Über ein Gebot des neuen Hausherren haben sich die Besucher hinweggesetzt. "Bitte drücken Sie Ihre Begeisterung ausschließlich durch möglichst lautes Klatschen aus", steht im Corona-Leitfaden der Staatsoper, von "wohlverdienten Bravissimi" sei daher abzusehen. Dennoch wurde es am Montag schon während und vor allem nach der "Butterfly"-Premiere laut, schallten "Bravo"-Rufe durch den Raum. Aus mehreren Gründen. Stumm artikulierte Begeisterung fällt den Wienern sichtlich schwer.

Diese "Butterfly" markiert einen Neubeginn, der es in sich hat. Die Premiere war nicht nur die glanzvolle Wiederauferstehungsfeier für die Oper in Wien nach den Corona-bedingten Schließungen im Frühjahr, sondern auch der Beginn einer neuen Ära am Ring: der Direktion von Bogdan Roščić. Gründe genug also für Jubel.

Gewiss: Nach der eben erst gestarteten Eröffnungswoche mit drei Neueinstudierungen wird sich mehr sagen lassen, doch schon der erste Puccini-Abend lässt ahnen, wie die Staatsoper unter Roščić aussehen und noch viel wichtiger: klingen wird. Seit Montag hat die Staatsoper nämlich vor allem eines wieder: einen Musikdirektor.

Kraftvolle Klanggemälde

Auch wenn Philippe Jordan in Wien alles andere als ein Unbekannter ist: die neue Position beflügelt ihn. Dass er die erste Premiere selbst dirigiert hat (und auch künftig regelmäßig am Pult stehen wird), ist ein Signal in Richtung Kontinuität und Qualität.

Romantik mit Kirschblüten und einem Ballett aus weißen Lampions: "Pinkerton" Freddie De Tommaso trägt "Cio-Cio-San" Asmik Grigorian ins nur kurz währende Glück.   - © Michael Poehn
Romantik mit Kirschblüten und einem Ballett aus weißen Lampions: "Pinkerton" Freddie De Tommaso trägt "Cio-Cio-San" Asmik Grigorian ins nur kurz währende Glück.   - © Michael Poehn

Puccinis "Butterfly" begegnete Jordan mit viel Konzentration und Energie. Es sind kraftvolle, jedoch stets wohldosierte Klänge, die er mit dem Orchester in den Raum stellt. Jordan weiß zu schwelgen, ohne sich zu verlieren. Er versteht es, lyrisch zu reduzieren, ohne den Spannungsbogen abbrechen zu lassen. Dass er die Sänger in der Dramatik des Geschehens dennoch sanft zudeckt mit Klang, passt in sein kraftvolles Gesamtkonzept. Für seinen raffinierten oder revolutionären Zugang zur Partitur kann man den neuen Musikdirektor vorerst nicht feiern, wohl aber für einen dynamischen, gut gearbeiteten und emotional dichten Auftakt. Das Pult der Wiener Staatsoper ist somit wieder in festen Händen. Für das neue Direktionsteam der Oper sind Philippe Jordans Engagement und Präsenz jedenfalls ein hoffnungsvoller Vorgeschmack.

Auch über die Sänger offenbart dieser Abend bereits einiges. Mit dem britisch-italienischen Tenor Freddie De Tommaso (als Pinkerton) hat das Ensemble eine strahlend kraftvolle Stimme gewonnen, mit Andrea Giovannini (als Goro) eine etwas lyrischere. Die drei neuen Mitglieder des Opernstudios gaben teils markante Talentproben. Bariton Boris Pinkhasovich gestaltete die Partie des Sharpless mit Eleganz, Tiefe und Wärme, Mezzo Virginie Verrez die der Suzuki mit stimmlicher wie darstellerischer Präsenz.

Choreografien mit Fächern und Tüchern sowie starke Farben dominieren die schlichte Bühne von Michael Levine. - © Michael Poehn
Choreografien mit Fächern und Tüchern sowie starke Farben dominieren die schlichte Bühne von Michael Levine. - © Michael Poehn

Das am meisten beachtete Hausdebüt gab allerdings Asmik Grigorian in der Titelpartie. Die gefeierte Salzburger Salome zeigt sich als Cio-Cio-San stimmlich von ihrer dramatischen Seite. Auch wenn sie anfänglich in der Höhe an Grenzen stieß und sich das Volumen ihrer Stimme erst entfaltete im Laufe des Abends, so steigerte sie sich von Bild zu Bild. Die Tragödin des Finales steht ihr stimmlich besser als die kindliche Unbedarftheit des Beginns. Was Grigorian jedoch auf jeden Fall ist: eine absolute Bühnenfigur, die ihrer Rolle nicht nur eine Stimme gibt, sondern ihr Seele verleiht.

Es sind jedenfalls durchwegs charaktervolle, kraftvolle und alles andere als austauschbare Stimmen mit großem darstellerischen Potenzial, die Roščić ans Haus geholt hat. Ensemblepflege und -aufbau sind ihm offenbar ebenso ein Anliegen wie große Namen. Ob ihm hier die richtige Balance gelingt, wird die Saison noch zeigen.

In Sachen Regie sieht der Ausblick auf die Ära Roščić nach dem ersten Abend etwas durchwachsener aus. Zum Saisonauftakt gibt es keine Neuproduktion, sondern die Übernahme der Eröffnungsproduktion der New Yorker Met aus dem Jahr 2006, erstmals zu sehen war diese preisgekrönte "Butterfly" 2005 in London. Regisseur Anthony Minghella ("Der englische Patient") zeigt sich dabei als fundierter Japan-Kenner, Co-Regisseurin und Choreografin Carolyn Choa hat die Produktion ihres 2008 verstorbenen Ehemannes für Wien neu einstudiert.

Die farbenfrohen und doch klassischen japanischen Gewänder der "Butterfly"-Produktion stammen von Han Feng. - © Michael Poehn
Die farbenfrohen und doch klassischen japanischen Gewänder der "Butterfly"-Produktion stammen von Han Feng. - © Michael Poehn

Wunderbar ausgeleuchtete Bilder mit starken Farbkontrasten sowie detailverliebte Arrangements und Choreografien prägen diese Geschichte einer armen japanischen Schönheit, die von einem amerikanischen Offizier verführt, verraten und letztlich in den Tod getrieben wird. Es sind Details, die bezaubern: Wie präzise und feinfühlig die Puppe von Cio-Cio-Sans Kind geführt wird, wie durch raffinierte Lichteffekte das Verstreichen der Zeit greifbar wird, wie der Spiegel über der leeren schwarzen Bühne den Fächertänzen neue Dimensionen verleiht. Dazu regnet es Kirschblüten, weiße Lampions tanzen am Nachthimmel. Die stilisierten und filmisch epischen Bilder sind dabei mitunter mehr eine stark stilisierte Ästhetisierung denn eine Inszenierung. Von Interpretation ist hier nicht die Rede: Mitunter sind die statischen Bilder derart einnehmend, dass sie die Musik degradieren zum Breitbandsound, der die Tableaus untermalt.

Subtiles Puppenspiel von und mit dem Blind Summit Theatre. - © Michael Poehn
Subtiles Puppenspiel von und mit dem Blind Summit Theatre. - © Michael Poehn

Zur Tradition der Wiener Staatsoper passt es jedenfalls nicht schlecht, sich qualitätsvoll im Glanz der Vergangenheit zu sonnen. Und dem Repertoire des Hauses steht die Produktion ganz gut. In Sachen Gegenwart und Zukunft des Musiktheaters hat Bogdan Roščić jedoch noch reichlich Luft nach oben.•