglieder dieser Riege hatten in den letzten Jahren sinkende Aufführungszahlen – man versuchte eben auch, im bestehenden Repertoire gut zu mischen.

Nach landläufiger Meinung bildete sich erst Ende des 18. Jahrhunderts ein ständiges Opernrepertoire in Europa. Chefdramaturg Sergio Morabito weist darauf hin, dass es dieselbe Entwicklung aber schon zuvor gegeben hat, und zwar mit Libretti. Komponisten waren damals Theaterschaffende, indem sie ein und denselben Text unterschiedlich vertonten. Die Neuvertonungen von früher waren also in gewisser Weise die Neuinszenierungen von heute. Und schon damals gab es dieselben Argumente dagegen wie heute in der Regietheater-Debatte – langweilig, alt, verklemmt.

Die Vorherrschaft des Ensembletheaters hat aber aus historischer Sicht noch andere Gründe. Laut Musikwissenschafter und Universitätsprofessor Michael Walter ist sie vor allem bedingt durch die Gründung der Stadttheater, die größtenteils das Programm der Hoftheater nachspielten. Letztere sollten vor allem den "ungebildeten Adel" mit Stücken aus dem Repertoire "erziehen". Dieser "Bildungsauftrag" fruchtete aber nicht immer. Oft wollte das Publikum schlichtweg nicht belehrt, sondern unterhalten werden. So blieb etwa auch Beethovens "Fidelio" mehrmals erfolglos und konnte erst durch die Aufführung mit einer berühmten Sängerin beim Publikum punkten.

Tradition mit Pfiff

Tanzhistorikerin und Dramaturgin Andrea Amort lässt schließlich noch leichte Kritik am Status des Balletts anklingen. Letzteres stehe noch immer im Schatten der Oper, so mahnt die Autorin. Das Repertoiresystem sieht sie beim Tanz nicht zwingend als Problem. In Amorts Augen lassen Tänzer die Musik energetisch zum Leben erwachen und frieren sie nicht bloß ein. So entstünden immer neue Ausdrucksformen und Variationen in der jeweiligen Interpretation, die den gewohnten Stücken frischen Wind verleihen. Die Antwort, wo dabei der Unterschied zu Gesang und Schauspiel liegen soll, bleibt Amort jedoch schuldig.

Roščić gibt sich zum Abschluss des Vormittags noch einmal volksnah und weist das Publikum vor der Mittagspause auf die Neuerungen im altehrwürdigen Gustav Mahler-Saal hin. Die ausladenden Flügelfenster geben neuerdings wieder den Blick auf die Ringstraße frei. Mit einer speziellen Folie werden die prunkvollen Stickereien an den Wänden vor dem Lichteinfall geschützt. Ein bisschen neu also, aber alles im Sinne der Tradition. Ganz wie beim Repertoiretheater eben.