Ab 16. September spielt Günther Paal alias Gunkl sein neues Programm "So und anders - eine abendfüllende Abschweifung". Wohin er abschweift, warum er sich vor allem Gedanken über das Mitdenken macht, und weshalb Corona bei der Premiere im Wiener Stadtsaal für ihn kein Thema sein wird, hat er im Telefoninterview erläutert.

Erst einmal die Fakten anschauen, bevor man in eine innere Eskalation gleitet, rät Gunkl. - © Robert Peres
Erst einmal die Fakten anschauen, bevor man in eine innere Eskalation gleitet, rät Gunkl. - © Robert Peres

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Programm kommt Corona nicht vor.

Gunkl: Ja, weil der Inhalt lange vor Corona festgestanden ist. Und es ist schon so viel darüber gesagt worden, dass es nicht notwendig ist, dass ich es jetzt auch noch etwas sage. Außerdem weiß man ja nicht, wie sich das weiterentwickelt, und ich will mein Programm nicht dann noch einmal umschreiben müssen. Es gibt ja auch Dinge abseits von Corona, die zumindest betrachtenswert sind.

Der Titel "So und anders - eine abendfüllende Abschweifung" ist so (wenig) erhellend wie die Inhaltsangabe - wovon handelt es denn nun tatsächlich?

Im Großen und Ganzen geht es um die Conditio humana: Wie wir Menschen sind, was uns ausmacht, wie wir dazu kommen, was es für Herkünfte und Konsequenzen hat, und wie wir mit Sprache umgehen, wo da mögliche Patschen liegen. Es wird auch ums Denken gehen. Quasi die Sideshows des Denkens; nicht der Kern, sondern das, was sozusagen in den Randbezirken auch noch interessant ist; bis hin zu einigen Überlegungen, was Künstliche Intelligenz angeht, was man bedenken sollte, wenn man sich so etwas ins Gebälk setzt.

Ist KI da positiv oder negativ besetzt?

Wenn man es mit Bedacht betreibt, kann das schon sehr hilfreich sein. Die Suchalgorithmen im Internet sind ja als Intelligenzsimulation konstruiert, und es ist schon sehr gut, wenn mich interessiert, was die zweitlängste Hängebrücke der Welt ist, dass ich das sofort weiß. Ich wüsste ja nicht einmal, in welche Art von Bibliothek ich gehen müsste, wenn mich so etwas interessiert.

Umgekehrt schreiben uns die Suchvorschläge der Algorithmen aber auch vor, was uns zu interessieren hat.

Naja, so selbständig muss man schon sein, dass man so lange kletzelt, bis man das findet, was einen interessiert. Einfach jedes Angebot zu nehmen und dann anzunehmen, dass da keine wirtschaftlichen Interessen dahinterstehen, ist naiv. Zugriff auf das Wissen der Menschheit zu haben und zu glauben, das gibt es ganz umsonst, dass man sich als Preis dafür nicht zumindest irgendeine Werbung anschauen muss, ist einfach naiv. Genauso, wie anzunehmen, dass etwas, nur weil es im Internet steht, deswegen auch richtig und zweifellos ist. Man darf jetzt nicht dort, wo der Aufwand der Recherche weitestgehend entfällt, annehmen, dass man jetzt das Hirn auch gleich hinten nachschmeißen darf.

Ein Plädoyer also für das kritische Mitdenken?

Man sollte schon so zu Werke gehen, dass man einigermaßen sicher sein kann, dass es stimmt, aber man muss immer davon ausgehen, dass es vielleicht einmal nicht stimmt, und sich Methoden überlegen, wie man das überprüfen kann. Die Schnelligkeit, mit der ich an Informationen kommen kann, darf mir nicht das Hirn aus der Hand nehmen. Je mehr fremdgedacht ist, umso mehr bin ich in der - pathetisch gesagt - Pflicht und Verantwortung, diese Prozesse mit meinem Denken zu begleiten. Sonst begehe ich eine Selbstentmündigung, die irgendwann in Hysterie mündet; wo der kritische Gedanke freihat, aber menschliche Qualitäten abseits des Denkens, das Fühlen und das Entrüsten, einmal Platz greifen, sieht man ja, was dabei rauskommt, bei uns nicht so sehr wie in Deutschland oder den USA, was etwa Corona angeht - aber das lasse ich im Programm aus.

Ist das auch die Kernbotschaft des Programms? Was soll das Publikum am Ende mitnehmen?

Der Abend dreht sich irgendwie darum, dass man sich etwas erst einmal genau anschaut, bevor man beginnt, in eine innere Eskalation zu gleiten. Erst einmal Fakten sortieren und schauen, was ist, bevor ich mir überlege, wie es mir dabei geht. Nicht gleich mit einer unterstellten Haltung an die Welt herangehen und dann das, was ist, in meine Entrüstungsschachteln einordnen. Das wäre so ein Generaltenor, der sich auch grundsätzlich durch mein Leben zieht.

Bassist in Bands, ein Impro-Duo mit Gerhard Walter ("Herz und Hirn") und Soloprogramme: In welchem Setting fühlt sich der Asperger in Ihnen am wohlsten?

Ich mag das alles. Und ich mache da keine Unterschiede. Die Abende mit Gerhard Walter genieße ich sehr, weil wir nicht nur das Publikum, sondern auch uns selbst permanent überraschen. Beim Aufsperrfest im Niedermair hatten wir jeder nur sieben Minuten Zeit, da haben wir uns vorher ausgemacht, was wir sagen wollten - und beim zweiten Satz sind wir schon abgebogen. Ich finde das sehr lustig, das habe ich sehr gern. Aber ich habe auch die Solos sehr gern, wo ich silbenstarr weiß, was in den folgenden zwei Stunden passieren wird, wenn nichts dazwischenkommt - was eh nicht passiert, außer es gibt Zwischenrufe aus dem Publikum. Es ist angenehm, das wechselmäßig zu betreiben.

Ihre bisherigen Programme kann man sich alle in voller Länge auf www.gunkl.at herunterladen, verbunden mit einer Bitte, dafür an "Asyl in Not" zu spenden. Kennen Sie da die Downloadrate?

Nein. Wer was wie herunterlädt, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie viele Leute sich meine Tipps des Tages anschauen. Aber ich habe auch einen sehr scharfkantigen Begriff von Geschenk: Ein Geschenk ist etwas, das gibt man, damit es jemand hat. Und damit ist es eigentlich fertig. Was der dann damit macht, ob der sich darüber freut, ob er jetzt mir gegenüber Dankbarkeit, Demut oder sonst etwas empfindet, muss wurscht sein. Ich gebe es, damit er es hat, Aus. Und das, was ich auf meine Homepage stelle, gebe ich, damit jemand es haben kann. Wie viele Leute das sind, wie sie damit umgehen, da darf ich keine Forderungen stellen.

Das ist eine schöne Antithese zu Google & Co.

Ja. Das gibt es eh viel zu selten. Die Dinge, die ich für richtig halte, die sollte ich machen, wenn es so leicht geht.

Wenn Sie Ihre alten Texte anschauen: Sind die heute auch noch gültig oder haben die gesellschaftlichen Entwicklungen tatsächlich schon manches überholt?

Im Grunde könnte ich alle Programme heute auch noch spielen. Nur beim vorigen Programm habe ich die Idee formuliert, dass Fernsehdiskussionen vor Saalpublikum schlecht sind, weil nicht das Argument zählt, sondern die emotionale Wirkung. Man redet nicht nur aneinander vorbei, sondern gegeneinander. Man weiß, dass das Gegenüber ohnehin das, was man selbst sagt, von vornherein ablehnt, und achtet nur darauf, dass man das Saalpublikum dazu bringt, zu applaudieren. Ich habe im Programm Diskussionssendungen ohne Saalpublikum gefordert - und da hat mich Corona jetzt rechts überholt.

Und sind die TV-Diskussionen ohne Saalpublikum jetzt besser?

Was ich beobachtet habe, hat sich bei den Diskutanten offenbar ein Automatismus eingestellt, den sie sich erst ein bisschen herunterschrauben müssen. Ich hatte den Eindruck, dass ein bisschen ratlos so argumentiert wird, als gäbe es noch ein Saalpublikum. Formal ist meine Forderung also erfüllt, inhaltlich gibt es noch einen gewissen Weg, der zurückzulegen ist.

Haben Sie trotzdem die Hoffnung, dass die Menschheit sich grundsätzlich weiterentwickelt und aus ihren Fehlern lernt?

Ja. Dazu gibt es von Steven Pinker ein dickes Buch mit dem schrecklichen Titel "Gewalt", in dem er nachweist, dass - allerdings über viele Jahrhunderte - die Menschheit wirklich Fortschritte macht. In dem Sinn, dass die Gewalttoten pro Hunderttausend weniger werden. Auch wenn es immer wieder Kriege gibt. Aber wenn man es sich im Großen und Ganzen anschaut, wird die Menschheit gescheiter. Es gibt natürlich immer irgendwelche Schwankungen, und es gibt immer wieder Dinge, wo Möglichkeiten, irgendwelche Trottelhaftigkeiten zu exekutieren, übergroß werden, wie Facebook & Co. Aber da gibt es dann auch so ein Herumschwingen des Pendels. Das wird dann auch irgendwann einmal fad, und man merkt, dass es nichts bringt. Die nächste Generation lehnt es dann ab, auch weil es die eigenen Eltern gemacht haben, siehe Facebook. Aktuell schaut es zwar immer wieder so aus, als würde die Menschheit blöder werden - was zum Teil auch daran liegt, dass man immer mehr über die Blödigkeit erfährt -, aber ich glaube, im Großen und Ganzen kann man in eine länger- und langfristige Zukunft, was die Menschheit und ihren Umgang miteinander betrifft - was die Umwelt angeht, ist wieder eine andere Geschichte -, doch einigermaßen zuversichtlich sein.•